Die Protagonisten der ¸¸Szene" behaupten, dass sich etwa 100 Europäer und 200 Amerikaner monatlich aufmachen zur Reise in eine Klinik in den Entwicklungsländern. Sie wollen sich dort vorsätzlich verstümmeln lassen. Doch sie hoffen nunmehr, dass sich auch westliche Kliniken für ihr Anliegen öffnen. Vehement streitet man für die Aufnahme ihres Syndroms in die nächste Ausgabe des DSM, des ¸¸Diagnostischen und Statistischen Manuals psychischer Störungen". Dann, so die Hoffnung, wäre weltweit eine ¸¸ergebnisoffene Beratung" möglich. Universitätskliniken und Stadtkrankenhäuser sollten, verlangen sie, solche selbst gewünschten Amputationen auch hier ausführen.
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Abseits der wachsenden, doch kleinen Zahl der tatsächlich oder vermeintlich Betroffenen berührt die Debatte den Kern des menschlichen Selbstverständnisses - in einer Zeit, in der dieselben Argumente, auf die sich die Selbstverstümmler berufen, auch auf anderen gesellschaftlichen Streitfeldern bemüht werden. Die Fragen, die sich hier wie auch beim Streit um Abtreibung, Sterbehilfe, kosmetische Operationen und wunscherfüllende Medizin stellen, lauten: Wie weit reicht die Autonomie des Menschen? Hat der Souverän seines Körpers auch ein Recht auf dessen partielle Zerstörung? Ist der Arzt stärker dem Wohl oder dem Willen des Patienten verpflichtet? Begründen auch pathologische Wünsche ein Recht? Gibt es neben der privaten Moral eine allgemeine, Zusammenhang stiftende Ethik? Ist Identität das Produkt unserer Selbstwahrnehmung? Elisabeth Kübler-Ross beantwortete die Fragen pragmatisch. Die Psychiaterin und Sterbeforscherin schrieb 2000, im Vorwort zum bisher einzigen Buch über BIID: Therapie, Medikamente, Operation müssten eingesetzt werden, damit die Betroffenen ¸¸vollständig leben können".
Dass weniger mehr sein, dass das innere Körperbild Ganzheit und Beschädigung ineins setzen kann, zieht sich als grundlegende Überzeugung durch die Debatte hindurch. Sie begann 1977, als drei amerikanische Psychiater erstmals über Apotemnophilie schrieben, wörtlich: die Lust am Abschneiden. Im Februar 2000 machte die britische BBC zwei Fälle öffentlich. Robert Smith hatte im schottischen Fulkirk zwei körperlich gesunden Menschen die Beine amputiert. Kurz darauf verfasste Smith mit Gregg Furth, einem Schüler von Kübler-Ross, Co-Autor des Aufsatzes von 1977, das besagte Buch. Die beiden Wissenschaftler vergleichen BIID mit anderen ¸¸angeborenen Konditionen" wie Homosexualität oder Alkoholismus, sie verweisen auf C.G. Jung und dessen Archetypen, und sie zitieren Jesus: ¸¸Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab; es ist besser für dich, verstümmelt in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen in die Hölle zu kommen."
Daraufhin schrieb ebenfalls 2000 der amerikanische Bioethiker Carl Elliott über das Phänomen, was wiederum die Regisseurin Melody Gilbert zur Dokumentation ¸¸Whole" (2003) inspirierte. Darin kamen zu Wort: George, der das Gewehr gegen sein Bein richtete; Baz, der seinen Fuß in Trockeneis legte, damit er amputiert werden musste; ein Mann aus Milwaukee, der sich eine Guillotine für den Oberarm bastelte. Baz spricht ganz im Sinne von Smith und Furth: ¸¸Nur die Chirurgie konnte mich heilen."
Dergleichen Anspruchsdenken stößt bei Carl Elliott auf Skepsis. Unkritisch sei ¸¸Whole" geraten. Niemand wisse, ob eine psychotherapeutische Behandlung erfolglos geblieben wäre. Vor allem aber beschleicht Elliott der Verdacht, hier verbreite sich eine ¸¸Psychomode" allein durch mediale Präsenz.
Trotzdem werben die jüngsten Publikationen um Verständnis. Zwei australische Bioethiker schrieben im März dieses Jahres, das individuell für gut Erkannte müsse die Gesellschaft respektieren - wie sie es auch bei Schönheitsoperationen tue. Außerdem, so Tim Bayne und Neil Levy, sei ein Körperglied, das man nicht als ein solches wahrnehme, ¸¸faktisch bereits kein eigener Körperteil". Im Juni veröffentlichte Michael First, Psychiater an der New Yorker Columbia University eine Studie, die auf der Befragung von 52 Betroffenen beruht, von denen neun Hand an sich gelegt hatten. Umstrittener Tenor: Therapie sei zwecklos, nur die Amputation könne Identität und Anatomie in Einklang bringen.
Diese und die anderen Aufsätze kennen auch die Akteure der deutschen Debatte, sie kennt auch ein Geschäftsmann aus Dortmund, dessen Anliegen für Aufsehen sorgt: Er ließ nun im Internet die Frage zirkulieren, ob ein Arzt bereit sei, ihm auf dem Operationstisch zur wahren Identität zu verhelfen. Er möchte auch äußerlich ein Querschnittsgelähmter sein. Der Mann, im Gespräch hoch kultiviert, rechnet sich wie fast alle Betroffenen zu den Akademikern und zu den passionierten Internet-Nutzern: ein kaum zufälliger Gleichklang. BIID ist ein Intellektuellenphänomen, es setzt anscheinend die Bereitschaft zur fortwährenden Reflexion und Artikulation seiner selbst voraus. Der Mann aus Dortmund will sich im Januar mit Gleichgesinnten auf die Suche machen nach einem Chirurgen außerhalb Deutschlands. Die Versuche, hier eine ¸¸ergebnisoffene psychotherapeutische Konsultation" zu erlangen, seien bisher gescheitert.
Die hoch symbolische, zeittypische Sehnsucht nach einem Zustand, der Aufmerksamkeit und Fürsorge provoziert, birgt eine Aporie: Das Glück auf Krücken kann nur sich einstellen, wenn die Genese verschwiegen wird. Wer empfände Mitgefühl mit einem Rollstuhlfahrer, der seine Lähmung selbst herbeigeführt hat? Insofern ruht die angebliche Erlösung auf einer Lüge. Wer handelt, wie er meint, handeln zu müssen, wird sich davon nicht überzeugen lassen. Und die ethische Großwetterlage scheint den BIID-lern günstig gesonnen. ¸¸Rollstuhl_jetzt" notiert: ¸¸Das ethische Verbot ist nicht haltbar. Ich bin mir sicher, dass die analytische Philosophie der angelsächsischen Kultur früher oder später diese Antwort geben wird." Anders kann es kaum kommen in einer lädierten Epoche.
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(Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.290, Freitag, den 16. Dezember 2005)
Staatsbesuch in Israel