Neue Datenbank Beute Kunst: Nazi-Diebesgut im Internet aufgelistet

Berühmte Gemälde, edle Stilmöbel, teures Porzellan: In Deutschland glaubt man, dass 80 Prozent der von Nazis geraubten Kunstwerke zurückgegeben wurden. Eine Datenbank lässt auf anderes schließen.

Von G. Knapp

Für die Provenienzforschung, die nach dem Verbleib von Kunstwerken fragt, die während der Nazizeit aus jüdischen Sammlungen und Haushalten geraubt worden sind, könnte dieser Dienstag ein wichtiges Datum werden: Von jetzt an ist im Internet eine Datenbank frei zugänglich, in der 20.000 während der deutschen Besetzung in Frankreich und Belgien geraubte Kunstobjekte registriert sind - sie stammten vorwiegend aus jüdischem Besitz.

Zusammengestellt haben die unter www.errproject.org/jeudepaume erreichbare Datenbank die in New York ansässige Conference on Jewish Material Claims Against Germany und das United States Holocaust Memorial Museum in Zusammenarbeit mit dem Bundesarchiv in Koblenz und den einschlägigen Archiven in Frankreich und den USA.

Grundlage für die Veröffentlichung sind die während der Besatzungszeit in der zentralen Sammelstelle für Beutekunst im Museum Jeu de Paume in Paris angefertigten Akten und Ordner, in denen die geraubten oder abgepressten Kunstobjekte penibel verzeichnet sind. Nur ein Teil des während des Kriegs auf mehrere Orte verteilten Aktenmaterials konnte bisher gefunden werden.

Ergänzt wird die Dokumentation durch Fotografien aus dem Bundesarchiv, die in erschütternder Nüchternheit von den Odysseen berichten, die den in Kisten verpackten Schätzen während der Transporte quer durch Europa widerfahren sind. Andere Fotos zeigen, wie erbeutete Prunkstücke an improvisierten Orten wohnlich arrangiert wurden, damit Nazi-Größen sich ein Bild machen konnten von den Objekten, die ihnen plötzlich zur Verfügung standen: weltberühmte klassische oder moderne Gemälde, edle Stil-Möbel oder wertvolles altes Porzellan.

Rosenbergs Raubzüge

Systematisch organisiert worden sind die deutschen Beutezüge während des Zweiten Weltkriegs durch den "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg". Eine Unterabteilung dieser Organisation, der "Sonderstab Bildende Kunst", war in Paris für die Registrierung, die Verteilung oder den Verkauf der in 260 jüdischen Haushalten in Frankreich und Belgien konfiszierten Kunstwerke zuständig. In der jetzt freigeschalteten Datenbank kann man erstmals per Klick in den erhaltenen Aktenordnern blättern und sich selber ein Bild machen von der Akribie, mit der die gestohlenen Objekte registriert und charakterisiert worden sind.

Seit Kriegsende sind von den nachweislich geraubten Kunstwerken zwar viele an ihre ursprünglichen Besitzer oder deren Erben zurückgegeben worden. Doch wie hoch der Prozentsatz der zurückgegebenen Objekte ist, darüber gehen die Meinungen derzeit noch weit auseinander. In Deutschland geht man davon aus, dass ungefähr 80 Prozent der von Deutschen während des Weltkriegs in Europa unrechtmäßig entwendeten Kunstwerke in den Jahrzehnten nach dem Krieg wieder restituiert worden sind. Doch die Claims Conference glaubt, dass bislang nur etwa die Hälfte der in der NS-Zeit geraubten Objekte an die Vorkriegs-Besitzer zurückgegeben worden ist.

Mit der neuen Datenbank möchten die Organisatoren den Überlebenden des Holocaust und ihren Verwandten ermöglichen, direkt in den Akten auf Suche zu gehen. Sowohl über Künstlernamen als auch über die Namen der vormaligen Besitzer kommt man hier zum Ziel. Ob freilich die großen Museen nach der Veröffentlichung der Akten ihre Provenienzforschungen intensivieren werden, darf bezweifelt werden.