Der Duden lässt ahnen, wohin die Rechtschreibreform führt.
Das Spiel ist offen. Die Ministerpräsidenten mögen glauben, sie hätten den langen Streit um die Rechtschreibung beendet, indem sie in der vergangenen Woche entschieden, die Neuregelung, wie ursprünglich geplant, zum 1. August 2005 in Kraft treten zu lassen.
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Sie mögen hoffen, mit der Einrichtung eines "Rats für deutsche Rechtschreibung" alle zukünftigen Auseinandersetzungen in bürokratische Bahnen gelenkt zu haben - auch wenn die Farce dadurch offensichtlich wird, dass der "Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung", der prominentesten Gegnerin der Reform, nur zwei von vierunddreißig Sitzen zugewiesen werden.
Nur - entschieden ist mit dieser Entscheidung nichts, nichts jedenfalls, was für die deutsche Rechtschreibung selbst von Belang wäre.
Warum das so ist, verrät die vor zwei Monaten erschienene dreiundzwanzigste Ausgabe des Duden-Wörterbuchs. Denn viele Zweifelsfälle der deutschen Schreibung werden von diesem Duden nicht mehr geregelt, jedenfalls nicht, wenn sie in den Bereich der Rechtschreibreform fallen.
Sie werden vielmehr freigegeben, in das Belieben des Schreibers gestellt, und zwar so sehr, dass bei den sich rasend vervielfältigenden "Varianten" der deutschen Orthographie in der Regel nicht einmal angegeben wird, welcher Variante der Vorzug zu geben sei - in der vorigen Ausgabe waren die nach der Reform vorzuziehenden "Varianten" immerhin noch rot ausgezeichnet.
In wesentlichen Teilen ist die deutsche Rechtschreibung freigegeben, und das zu einem Zeitpunkt, an dem innerhalb der Sprachgemeinschaft große Einigkeit über die Orthographie herrschte - zum ersten Mal übrigens in der deutschen Sprachgeschichte.
Der neue Duden ist kein amtliches Dokument. Und doch enthält er, nachdem die Kultusministerkonferenz im April den vierten Bericht der Rechtschreibkommission überraschend nicht angenommen hatte, alle wichtigen Änderungen, die in nächster Zeit auf uns zukommen werden - erkennbar schon daran, dass die Redaktion des Duden die jüngste Fassung der orthographischen Regeln, die am Ende des Bandes abgedruckt ist, nur von offizieller Seite hat erhalten können.
Tatsächlich sind die Regelungen, der Versicherung, sie seien "unverändert" zum Trotz, an vielen Stellen neu gefasst worden - so sehr, dass sie vor allem im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung auf eine Wiederherstellung des alten Zustands hinauslaufen.
Eilig zusammengebastelte Reparatur
Doch dabei handelt es sich um eine billige, eilig zusammengebastelte Reparatur, mit zahlreichen Mängeln und Widersprüchen: Offiziell heißt es jetzt wieder "weitgehend", während das reformierte "weit gehend" zu den "Varianten" zählt. "Schwerbehindert" und "sogenannt" sind nun "fachsprachlich" wieder korrekt, wogegen das reformierte "so genannt" (das es auch vor der Reform gab) gänzlich abgeschafft wurde.
Es darf wieder "großgedruckt" geschrieben werden, der entsprechende Eintrag "großgeschrieben" fehlt allerdings im neuen Duden. "Vollgefressen" soll es wieder heißen, wenn einer "dickleibig" sei, "voll gefressen" hingegen in allen anderen Fällen. Und die "Fliegenden Fische" sollen nun, weil ebenfalls "fachsprachlich", in großen Lettern daherkommen, obwohl es diese Spezies biologisch gar nicht gibt.
Was werden die Lehrer tun, in solch heilloser Verwirrung? Die wenigsten von ihnen werden in der Lage sein, jedes fünfte Wort einer beliebigen Klassenarbeit im Duden nachzuschlagen - doch genau darauf liefe die neueste Reform hinaus. Wenn nicht etwas anderes, viel Wahrscheinlicheres geschähe: dass sich Lehrer, Eltern und Schüler daran gewöhnen, dass jeder schreibt, so wie es ihm einfällt. Ob das aber im Sinn einer Vereinheitlichung lag?
(SZ vom 15.10.2004)
Brasiliens Präsidentin Roussef