Rassismus-Debatte Schwarzer Zorn

Ta-Nehisi Coates hat mit "Zwischen mir und der Welt" ein explosives Buch geschrieben. Den Weißen will er nicht vergeben, den Afroamerikanern macht er keine Hoffnung.

Von Jörg Häntzschel

Kugeln auf Schwarze, ob aus Dienstwaffen oder nicht, sind in den USA tägliche Routine. Doch seit der Welle von Gewalt, seit der Ermordung von Trayvor Martin, seit Ferguson und Charleston, wird nun endlich darüber gesprochen. Man hatte in den USA schon hier und dort die "post-rassische" Ära" ausgerufen, seit der erste Afroamerikaner Präsident wurde. Doch das erwies sich als voreilig. Ob es um die Toten ging, ob um Harper Lees Buch "Gehe hin, stelle einen Wächter", ob um die weißen Oscars: Die Debatte um Schwarz und Weiß wird mit einer Heftigkeit geführt wie seit Jahrzehnten nicht.

Keiner bestimmte diese Debatte so wie Ta-Nehisi Coates. Der 1975 in Baltimore geborene Autor, der vor allem für den Atlantic Monthly schreibt, hat mit "Zwischen mir und der Welt" den Text zur Stunde geschrieben. Eben ist er - leider schludrig übersetzt - auch auf Deutsch erschienen. Man könnte alles wissen, was in diesem Buch steht, man weiß es auch. Dennoch trifft es einen wie ein Schock.

Das liegt nicht zuletzt daran, dass Coates seiner erbarmungslosen Diagnose des amerikanischen Rassenproblems die Form eines Briefs an seinen 14-jährigen Sohn Samori gibt. Coates entgeht damit nicht nur einem alten Dilemma schwarzen Schreibens - wen soll es ansprechen, schwarze oder weiße Leser? Er erzeugt einen intimen Binnenraum, in den der Leser mit angehaltenem Atem eintritt, um nicht zu stören. Nur um dann um so fassungsloser zu hören, was der Vater dem verletzlichen, unschuldigen, noch hoffnungsvollen jungen Mann auf den Weg mitgibt. Man möchte dieser Sohn nicht unbedingt sein.

"Ich möchte, dass du weißt: In Amerika ist es Tradition, den schwarzen Körper zu zerstören."

Es sind zwei Geschichten, die Coates seinem Sohn erzählt. Die eigene, eine Geschichte vom Aufstieg und von wahrgewordenen Träumen: Er wurde nicht Opfer der Polizei, kam nicht ins Gefängnis, schmiss nicht die Highschool, sondern wurde ein hoch angesehener Autor mit Festanstellung bei einer der besten Zeitschriften des Landes - und das, ohne sich anzupassen.

Mit der Wucht eines Predigers: Ta-Nehisi Coates.

(Foto: The New York Times/Redux/laif)

Und die von der Erfahrung, Schwarzer in Amerika zu sein. Von der Angst, die sich im Bewusstsein festkrallt und den Körper, die Gesten, das Fühlen und Denken chronisch deformiert. Sein eigener Erfolg, sein Aufstieg, die Macht seiner schwarzen Stimme, ändert nichts an seiner durch die Hautfarbe bestimmten Minderwertigkeit im weißen Amerika. Dass sein Sohn weniger Gewalt erlebt, dass er nicht, wie Coates selbst, von seinem Vater geschlagen wird, kann nichts daran ändern, dass auch er dieses Stigma zeit seines Lebens tragen wird: "Mein schöner, brauner Junge", spricht Coates in Gedanken den Säugling an, den er im Kinderwagen durchs idyllische West Village schiebt, "der du bald eingeweiht werden und die Verordnungen deiner Galaxie begreifen würdest, all die Gelegenheiten zur Auslöschung, die auf dich warteten".

Von den anderen, den Weißen, denen also, die wirklich in dieses privilegierte Viertel New Yorks gehören, deren Kinder angstfrei auf dem Gehsteig spielen, werden seinen Sohn immer Welten trennen, prophezeit Coates. Als "Träumer" bezeichnet er sie - und meint damit nicht, dass sie träumen, sondern, dass sie den Traum leben, den Coates selbst nur aus dem Fernsehen kennt, die Welt "jenseits des Firmaments", wo "kleine weiße Jungs lebten, denen nichts fehlte als eine hübsche Freundin".

Doch "der Traum" - nicht zu verwechseln mit Martin Luther Kings Traum - bezeichnet eben auch die für die Weißen angenehme Illusion, die Beziehungen zwischen Schwarz und Weiß seien auf einem unaufhaltsamen Kurs Richtung Entspannung und Normalität. Hautfarbe verlöre als Kriterium an Bedeutung, wir seien alle irgendwie bunt.

Coates will davon nichts wissen. "Ich möchte, dass du Folgendes weißt", mahnt er seinen Sohn: "In Amerika ist es Tradition, den schwarzen Körper zu zerstören." Sklaverei bedeutete "sorglose Gewalt und willkürliche Verstümmelung, bedeutete gespaltene Schädel und den Fluss verspritzten Hirns." Wir sind das "Unten", schreibt er. "Das galt 1776. Das gilt auch heute. Es gibt kein sie ohne dich, und ohne das Recht, dich zu brechen". Coates erspart seinem Sohn - und seinem Leser - nichts. Nicht einmal der Katastrophe von 9/11 und ihren Opfern gesteht er einen Ort außerhalb dieser amerikanischen Geschichte zu: "das südliche Manhattan war für uns schon immer Ground Zero . . . Dort hatten sie unsere Körper versteigert."

Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. Hanser Berlin 2016. 240 S., 19.90 Euro. E-Book 15,99 Euro.

Die Wucht von Coates' Buch rührt aber auch von seiner tiefen Verankerung in der Geschichte der Rassendebatte des 20. Jahrhunderts. Coates' Vater gehörte den Black Panthers an, arbeitete als Archivar in der schwarzen Howard University und führt heute einen auf afroamerikanische Autoren spezialisierten Verlag. Das Buch ist an James Baldwins "The Fire Next Time" angelehnt, und wie Baldwin geht auch Coates schließlich nach Paris, sein erster Auslandsaufenthalt, und erlebt zum ersten Mal fassungslos die Befreiung von dem Druck und der Anspannung, unter der er als Schwarzer in den USA seit frühester Kindheit und permanent lebte. Und vollends geadelt wurde Coates durch Toni Morrison, nicht nur eine der bedeutendsten amerikanischen Schriftstellerinnen, sondern auch eine Schwarze und zu dessen Lebzeiten eng mit Baldwin befreundet. "Ich habe mich lange gefragt, wer das intellektuelle Vakuum füllen könnte, das James Baldwin hinterlassen hat. Ganz klar: Es ist Ta-Nehisi Coates."

Coates' hoher Ton, sein Pathos, seine alttestamentarische Drastik erinnern an die Rhetorik schwarzer Prediger. Immer wieder hört man im Kopf die Gemeinde "Amen!" beipflichten. Doch da ist keine Gemeinde. Da ist auch kein Gott. Coates ist Atheist, er kennt keine Hoffnung, weder auf Gerechtigkeit im Jenseits noch auf bessere Zeiten auf Erden.

Sein Buch bricht gnadenlos mit dem unausgesprochenen Agreement zwischen Schwarz und Weiß: Die Schwarzen, so etwa lautet es, dürfen und sollen über das Unrecht sprechen, das ihnen widerfährt, aber nicht so unversöhnlich, dass es ihren Outsider-Status festschreiben und die Weißen ängstigen könnte. Und die Hoffnung darf nie schwinden. Barack Obama ist das lebende Beispiel dafür, wie weit man es damit bringt. Als Coates einmal ins Weiße Haus geladen war, nahm Obama ihn beiseite und meinte: "Verzweifle nicht!"

"Verzweifle nicht", meinte Obama zu Coates, als der ihn im Weißen Haus besuchte

Doch Coates hält nichts von Vergebung. Kurz nachdem "Zwischen mir und der Welt" erschienen war, legte er im Atlantic mit einem Text nach, der in dem Hanser-Band ebenfalls enthalten ist: "Plädoyer für Reparationen". Dort verlangt Coates von der amerikanischen Regierung Entschädigungszahlungen für die "Plünderung" schwarzen Eigentums und die Zerstörung schwarzen Lebens von der Sklavenzeit bis heute. Der Text ist einer der meistdiskutierten Artikel der letzten Jahre.

"Zwischen mir und der Welt" wurde von der amerikanischen Kritik mit einer paradoxen Verhaltenheit gefeiert. Wer sich abgestoßen fühlte vom gnadenlosem Bohren in - mutmaßlich - heilenden Wunden, wagte nicht, es zu sagen. Wer sich angegriffen fühlte, ebenfalls nicht. Er hat ja recht.

Anders ist es mit seinem Text zu den Reparationen, um den sich gerade eine hitzige Debatte entspinnt, seit Hillary Clintons Rivale Bernie Sanders Coates' Forderungen in Bausch und Bogen ablehnte. Statt Entschädigungen zu zahlen, müsse der Staat seine sozialen Institutionen ausbauen. Auch das linke Magazin Jacobin verurteilte Coates. Es gehe längst nicht mehr um Rasse, sondern um Klasse. Coates rede unfreiwillig den Neoliberalen das Wort. Wie auch immer die Debatte ausgeht, irgendwann musste Amerika sie wohl führen.