Von Holger Liebs

Alle zwei Tage, das reicht aus. Eine überaus komfortable Zeitstrecke. Ich habe meinen Frieden mit meiner Kinderpopohaut gemacht.

Bartwuchs wird überschätzt.

Curt Goetz als Lord Arthur Cavershott und Willy Schur als Rustan in "Napoleon ist an allem Schuld", Regie: Carl Goert, Deutschland 1938. (© Foto: Scherl)

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Lange, trübe Jahre gingen ins Land, da sah ich fast schon neidvoll auf zu Männern, die ihre ungepflegten Gesichtsteppiche so gockelhaft stolz spazieren führten, als hätten sie eben noch bei einer Marlboro-Werbung mitgemacht und führten ein Leben, in dem sie, 'Liberté toujours', es sich einfach gönnen könnten, als Urmensch-Reminiszenz durchs Leben zu laufen - wohlgemerkt, nur oberhalb des Hemdkragens! Und die Geschäftigkeit, mit der sie die Vor- und Nachteile von Trocken- und Nassrasur diskutierten, mit der sie ihre alltäglichen Abschab-Rituale verrichteten. Ihr kokettes, mit lächelnden Seufzern zur Schau gestelltes, verlogenes Angenervtsein von der angeblich so lästigen Pflicht, deren Erfüllung sie doch heimlich herbeisehnten, weil sie ihnen das Gefühl gab, erst so richtig dem starken Geschlecht anzugehören.

Dabei ist es eigentlich ein tragisches Geschlecht. Wer einen Dreitagebart trägt, sieht aus wie ein Verbrecher, und wer sich, obschon mit eher kümmerlichem Bartwuchs gesegnet, sich dennoch nicht rasiert, um ebenfalls die nötige Virilität auszustrahlen, sieht alsbald so aus, als wüchsen ihm gekräuselte Schamhaare im Antlitz. Man nennt solche in der Pubertät hängen gebliebenen Existenzen auch die Jörg-Kachelmann-Fraktion.

Es ist schon paradox, dass viele Männer glauben, erst dann so richtig in der modernen Zivilisation angekommen zu sein, wenn ihnen das Neandertal aus den Gesichtern sprießt. Es gab ja in den Achtzigern diese sehr lustige Gillette-Werbung, die die Männer in ihrer stacheligen Verblendung bestätigte. Der Werbetext sei hier in voller Länge zitiert: 'Du sieht gut aus. Man siehts dir an. Du hast es weit gebracht. Und wir geben dir, was dich erfolgreich macht. Du bist ganz vorn. Du bist der Champion. Gillette - für das Beste im Mann.'

Wir haben damals immer sehr gelacht, wenn die Werbung im Fernsehen kam.

Ich gehörte die meiste Zeit meines Lebens jedenfalls nicht zur Gillette-Klientel. Es dauerte bis Mitte zwanzig, bis ich endlich wenigstens alle zwei Tage zum Rasierapparat greifen konnte, weil in meinem Gesichtskinderpopo einige versprengte Stoppeln sichtbar wurden. Ich bin ein genetisch bedingter Spätzünder. Meinem Vater hatte man, das erzählt er heute noch so, als wärs eine Legende aus einem anderen Jahrhundert, versucht, eine Busfahrkarte für Unter-12-Jährige anzudrehen, als er schon 18 war. Die Gene, wie gesagt. Ich habe ihn dafür verflucht.

Heute bin ich ihm dankbar. Obwohl er ja selbst nichts dafür kann.

Ich bin jetzt vierzig. Alle zwei Tage, das reicht immer noch aus. Das ist eine überaus komfortable Zeitstrecke. Ich habe meinen Frieden mit meiner Kinderpopohaut gemacht. Man frage mal die Frauen. Die meisten mögen es nicht, Kratzbürsten oder Schmirgelpapier zu küssen. Und die Kinder sagen, Papi, das piekst!, wenn man sie mit grauem Schatten auf den Wangen herzen möchte. Ich muss nicht Hunderte von Euros ins optimale Rasur-Equipment stecken. Und immer öfter kommt es auch vor, dass mir unverhohlener Neid von denjenigen entgegenschlägt, die allmorgendlich den Rasierpinsel schwingen müssen, um nicht wie ein wandelndes Fahndungsfoto auszusehen. Sie scheinen begriffen zu haben, dass, zumindest ab einem gewissen Alter, glattere Haut jugendlicher, ansehnlicher, im Grunde auch geistvoller wirkt.

Frauen, den meisten wenigstens, wächst kein Bart. Und sie sehen, die meisten zumindest, besser aus als Männer. Muss man noch mehr sagen?

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