Qualitätsdebatte im Fernsehen "Überzogen und arrogant"

Die Privatsender kritisieren den jüngsten Auftritt Reich-Ranickis - die öffentlich-rechtlichen wollen einen Qualitätsdebatte. Literaturkritikerin Elke Heidenreich führt diese bereits mit dem ZDF.

Von Caspar Busse und Hans Hoff

Einen Eklat hatte es nicht gegeben, als Marcel Reich-Ranicki 1989 den Bambi-Kulturpreis und im Jahre 2000 die Goldene Kamera entgegen nahm, um sie zu seinen zahlreichen Ehrendoktorwürden, zur Goethe-Plakette und zum Thomas-Mann-Preis zu gesellen.

Möglicherweise war die Duldsamkeit des Literaturkritikers damals noch eine größere, denn es steht kaum zu vermuten, dass bei den beiden bunten Abenden damals durchweg jene kulturelle Hochwertigkeit erreicht wurde, die von den Ausrichtern so gerne behauptet wird. Die Stifter des Deutschen Fernsehpreises hatten nicht so viel Glück, sie bekamen am Samstag die geballte Wut des 88-Jährigen zu spüren.

Die nahmen zu Beginn seiner Rede nicht alle so ernst, wie sie gemeint war. "Ich habe am Anfang gedacht, er will uns die Leviten lesen, kriegt aber irgendwann die Kurve und erklärt, warum er diesen Preis doch begrüßt", sagt WDR-Intendantin Monika Piel: "Als das dann nicht kam, hat es eher gemischte Gefühle ausgelöst."

Vehementer Einsatz für Reich-Ranicki

Piel selbst hatte Reich-Ranicki für den Preis vorgeschlagen und sich vehement für ihn eingesetzt. Sie sieht den Eklat nun als mögliche Initialzündung. "Man kann nicht oft genug über die Qualität des Fernsehens diskutieren", sagt sie und verweist darauf, dass der Preisverweigerer kaum jene öffentlich-rechtlichen Produkte gemeint haben dürfte, die bei diesem Festakt ausgezeichnet wurden. "Ich hoffe, dass die Landesmedienanstalten den Ball aufgreifen und eine Qualitätsdiskussion anzetteln in ihrem System, im kommerziellen Fernsehen", sagt sie: "Ich vermisse dort diese Qualitätsdebatte. Wir führen sie ständig. Wenn er das erreicht hätte mit seinem Auftritt, dann wäre ich damit sehr einverstanden."

Weniger erfreut zeigt man sich bei den Privatsendern. "Ich fand die Reaktion von Marcel Reich-Ranicki überzogen und arrogant, vor allem gegenüber den anderen Preisträgern und den viele anwesenden Kreativen. Das hat mich enttäuscht", sagt Andreas Bartl.

Der Programmvorstand von Pro Sieben Sat 1 sieht keinen Grund, der angestoßenen Debatte zu folgen. "Ich sehe keinen Handlungsbedarf. Wir bieten genügend Qualität und genügend Populäres", glaubt er.

Auch von RTL kommt kein Beifall. "Wer so pauschal kritisiert, kennt sich entweder kaum aus oder ist an einer echten Diskussion nicht interessiert", sagt ein Sendersprecher, der auch begründet, warum RTL sich nicht an der nun geplanten Sondersendung mit Reich-Ranicki und Thomas Gottschalk beteiligt: "Es wird keine Sendung für Pauschalkritik bei uns geben, in der sämtliche Programme und damit ihre Macher und die Zuschauer gleich mit für blödsinnig erklärt werden. Es muss reichen, dass Marcel Reich-Ranicki sich selbst zuhört."

"Herabsetzung ist falsch und schädlich"

Auch Pro Sieben Sat 1 will dabei nicht mitmachen. Weil die Privaten nicht kommen, werden auch die öffentlich-rechtlichen Intendanten nicht auftauchen.

Skeptisch äußert sich aber Hans Janke. "Der Fernsehpreis hat zum einen eine Riesenaufmerksamkeit bekommen, wie sie ein Eklat immer mit sich bringt. Das kann man sich gefallen lassen", sagte er: "Auf der anderen Seite ist eine solche öffentliche Herabsetzung falsch und schädlich." Der stellvertretende ZDF-Programmdirektor ist Beiratsvorsitzender des Fernsehpreises.

Auch Elke Heidenreich hatte ihrer Wut Lauf gelassen. "Man schämt sich, in so einem Sender überhaupt noch zu arbeiten. Von mir aus schmeißt mich jetzt raus", schrieb sie in der FAZ. Über die Zukunft der Sendung "Lesen", die von Heidenreich moderiert wird, sei man derzeit im Gespräch, heißt es dazu beim ZDF.

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