Von Alexander Kissler

Pflegefall vs. Lolita: Der Held von Christian Hallers Roman "Im Park" schwankt zwischen seiner gelähmten Freundin und seiner Schülerin.

Es ist eine triviale Geschichte: Ein Mann, knapp jenseits der Lebensmitte, verliebt sich in eine Schülerin, gerade volljährig geworden. Als er ernsthaft überlegt, deshalb seine langjährige Partnerin zu verlassen, trifft diese buchstäblich der Schlag, der Hirnschlag, wird sie zum Pflegefall.

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Und ewig lockt die Lolita: Christian Hallers Romanheld Emile hat eine halbseitig gelähmte Freundin im Krankenhaus - geht aber lieber mit seiner blutjungen Geliebten auf Schülerpartys. (© Foto: Reuters)

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Nichts ist mehr trivial. Im Kopf des Mannes macht jener vermaledeite Konjunktiv sich breit, der diese sanfte Recherche namens Roman ganz durchzieht und mit dem sie auch beginnt: "Die Tür würde nicht verschlossen sein, zu überstürzt hatte Emile die Wohnung in der Nacht verlassen müssen."

Der 1943 geborene Schweizer Autor Christian Haller, den man leider immer noch einen Geheimtipp nennen muss, galt bisher als Meister des Imperfekts. Seine dreibändige "Trilogie des Erinnerns" (2001-2006) beschrieb höchst kunstvoll, sensibel und ausdrucksstark die Geschichte der eigenen Familie, vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis fast in die Gegenwart.

Es war die Geschichte eines kulturgesättigten großmütterlichen Beginnens in Rumänien, eines großväterlichen Aufstiegs zum Schweizer Stahl-Tycoon und Kriegsgewinnler und eines väterlichen Ringens um Anerkennung, dem die Male der Vergeblichkeit tief eingeschrieben waren.

Klara, die Geliebte, die Schülerin

So wie der Großvater als ehemaliger Fremdenlegionär "eine Glut in seiner Erinnerung" trug, "ein Brennen, das sich in Felsen und an Steinen brach, sich auffächerte zu einem rostigen Rot, zu bläulichen Grautönen, die Luft in eine schlierig zitternde Masse verwandelte" - so war allen Hallerschen Helden das Gewesene ihr schwankendes Daheim.

Nun regiert der Konjunktiv und mit ihm die Sorge um ein Morgen, das man zu kennen glaubt und doch nicht kennen will. "Die Tür würde nicht verschlossen sein": Emile zittert vor dem, was kommt, und hofft, es käme radikal anders. Ein besseres Leben, ein leidenschaftlicheres Lieben, ein freieres Arbeiten sehnt der Paläontologe herbei, der kraft seines Berufes doch nur im menschheitsgeschichtlichen Vorgestern heimisch ist: "Emile dachte in Formen, welche die Zeit an Spuren hinterlassen hatte, Ein- und Abdrücke ehemaliger Lebensvorgänge."

Wer vom Leben nur Abdruck und Umriss wahrnimmt, das Abgeschlossene also, dem gerät der Ausblick zum Rückblick: Es wird sich ja alles wiederholen, das Leben lagert Totes ein. Deshalb ist der Konjunktiv die einzige, ihrerseits paradoxe Möglichkeit, den Blick zu weiten auf ein Morgen hin und dieses Morgen im selbstgewissen Blick stillzustellen.

Emile lebt in "Sedimentgeschichten von Gedanken, Reden, Erklärungen", will endlich jedoch ausbrechen aus "all den schiefergrauen Mustern, petrifizierten Festlegungen, erstarrten Lebensgerüsten". Er fand stets nur Knochen, Steine, Ordnungen, Gebote, und er findet schließlich Klara, die Geliebte, die Schülerin, das ganz Andere, ein Leben um des Lebens willen.

Lesen Sie auf Seite 2, wie der liebestolle Emile sich lächerlich macht.

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