"Radiohead" - das neue Album Bitte ein Hit!

Das neue "Radiohead"-Album "Hail To The Thief" enttäuscht erwartungsgemäß alle Erwartungen. Wenn man denn Enttäuschungen überhaupt erwarten kann.

Von CHRISTIAN SEIDL

(SZ v. 11.06,2003) Streng genommen kennt Pop sowieso kein Morgen. Die ganze Idee dahinter, meinte einst John Lennon, sei "to be here now". In England, dem Mutterland des Pop, nimmt man dieses Gebot sehr ernst: Nirgends sind die Charts schneller und die Karrieren kurzlebiger. Ob dies gleichbedeutend ist mit einem Höchstmaß an Kurzweil und Abwechslung, wie die englische Musikpresse sich selbst und der Welt weiszumachen nicht müde wird, sei dahin gestellt. Jedenfalls nimmt kaum ein Außenstehender das dortige Pop-Geschehen noch richtig ernst.

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Nur drei britische Bands haben aus der letzten Dekade bleibenden Ruhm davon getragen, und das obwohl deren Karriereplan dergleichen gar nicht vorsah. Da sind Massive Attack, die das koloniale, multikulturelle Erbe Britanniens in einer neuen Form von Soul aufgingen ließen. Da sind Blur, die sich auf die englische Folk- und Music-Hall-Tradition beriefen und diese clever mit dem Geist von Tony Blairs "Cool Britannia" verwebten. Und dann sind da Radiohead.

Das Quintett aus Oxford reüssiert mit dem ausgefallensten Überlebensplan - dem der fortwährenden Selbstzerstörung. Seit ihrem ersten Album, dem 1993 erschienenen "Pablo Honey", besteht ihr Ehrgeiz darin, mit jeder Platte eine andere Richtung einzuschlagen und ein völlig neues Konzept zu präsentieren. Was die Band zwar einerseits bei der vor allem in England aktiven Authentizitäts-Polizei stets suspekt machte, andererseits beglückte sie eine stetig wachsende Fanschar, die in ihr eine trotzig unabhängige, nichts als dem eigenen Genius verpflichtete Verweigerertruppe sieht. Noch jedes Album von Radiohead verkaufte sich besser als das vorangegangene - trotz zunehmender Unhörbarkeit.

Dass das neue, diese Woche erschienene Werk "Hail To The Thief" zur Abwechslung mit fast schon anheimelnder musikalischer Wärme aufwartet, gehört da nur ins Konzept. Nach den Vorgängern "Kid A" und "Amnesiac", die fast losgelöst von jedem konventionellen Harmonieempfinden im interstellaren Overdrive rotierten, musste man mit nicht weniger als der totalen Dekonstruktion aller musikalischer Strukturen rechnen. Doch nichts hassen Radiohead mehr als Berechenbarkeit. Als "unser funkelndes Pop-Album" stellte Thom Yorke, der Sänger und Kopf der Band, die Platte vor. Ein Pop- Album als quasi anarchischer Akt - in Zeiten schundiger Reißbrett-Hits aus immer noch einer Casting-Show im Fernsehen ein zwingend logischer Schritt.

Und so überraschend dann doch wieder nicht. Denn das Prinzip, das System mit seinen eigenen Mitteln zu schlagen, gehört zu den wenigen Konstanten in der Karriere von Radiohead. Schon ihre erste Single "Creep", auf dem Höhepunkt der Grunge-Welle veröffentlicht, enttarnte manchen amerikanischen Verzweiflungs-Virtuosen als Poser. So viel Weltschmerz und Selbsthass hatte noch keiner in einen drei Minuten, 59 Sekunden langen Popsong gepackt. Mitte der Neunziger, als die hymnische Melodik des Britpop mit den kühnen Elektronik- Spielereien der Dance-Avantgarde konkurrierte, vereinten sie die beiden Genres zu Musik von solch außerirdischer Schönheit, dass sogar die amerikanische Indie-Ikone Michael Stipe bekannte: "Die sind so gut, dass es einem Angst macht". Mochten bei Oasis die Wunderkerzen glühen und bei The Prodigy die Boxen auf der Love-Parade - bei Radiohead glühten die Herzen. Viele Kritiker halten das 1995 erschienene Radiohead- Album "The Bends" für die beste Platte der Neunziger, andere geben dem zwei Jahre später veröffentlichte "OK Computer" den Vorzug. Doch die Massenresonanz auf ihre kunstfertigen Pop-Spielereien barg gleichermaßen Chancen wie Gefahren. Einerseits eröffnete es der Band fortan jede Freiheit. Andererseits musste die Freiheit, wie die tageszeitung frühzeitig fürchtete, "allenthalben mit Verweigerung konterkariert werden, um den unvermeidlichen backlash aufzuhalten." Entsprechend angestrengt wirkte das weitere Schaffen: Gleich zwei in kurzer Folge auf die hoffnungsfrohe Hörerschaft losgelassene Produktionen voll bizarrer und hoch artifizieller Sound-Ergüsse, die in gleichem Maße selbstgefällig wirkten wie sie konsequent die sowieso unerfüllbaren Erwartungen auskonterten.

Beide Alben verkauften sich wider Erwarten der entsetzten Plattenfirma millionenfach. Aus den raren und weithin nichts sagenden Interviews, die Thom Yorke gibt, ist nicht zu erfahren, ob er darüber verwirrt war - oder ob es ihm vielleicht auch eine diebische Freude bereitete, die Zumutbarkeitsgrenzen seiner Hörerschaft einem schamlosen Test unterzogen zu haben. Verloren hat er wohl kaum einen davon. "Hail To The Thief" gilt in den Kalkulationen der Plattenfirma als sichere Größe. Schließlich taten die notorischen Markt- Boykotteure das bislang Undenkbare - und prüften die Songs im Rahmen einer Clubtour vor der Veröffentlichung auf ihre Publikumstauglichkeit. Das Resultat hob die ohnehin ungewöhnlich gute Laune der Musiker dermaßen, dass Drummer Phil Selway sogar scherzte, es sei das erste Radiohead- Album seit Jahren, das er sich selber anhören könne. Was alles natürlich noch wenig heißt, denn "Hail To The Thief" ist vom Titel (der auf die fragwürdige amerikanische Präsidentenwahl anspielt) über das Artwork (eine Art Straßenkarte aus TV- Phrasen) bis zur Musik unverkennbar ein Radiohead-Album.

So wabert noch unter die schönste Weise der Hauch der Bedrohung, flirrt noch um den heitersten Moment der pure Wahnsinn. Die Aura der Apokalypse umhüllt die ganze Platte, die vom Pop im herkömmlichen Sinne, zumal von dem der zahllosen Radiohead-Nachahmer, meilenweit entfernt ist und in manchem an den Prog-Rock der Siebziger erinnert: dem abrupten Wechsel von Rhythmik, Tempi und Lautstärken, dem Konkurrieren mehrerer Instrumente als melodietragendem Faktor. Dass sie bei alldem stets dem Song und selten dem eigenen Mucker-Ego verpflichtet sind, mag freilich jeden interessieren, nur nicht die Redakteure von Bayern 3 oder Top of the Pops.

Wobei sie sich für derlei Niederungen ohnedies zu fein sind, auch darin gemahnen Radiohead an das Gebahren früherer Kunstrocker (keine Singles, keine Fernseh-Auftritte etc.). Der Song "There There", ihre bewegendste Nummer seit Jahren, kommt mit einem Video daher, in dem vier der fünf Musiker nicht im Bild sind und der eine als Baum! Die Songs haben allesamt jeweils zwei alternative Titel, und keiner davon schmückt irgendeine Refrainzeile. Und selbst in den poppigsten Momenten, der Ballade "2+2=4" oder dem furios groovenden "Where I End And You Begin" schwingt der Subtext mit: Wir hätten ein Album voller Hits machen können, aber das wäre ja viel zu einfach gewesen.

Ein Hit-Album ist "Hail to The Thief" trotzdem, dermaßen maßgeschneidert für das wachsende Heer der popverachtenden Kulturjunkies, dass man beinahe Zynismus dahinter vermuten muss. Aufgeblasen, inhaltsbeladen, mit indifferentem Kunstanspruch versehen und doch voll eigentümlicher Magie - Radiohead wirken ein wenig wie das musikalische Equivalent zu den Filmen ihres Landsmannes Alan Parker.

Als "Band des denkenden Mannes" bezeichnet sie der Independent in der Rezension des neuen Albums. Eh klar: Je mehr Leute über eine Platte nachdenken müssen, desto größer die Chance, dass ein paar davon auch morgen noch nicht damit fertig sind.