Eine Software mit Namen "Waste" erlaubt erstmals kostenloses Filesharing mit perfekter Verschlüsselung. Das bringt die Musikindustrie wieder mal auf die Barrikaden. Dabei müsste sie doch nur den Weg zu hochwertigen Musikformaten weiter beschreiten. Und schon würde man gerne gutes Geld dafür ausgeben.
(SZ v. 05.06.2003) - Müssten sich die Detektive der Musikindustrie darauf einigen, wer derzeit ihr gefährlichster Gegner ist - die Chancen stünden nicht schlecht, dass dieser Titel an Justin Frankel, 24, aus San Francisco verliehen wird. Seit seine Firma Nullsoft von AOL Time Warner gekauft wurde, ist der Mann Angestellter beim größten Medienkonzern der Welt - aber das hindert ihn nicht daran, sich weiterhin gefährliche Programme auszudenken. Im März 2000 stellte er die kostenlose Tauschsoftware "Gnutella" probeweise ins Netz - und als der Mutterkonzern die Sprengkraft dieses Programms erkannte, war es schon zu spät: Das Prinzip des dezentralen Filesharing war geboren. Und damit alle Probleme, die der Musikindustrie derzeit den Schlaf rauben.
Das ist jetzt - zugegeben - ein wenig weit her geholt, sieht dafür aber gut aus. Die Firma Nullsoft, die "Waste" vertreibt, hat auch Winamp, den bekannten MP3-Player im Programm. Für den gibt es sogenannte Visualisierungstools, die Musik grafisch umsetzen. Nullsoft selber bietet für seinen Player das kostenlose Plugin "Milkdrop" an, das unter anderem dafür sorgt, dass die Zivilisation wieder mal den Bach runter geht. Wenigstens optisch. (© )
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Vergangenen Mittwoch ließ Frankel, der ein wenig wie der Schauspieler Ethan Hawke aussieht, eine neue Bombe hochgehen. Für wenige Stunden war das Programm "Waste" auf der Nullsoft-Website verfügbar - bis AOL die Notbremse zog, die Dateien in den Giftschrank verbannte und eine Warnung publizierte: Jeder, der die Daten heruntergeladen habe, müsse sie umgehend und vollständig vernichten (www.nullsoft.com/free/waste). Der Grund für die Aufregung ist klar: "Waste", benannt nach einem geheimen Postsystem aus der Fantasie des Schriftstellers Thomas Pynchon, erlaubt erstmals Filesharing mit perfekter Verschlüsselung. Das heißt: In Zukunft tauschen wir unsere digitalen Schätze nur noch mit Leuten, denen wir vertrauen - und nicht einmal die Geheimdienste können zuschauen. Damit ist die nächste Stufe der Eskalation erreicht - längst bieten Dutzende von Hacker-Websites "Waste" zum Herunterladen an.
Dies wirkt wie die höhnische Antwort der Programmierer auf den letzten Vorstoß der Entertainment-Giganten. Ende April nämlich verklagte die Musikin dustrie die Studenten Daniel Peng, Joseph Nievelt, Aaron Sherman und Jesse Jordan, weil sie Musikdateien für eine begrenzte Gruppe (sprich: ihre Mitstudenten) aufgelistet und dem Tausch zugänglich gemacht hatten. Die vier wurden schlagartig berühmt, weil sie bald zu den ärmsten Menschen der Welt gehören könnten: Ginge es nach dem Willen ihrer Verfolger, müssten sie mehr als 90 Milliarden Dollar Schadensersatz bezahlen. Schon morgen jedoch werden ihre Nachfolger solche Netzwerke wieder installiert haben - verschlüsselt mit "Waste".
Die Botschaft ist klar: Drakonische Verfolgung fordert die Hacker nur heraus - und der ständige Erfindungsreichtum von Leuten wie Justin Frankel wird mit Gerichten und Gesetzen nicht zu stoppen sein. Aber gibt es nicht auch positive Entwicklungen - Anzeichen dafür, dass die Konsumenten freiwillig für ein gutes Musikangebot bezahlen? Die ständigen Erfolgsmeldungen aus dem Hause Apple suggerieren dies: Der neu eröffnete Internet Music Store, derzeit nur für Mac-User in den USA zugänglich, läuft bestens: Mehr als drei Millionen Songs haben die User schon gekauft. Endlich eine legale Möglichkeit, Musik aus dem Netz zu laden, unkompliziert zu bezahlen, zu brennen oder auf tragbaren Geräten anzuhören. Endlich alle großen Labels dabei, endlich auch Künstler wie Eminem oder Bob Dylan begeistert, endlich kein Grund mehr, sich überhaupt etwas illegal zu besorgen. Oder nicht?
Bringt ein vernünftiges, nicht zu teures Angebot, und wir werden bezahlen - das war das ewige Versprechen derer, die beim Raubkopieren den schwarzen Peter an die Industrie zurückgeben wollten. Die Erfolgsmeldung hat jedoch einen Haken: Wann immer ein aggressives, cleveres Programm auftaucht, das illegale Tricks so richtig spannend macht, ist es für Apple-User erst einmal nicht verfügbar. Sie machen ohnehin nur drei Prozent der Computerbesitzer aus, sind die vergessene Minderheit der internationalen Tauschgemeinde und leben in einer Art Tal der Ahnungslosen. Das ist einerseits der Grund, warum die großen Musiklabels vor dem Apple Music Store keine Angst haben - und andererseits die Erklärung dafür, warum der Mac-Mensch für Musik tatsächlich gern bezahlt: Alles andere ist ihm doch zu anstrengend.
Wenn Apple-Apologeten nun also den Sieg der Anständigen ausrufen und den Krieg für unblutig beendet erklären, darf man erst einmal kein Wort glauben. Schon wahr, alle anderen legalen Internet-Musikservices haben oft absurde Beschränkungen, die sie für Kunden uninteressant machen. Eine Revolution allerdings, bei der nur drei Prozent des Volkes mitmachen, hat diesen Namen auch nicht verdient. Der wahre Test wird kommen, wenn Apple wie geplant seinen Service auch für den PC anbietet. Falls die Labels das erlauben (worauf wir nicht wetten würden), dann gäbe es gewissermaßen Chancengleichheit: Ein aktuelles Hitalbum innerhalb von fünf Minuten komplett herunterladen, in bester Klangqualität? Das kriegt der fortgeschrittene PC-Nutzer auch illegal hin. Wird er trotzdem lieber zehn Dollar zahlen, um sein Gewissen zu beruhigen? Das ist die Millionen-Frage, die alle Industrie-Strategen derzeit umtreibt. Die Antwort ist - ein entschiedenes Jein.
Dem Song als Einzelstück, der legal oder illegal aus dem Netz gezogen wird, zusammen mit Tausenden von Artgenossen auf riesigen Festplatten liegt oder auf tragbaren MP3-Playern durch die Gegend geschleppt wird, prophezeien wir einen materiellen und spirituellen Wertverlust. Man möchte ihn hören, man klickt, zahlt oder zahlt nicht, schon setzt die Musik ein. Die ganze Magie, die darin lag, Hinweise auf eine Neuerscheinung zu finden, ein Album zum ersten Mal in den Händen zu halten, die Rückseite zu lesen, die Kaufentscheidung, das Auspacken, die Liner Notes, die Lebenszeit, die fürs ungestörte Durchhören feierlich reserviert wurde - das alles fällt nun weg.
Was bleibt, ist eine Art Internet-Wunschkonzert als "instant gratification", und es kann durchaus sein, dass wir am Ende dafür sogar freiwillig zahlen - allerdings weniger als im Moment. Auf den Festplatten wird es auch keinen Stolz der Sammlung mehr geben: Jeder Unsinn, in den wir mal reingehört haben, inklusive des kompletten "Las Ketchup"-Albums, liegt noch immer dort - die Zeit zum Aussortieren fehlt, Platz hingegen gibt es reichlich.
Inmitten dieser schönen neuen Musikwelt, wo jeder Klang nur einen Mausklick entfernt ist und 7500 Songs ständig in der Manteltasche warten, wird dann irgendwann alles wie immer sein. Wenn sich der Reiz der Zufallstaste, die einem Lieder liefert, von deren Besitz man gar nicht mehr wusste, einmal erschöpft hat; wenn einem das eigene Playlist-Gebastel auf die Nerven geht - dann ist man am Ende wieder da, wo man vor Jahren war: Mit einer oder zwei Stunden am Tag, in denen man vielleicht Musik hören kann, mit vier oder fünf (wechselnden) Alben, die man in dieser Zeit richtig gerne hört - und gern auch wieder in der Reihenfolge der Songs, die der Künstler selbst gewählt hat. Prognosen zum Tod des Albums sind deshalb verfrüht. Im Gegenteil, wir rechnen mit einem Revival: Man wird sich wieder zu den Musikern bekennen, denen man Wert beimisst in der Überfülle des Angebots. Dazu passt eine verblüffende Erkenntnis der Apple-Leute: Selbst im Music Store, wo man jeden Song einzeln kaufen kann, neigen die Leute dazu, komplette Alben herunterzuladen.
Dies könnte sogar dazu führen, dass neue, hochwertige Musikformate eine Zukunft haben, wie die Super Audio CD (SACD) oder DVD-Audio. Wer möchte seine Lieblingsmusik nicht, möglichst edel und dauerhaft, im Regal stehen haben? Und gutes Geld dafür zahlen - für die Blicke der Mitmenschen und für das eigene Identitätsgefühl? So unattraktiv ist der Gedanke nicht. Dafür aber braucht man das Wissen, diese Werke auch zu besitzen, in allerbester Qualität, ohne Kleingedrucktes und Kopierschutz, ohne das Misstrauensvotum der Industrie. "Gestern beim Heimfahren habe ich mehrmals den Song ,Zero' von Lamb angehört ", schreibt sogar Justin Frankel, der gefährlichste Gegner der Musikindustrie, in seinem privaten Webtagebuch: "So ein guter Song. So einfach. Mmmm."
Studie zur Beliebtheit der Deutschen