Ratgeber für Aufschieberitis Lasst mal gut sein

Kathrin Passig und Sascha Lobo wollen mit ihrem Ratgeber "Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin" - und sind dabei ziemlich unerträglich.

Von Werner Bartens

In kleinen süddeutschen Universitätsstädten gibt es diese niedlichen Punks, die dem Stadtbild zwischen Geranien-Anmache und Gassen-Romantik ein bisschen Randgruppen-Folklore verleihen.

Meistens haben die Punks ihren Treffpunkt in der Nähe von Universitätsgebäuden und Buchläden. Das hat seinen Grund, denn wenige Jahre später sitzen einige von ihnen in BWL-Seminaren oder Jura-Repetitorien. Um zu zeigen, wie wild und gefährlich sie immer noch sind, tragen sie ihre im Straßenalltag gereifte Lederjacke weiter und eine Frisur, die sie als politische Aussage verstehen.

Sascha Lobo trägt einen lustigen roten Irokesen-Haarschnitt und eine alte Lederjacke. Kathrin Passig trägt den Ingeborg-Bachmann-Preis 2006. Man muss sich die beiden also als die Punks unter den deutschen Sachbuchautoren vorstellen, weswegen sie ihr Buch auch im total verrückten Undercover-Verlag Rowohlt veröffentlicht haben. Um zu zeigen, wie unkonventionell sie sind, geht der Titel auf dem Cover denn auch von biederer Druckschrift in eine krakelige Handschrift über.

Passig und Lobo gehören zu dieser nervigen Berliner Szene, die ihre Wurzeln häufig im ländlichen Süddeutschland hat. Die Autoren wollten einen Ratgeber der ganz anderen Art schreiben, in denen Gleichgesinnten, aber Schuldgeplagten vermittelt wird, wie man ohne Selbstdisziplin und Organisation trotzdem zufrieden seinen Alltag bewältigt.

Praktischerweise ist Lobo das Pseudonym oder Akronym oder sonst ein pfiffiger Hinweis auf den gefeierten "Lifestyle of bad Organisation" der beiden. Das Buch liefert viel Attitüde und eine Gebrauchsanweisung für Leute, die sich früher Aufkleber wie "Ordnung braucht der Dumme, das Genie beherrscht das Chaos" oder "Wunder dauern etwas länger, Unmögliches erledigen wir sofort" ins Büro gepappt haben.

Angestellte Hofnarren

Es ist ja richtig, den Simplify-your-Life-Kalendersprüchen etwas entgegenzusetzen, die einen ständig ermutigen, den Keller, den Schreibtisch, die Beziehung und das ganze Leben aufzuräumen. Zu zeigen, wie die ständigen Ermahnungen zu Selbstmotivation und Selbstdisziplin mittlerweile zur omnipräsenten Sozialtechnologie geworden sind, die kein Gewissen mehr ruhig lässt, wäre verdienstvoll gewesen.

Passig und Lobo verlieren sich jedoch in Anekdoten über den äußeren Schweinehund, die vergeblichen Mitgliedschaften in Fitness-Studios oder den Schlankheits- und Vorsorge-Wahn. Dass sie mittlerweile ab und zu den Berliner Senat beraten dürfen, unterstreicht ihre Rolle als angestellte Hofnarren.

Manchmal sind Passig und Lobo ja ganz unterhaltsam. Etwa wenn sie die Leser auffordern, den perfekten Mord zu planen, ihn nicht auszuführen und dann darüber nachzudenken, wie Untätigkeit Leben retten kann.

Meistens jedoch gefallen sich die Autoren in ebenso langatmigen wie selbstgefälligen Schilderungen ihres lässigen Außenseitertums, etwa wenn Lobo seitenlang erzählt, wie er die ein Dutzend Briefe mit Mahnungen nach einem Verkehrsdelikt nicht geöffnet hat, bis das Verfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt wurde, was er natürlich auch erst viel später erfuhr, da er viele Briefe ja nicht öffnet.

Die Autoren bemühen große Geister aus Geschichte, Wissenschaft und Kultur, um zu belegen, wie lohnend die medizinisch als Prokrastination bezeichnete Aufschieberitis sein kann.

Helden des Alltags

Robert Schumann spielte Klavier, statt sein Jurastudium voranzutreiben. Linus Torvalds schloss sein Informatikstudium lange nicht ab, weil er währenddessen das Betriebssystem Linux entwickelte. Die Coen-Brüder schrieben das Drehbuch zu "Barton Fink", weil sie mit dem Drehbuch zu "Miller's Crossing" nicht vorankamen. Und: Toll, dass Passig und Lobo vor sich hin prokrastinierten und dabei dieses Buch entstand!

Große Kulturleistungen, so lernen wir, brauchen Helden des Alltags, die auch mal Fünfe gerade sein lassen. Dabei tun die Autoren das gerade nicht. Zu Beginn referieren sie artig und ermüdend den Forschungsstand zu den möglichen Ursachen der Aufschieberei. Und auf Dauer nervt dieser streberhafte Ton, in dem immer wieder eigene Heldengeschichten aufgetischt und mit ein bisschen Evolutionsbiologie und Sozialpsychologie garniert werden. Weißt Du noch, hihi, wie ich damals nicht aufgeräumt und die Prüfung verschlafen habe?

Eine Würdigung des größtmöglichen Aufschiebers und Aussitzers aller Zeiten, des Altbundeskanzlers Helmut Kohl, sucht man leider vergebens in diesem Buch.

Womöglich gefiel er Passig und Lobo nicht als Rollenmodell. Dabei hat Kohl viele Empfehlungen der beiden Autoren schon über Jahre erfolgreich gelebt, ja geradezu verkörpert, als die beiden Autoren noch nicht wussten, wie man Aufschieben schreibt.

Gegen Ende singen Kathrin Passig und Sascha Lobo ein Loblied auf Ritalin, das Modemittel gegen Aufmerksamkeitsstörungen, und man spürt ihre Freude über diesen politisch inkorrekten Schabernack in jeder Zeile. Dieser zur Schau gestellte Nonkonformismus ist ungeheuer spießig, aber das darf man über Punks ja nicht sagen.

Kathrin Passig, Sascha Lobo: Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin. Rowohlt Berlin, Berlin 2008. 19,90 Euro. 288 Seiten.