Rainald Goetz im Interview "Orientierung auf Rechtsstreit bringt Destruktivität hervor"

Wie denn?

Zuallererst indem man sich das klarmacht. Indem man die Zielsetzung aufgibt, vor Gericht Recht zu bekommen, in der Weise, wie man glaubt, es stehe einem zu. Der Wirklichkeitsnachbau des Rechts ist defizitär. Ein Verlag wie Suhrkamp lässt sich nicht gleichzeitig sachgerecht vernünftig und rechtlich unangreifbar führen. Außerdem bringt die Orientierung auf den Rechtsstreit in beiden Parteien Destruktivität und böse Absichten hervor. Das ist schlecht, das behindert die konstruktiven Energien, die man zur Führung der Gesellschaft braucht.

Auch wenn Barlach mit seinen Kosten bisschen übertreibt, von 60.000 bis 70.000 Euro pro Monat hat er in der FAZ gesprochen, er drängt ja die gleichen Kosten dem Verlag auf, der ihm auch gehört. Auch da muss man an der wirtschaftlichen Vernunft von Barlach zweifeln. Offenbar geht es um was anderes, um irgendetwas Menschliches. Dem muss man sich gedanklich zuwenden.

Peter Handke nennt Hans Barlach einen abgrundbösen Unhold. Schon jetzt ließe sich leicht eine Anthologie mit Barlach-Beschimpfungen zusammenstellen. Wären Sie darin gern vertreten?

Gern. Wenn es der Wahrheitsfindung dienen würde. Aber das glaube ich nicht. Wahrscheinlich müssen wir auf Barlach zugehen. Wir müssen ihm den Streit, den er mit allen Mitteln zu erzwingen versucht, zugestehen. Er hat öffentlich ja nur Unsinn erzählt über den Verlag, über seine Pläne. Da ist es schwer, ihm die menschliche Anerkennung als Gegenüber zuzubilligen. Sie steht ihm im Kontakt unter Anwesenden aber zu. Diese Situation müsste herbeigeführt werden, dass man sich gegenübersteht. Auch wenn alle immer wieder sagen, das geht nicht, man kann mit dem nicht reden.

Es gibt nur schlimme Geschichten über ihn, und wenn man ihn sieht, glaubt man sie alle. Die blaue Blumenhändler-Rolex, das schütter gewellte, mittelbraun getönte Haar, die dicke, glasig gespannte Sonnenstudiohaut im Gesicht. Ich habe ihn in einer Prozesspause angesprochen, was er seine Anwälte da für einen wahrheitswidrigen Unsinn erzählen lässt. Da reagiert er wie ein stumpfer Automat, redet sofort von seinen Rechten, die er ja nur in Anspruch nimmt. Er ist auch noch ein Wimp, nicht nur ein Rechtsquerulant, ein Feigling, ein unsicherer Mensch. Aber egal! Wir selber sind ja auch alle leicht kontaktgestört, unoffen, überobsessiv. Alles Dinge, die man im Interesse der Sache mal probeweise zur Seite drängen könnte.

Hans Barlach hat den vom Verlag vorgeschlagenen Vermittler Michael Naumann abgelehnt. Könnte jemand anderer vermitteln? Oder ist doch nur eine Auflösung der Gesellschaft mit anschließender Rekonstruktion des Suhrkamp- Verlags sinnvoll?

Wer vermitteln könnte, weiß ich nicht. Eine Auflösung und Rekonstruktion würde absurde Energien verschlingen. Man müsste den berühmten Schlussstrich ziehen unter die Vergangenheit und neu anfangen. Zuerst die Rechtstatsachen anerkennen, dann die davon geschaffene Situation. Dann das Recht beiseite legen und sich Barlachs Forderungen geben lassen. Dann erwägen, was davon anerkannt werden könnte, dann verhandeln. Ihm gehört zwar mehr als ein Drittel des Verlags, aber nicht die Mehrheit.

Vielleicht müsste man ihn aber tatsächlich als erstes zu einer dieser Verlagsveranstaltungen in die Villa in der Gerkrathstraße einladen. Dass er endlich auch einbezogen ist und dabei sieht, wie vernünftig das Geld, das da ausgegeben wird, eingesetzt ist. Welchen Vermittler schlägt denn Barlach eigentlich vor?