Rafik Schami im Gespräch "Flüchtlingen würde ich sagen: Dies ist ein christliches Land"

"Ich habe mir immer vorgestellt, dass ich eines Tages zurückkehre, um dem Regime zu zeigen: 'Ich bin da! Ihr habt mich nicht gebrochen'", sagt der gebürtige Syrer Rafik Schami (Archivbild).

(Foto: dpa)

Rafik Schami hat seine Heimat Syrien vor 40 Jahren verlassen. Im Interview spricht er über die Sehnsucht nach einer Illusion - und die sehr realen Probleme der Flüchtlingskrise.

Von Sonja Zekri

Rafik Schami hat Syrien vor 40 Jahren mit einem gefälschten Pass verlassen, heute finden sich seine Bücher auf den Bestsellerlisten, auch sein neuestes, "Sophia oder der Anfang aller Geschichten", erschienen im Carl Hanser Verlag. Es ist, so sagt er, ein Thriller "umgarnt von einer Liebesgeschichte". Das Buch erzählt von einem Syrer, der sein Land vor 40 Jahren verlassen hat - und nun zurückkehrt. Am SZ-Stand auf der Frankfurter Buchmesse spricht Rafik Schami darüber, warum diese Reise in die Kindheit schiefgehen musste.

Sie haben in den vergangenen Jahrzehnten viele Bücher geschrieben. Aber erst in diesem Buch widmen Sie sich dem Thema der Heimkehr, der Rückkehr an den Ort der Kindheit.

Rafik Schami: Das Thema hat mich gefunden. Manchmal sucht man sich ein Thema, und manchmal sucht das Thema sich einen Autor. Die Sehnsucht nach dem Ort der Kindheit ist ja eine Illusion, aber die Sehnsucht ist da. Und sie wächst mit der Zeit. Wie Salman, der Held in meinem Buch, habe ich mir immer vorgestellt, dass ich eines Tages zurückkehre, um dem Regime zu zeigen: "Ich bin da! Ihr habt mich nicht gebrochen." Ich habe mir vorgestellt, dass ich das laut auf der Straße sage.

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Die Rückkehr ist ernüchternd. Salman versteht seine Familie nicht mehr.

Er kommt zurück, nach Jahrzehnten in Italien, und die Verwandten fragen ihn nur Oberflächliches. Niemand stellt die eine wichtige Frage: Warum hat er überhaupt Syrien verlassen? Das traut sich keiner, weil es dann um das Regime gehen würde. Salman hat als freier Mensch gelebt, er hält das nicht mehr aus. Und dann verrät ihn auch noch ein Verwandter.

Wir sind nicht frei, sagen viele Menschen in Ihrem Buch, aber wir leben nicht schlecht mit der Assad-Diktatur. Und zwei andere zentrale Figuren, Karim und Aida, ein Liebespaar, scheinen dies zu bestätigen: Liebe ist möglich in einer Diktatur.

Karim ist Muslim, Aida Christin, beide schon älter, sie 50, er Mitte 60, beide verwitwet. Und als die Nachbarn ihre Liebe mitbekommen, sagen sie, jetzt sind die beiden völlig verrückt geworden, eine Christin mit einem Muslim, in dem Alter. Sie zahlen für ihre Liebe mit dem Boykott, mit der Isolation durch die anderen. Aber sie sind stark, sie halten es aus.

Aber man spürt, dass der Druck im Land wächst. Einmal wird ein Ehepaar verhaftet: Ihr Sohn hat in der Schule auf die Frage nach dem Berufswunsch gesagt: Präsident. Undenkbar, wo doch der Assad-Clan regiert.

Sie versuchen, ihn umzustimmen: Vielleicht willst du ja Präsident eines Fußballclubs werden? Aber er bleibt hart.

Daraufhin werden seine Eltern festgenommen und gefoltert und der Junge nach Daraa geschickt. Wo der syrische Aufstand 2011 tatsächlich begann.

Es war ja damals, ganz am Anfang, ein Aufstand der Kinder in Daraa. Im Buch werden die Eltern festgenommen, aber diesmal rücken die Nachbarn nicht wie sonst von ihnen ab, weil sie Angst haben, sondern empören sich: Er ist doch noch ein Kind! Und da merkt man, dass sich etwas ändert, das sind die ersten Risse.

Ihr Roman endet, als die ersten Aufstände in der arabischen Welt beginnen. Haben Sie damals, 2010, tatsächlich gemerkt, dass sich etwas zusammenbraut?

Nein. Manche Schriftsteller sagen, sie hätten, aber das tue ich nicht. Das haben nicht mal die 15 Geheimdienste gemerkt. Niemand hat das gemerkt.

Seitdem ist die Lage in Syrien Jahr für Jahr furchtbarer geworden. Viele Flüchtlinge kommen nach Deutschland. Was würden Sie ihnen sagen? Und was würden Sie, der beide Seiten kennt, den Deutschen sagen?

Ich würde den Deutschen sagen, dass sie von ihrer Regierung einen Plan verlangen sollen, ehe sie so viele Menschen nach Deutschland lässt. Und den Flüchtlingen - allen, nicht nur den Syrern - würde ich sagen, dass dies ein christliches Land ist, das bestimmte Werte hat. Wenn du nicht von einer Lehrerin unterrichtet werden möchtest - gut, geh nach Saudi-Arabien, da unterrichten dich nur Männer! Und sie müssen die Sprache lernen, so schnell wie möglich.

Sie haben gesagt, Ihr liebstes Wort auf Deutsch sei "Raureif". Und auf Arabisch?

"Laila", die Nacht. Weil es so viel Ruhe ausstrahlt. Alf laila wa-laila, 1001 Nacht, das ist wie Musik.

"Wie viel Zeit wir uns nehmen, ist eine politische Machtfrage", sagt Rüdiger Safranski. Lesen Sie hier das vollständige Gespräch mit dem Autor, geführt von SZ-Redakteur Johan Schloeman auf der Frankfurter Buchmesse.

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