Raubkunst Die Beute der Kolonialherren

Was tun mit der Raubkunst? Der deutsche Museumsbund hat sich Gedanken gemacht, um das Händeringen in deutschen Sammlungen zu beenden, und einen Leitfaden erstellt. Auch Kritiker kommen darin zu Wort.

Von Jörg Häntzschel

Seit der Debatte um das Humboldt-Forum müssen sich Deutschlands ethnologische Museen erklären: für ihre teils nicht mehr zeitgemäße Darstellung außereuropäischer Kulturen, für ihren Eurozentrismus, vor allem für die Objekte zweifelhafter Herkunft in ihren Sammlungen. Seit der französische Präsident Emmanuel Macron versprochen hat, innerhalb von fünf Jahren die Voraussetzungen dafür zu schaffen, Raubgut aus den Museen an Afrika zurückzugeben, ist der Druck noch gestiegen.

Einiges hat sich durchaus bewegt: Die Aufarbeitung des Kolonialismus steht im Koalitionsvertrag, es gibt neue Stellen für die Provenienzforschung. Doch ein radikaler Kulturwandel wie in Frankreich ist nicht zu erkennen. Daran ändert auch der "Leitfaden zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten" nichts, den der deutsche Museumsbund am Montag mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters in Berlin vorgestellt hat. Der Zweck des 130-seitigen Handbuchs ist es, das Händeringen über die Kolonialismusfrage an den deutschen Museen zu beenden. Der Museumsbund hat dafür als Autoren auch bekannte Kritiker des deutschen Umgangs mit der Kolonialzeit gewonnen, wie den Historiker Jürgen Zimmerer.

Über weite Strecken stimmt das Ergebnis durchaus optimistisch. Das beginnt bei den Begriffen Kolonialismus und "koloniale Kontexte", mit denen hier nicht nur die Jahrzehnte gemeint sind, in denen Deutschland eigene Kolonien besaß, sondern die gesamte koloniale Ära, die im 15. Jahrhundert begann und bis heute anhält. Zu den fraglichen Objekten zählen die Autoren afrikanische Masken, aber auch Werke europäischer Künstler, Fotografien, Waffen aus den Kolonialkriegen und Plakate der staatlichen Propaganda. Bemerkenswert ist, wie eindringlich die Autoren mahnen, die Sensibilität der Herkunftskulturen zu beachten, um das Unrecht der Kolonialzeit nicht fortzusetzen. Nicht die Europäer allein entscheiden, was heilig ist und was profan - denn letztlich gehören den Museen diese Objekte nicht.

Doch dieser Geist verliert sich in den Kapiteln wieder, in denen es um die Frage von Restitutionen geht. Zu prüfen sei, "ob ein regelrechter Rechtsanspruch auf Rückgabe des (...) Sammlungsstückes besteht." Wenn nicht, seien öffentlichen Institutionen die Hände gebunden: "Eine Weggabe von Eigentum (...) darf eigentlich nur dann erfolgen, wenn es hierfür eine gesetzliche Grundlage gibt." Was die Autoren nicht sagen, ist, dass dieser Anspruch ohne bilaterale Abkommen so gut wie nie besteht.

Christian Kopp von der Initiative "NoHumboldt21!" erklärte, mit diesen "reaktionären Richtlinien" fielen die Museen "weit hinter die Debatten der letzten Monate zurück". "Sie dienen vor allem der Bewahrung von Sammlungsgut" und stellten "Deutschlands kolonialrassistisches (Un-)Recht der Zeit" über die Rechte der Herkunftsgesellschaften. Zimmerer verteidigte das Handbuch jedoch als ersten Schritt: "Das sind Bestimmungen, die keine Türen schließen, auch wenn sie sie nicht so weit öffnen, wie ich es mir gewünscht hätte. Nun ist die Politik gefragt - eine große Geste, die bisher in Deutschland keiner gewagt hat."