Ungewöhnlicher Ansatz für eine investigative Recherche: Die französische Journalistin Florence Aubenas meldet sich mitten in der Finanzkrise arbeitslos - und schreibt ein Buch über ihr erniedrigendes Leben als Putze.
Spätestens seit ihrer fünfmonatigen Geiselhaft im Irak 2005 ist Florence Aubenas ein bekanntes Gesicht in Frankreich. Die Journalistin war zuvor bereits als Kriegs- und Krisenberichterstatterin für La Liberation und den Nouvel Observateur in Ruanda, im Kosovo und in Afghanistan tätig. Trotzdem musste sie nicht einmal ihren Namen ändern, um sich einer völlig neuen Grenzerfahrung auszusetzen: der, im eigenen Land vor dem absoluten Nichts zu stehen.
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Florence Aubenas schreibt über ihr "Leben im Dreck" - und widerlegt nebenbei die auch hierzulande gebetsmühlenartig vorgetragene These, dass wer wirklich Arbeit suche, auch Arbeit finde. (© Pendo Verlag)
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Mit einer erfundenen Geschichte meldet sie sich Anfang 2009, mitten in der Finanzkrise, in Caen arbeitslos: Hausfrau Mitte vierzig, keine Berufsausbildung, verlassen vom Lebensgefährten, völlig abgebrannt. Von einem Moment auf den anderen wurde sie Teil einer anonymen Masse, die an den Rändern der Gesellschaft ums Überleben kämpft - auf den Namen achtet da keiner mehr.
Das auch hierzulande gebetsmühlenartig vorgetragen Diktum, wer wirklich will, findet auch Arbeit, ist schnell widerlegt. Eine Zeitarbeitsfirma nach der anderen weigert sich, auch nur Aubenas' Daten aufzunehmen. Als sie die vielbeschworene Eigeninitiative zeigt und in einem Gartencenter vorspricht, erntet sie fassungslose Blicke. Der Zuständige ringt um Worte. Warum die ausgeschriebene Stelle nicht für sie in Frage komme? "Weil Sie eher Bodensatz sind, Madame.'"
Widerspruch kostet den Job
Er sagt es gutmütig und ohne jede Boshaftigkeit. Seit dem ersten Termin bei der Arbeitsagentur ist ihr Weg vorgezeichnet: "Wollen Sie ein neues Leben beginnen?", fragt die Beraterin, "Raumpflegerin - was halten Sie davon?" Doch selbst die Reinigungsjobs sind rar und die Wochen ohne Perspektive zermürben Aubenas.
Nur eine Anzeige taucht immer wieder auf: Putzen auf der Fähre in Ouistreham. Die Firma ist in Arbeitslosenkreisen berühmt-berüchtigt. Hier wird jeder angestellt. Drei Minuten Zeit, um eine Schlafkabine komplett zu reinigen, eine Stunde für das ganze Schiff. Aubenas greift zu. Sie putzt, schwitzt, alles tut weh, alles kann man falsch machen, alles muss man sich gefallen zu lassen - Widerspruch kostet den Job. Weitere Aufträge kommen dazu, sie putzt Büros, Toiletten, Campingplätze, nie gibt es einen Vertrag, jeder kleine Fehler kann das Aus bedeuten, Erniedrigungen sind an der Tagesordnung.
Der Ansatz ist ungewöhnlich für eine investigative Recherche. Aubenas schleust sich nicht gezielt in ein bestimmtes Unternehmen ein, um dessen Praxis zu entlarven, sondern setzt sich völliger Ungewissheit und auch Einsamkeit aus. Die kühle und doch sehr persönliche Schilderung ihrer Erlebnisse ergänzt die Autorin durch geschickt eingewobene Analysen. Entlarvend ist ihr Blick auf die Neustrukturierung der Arbeitsagenturen: Früher waren dort vor allem Sozialarbeiter tätig, heute gilt die Arbeitsvermittlung als kaufmännischer Beruf.
Was zählt, sind die Statistiken, und die werden mit allen Mitteln geschönt, erst recht seit sich im Winter 2008 täglich 3000 Menschen arbeitslos meldeten. Ein plastisches Beispiel: Es werden Seminare für Arbeitslose bestimmter Berufsgruppen abgehalten - Seminare ohne jeden Inhalt. Wer nicht erscheint, wird von der Liste der Arbeitssuchenden gestrichen. In der Statistik sieht das genauso aus wie eine erfolgreiche Vermittlung.
Aubenas zeichnet fast schon beiläufig das Porträt einer Gesellschaft in der Krise. Sie zeigt das Versagen der Betriebe und der staatlichen Einrichtungen, ebenso wie den Kampf derjenigen, auf deren Schultern die meist recht hilflosen Gegenmaßnahmen ausgetragen werden. Die einzige wirkliche Unterstützung, die Aubenas in ihrer desolaten Situation erfährt, kommt von Menschen, denen es genauso dreckig geht, wie ihr.
Den Bekannten vom Amt, die ihr ein uraltes Auto organisieren, den Kolleginnen aus der Putzkolonne. Die Darstellung dieser, ihrer neuen sozialen Schicht ist keinen Moment überheblich, sondern von einer unaufdringlichen, selbstverständlichen Empathie - ohne in Sozialromantik zu verfallen.
FLORENCE AUBENAS: Putze. Mein Leben im Dreck. Aus dem Französischen von Gaby Wurster. Pendo Verlag, München 2010. 250 Seiten, 14,95 Euro.
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(SZ vom 02.11.2010/ls/rus)
...sitzen auf Helgoland (oder Borkum , Amrun ...oder so) . Und da gibt es kaum Arbeitslose . Die Putzkräfte muß er sich daher am Festland suchen . Morgens mit der Fähre rüber , abends wieder zurück . Alternative : auf Helgoland in Besenkammer wohnen ; falls Mietwohnungen überhaupt frei : 500 Euro oder mehr für 30 Quadratmeter .
Langer Spekulation kurzer Sinn : der liebe Herr Eckhard hat sich nicht zufällig nicht mehr zu der Frage der ausgelassenen "Kleinigkeiten" mehr hier gemeldet . Ebenso wie es kein Zufall war , zu diesem Artikel hier seinen Dreizeiler abzusetzen ...
Über Ihre Ideologie muß hier niemand mehr nur spekulieren , werte Donata !
zu Ihrer Schilderung bezüglich der erfolglosen, monatelangen Personalsuche und Ihrem Schluss, sich fortan in FR umzusehen. Ich glaube, aus bester und fundierter Einsicht, nicht, dass Sie dort fündiger werden würden und Ihre berechtigte Verwunderung darüber, dass Sie im ach so Arbeitsplatz-losen Deutschland Stellen nicht besetzt bekommen, wird mir hundertfach aus allen Richtungen mitgeteilt. Auch der allfällige Reflex, solchen wie Ihnen dann zu antworten, dass wohl die von Ihnen u.a. gebotenen Bedingungen eher daran Schuld tragen, ist eine Plattitude, die Sie nicht gross bearbeiten sollten.
Fakt ist, dass auf sehr hohem Niveau u.a. in Deutschland geklagt wird. Fakt ist aber auch, dass der Bericht zur französischen Wallraff-Version, Mme. Aubenas, mehrere - extrem wichtige - Aspekte ausser Acht lässt, die man im Code du Travail findet.
Aus denselben, dort liegenden Gründen, finden junge Menschen in FR keine Festanstellungen mehr, geschweige Mme. Aubenas. Die Cotisations, Steuern, Abgaben sind für einen französischen Mittelständler kaum noch zu erwirtschaften. Kurzum "sowas kommt von sowas her" - schade eigentlich.
Sie haben recht, ich will sollte nicht unsachlich sein. Ich bezweifle nicht, dass Sie Ihrerseits völlig wahrheitsgemäß von der in ihrer Firma verfügbaren Stelle berichtet haben.
Nur ist das ein Einzelfall. Auch haben Sie möglicherweise nicht alle Details berichtet: (Arbeitszeiten mitten in der Nacht?, extrem schmutzige (gesundheitsgefährdende?) Putzarbeit?, vielleicht liegt die Firma jwd?, vielleicht gibt es bei Ihnen annährend Vollbeschäftigung?)
Vielleicht ist aber auch nichts davon der Fall und Sie haben einfach tatsächlich Pech bei der Suche.
Tatsache ist aber: Eine weitaus größere Menge an Menschen sucht Arbeit als Arbeit verfügbar ist. Und nach den Regeln von Angebot und Nachfrage drückt das den Preis. Zumal wenn der Staat auch noch Druck ausübt.
Tatsache ist: Man wird immer EINEN Fall finden in der eine
Manche Sektbarkommentatoren sind so weit entfernt von der Realität, wie die Masse der uns regierenden politischen Kaste. Sobald ihr Hintern erst einmal den dicken Daimler oder den Porsche unter sich spürt, haben diese unfähigen Zeitgenossen keinen Blick mehr für das wahre Leben. "Mein Haus, mein Auto, mein Pferd und mein Swimmingpool," sind die Werte einer abgehobenen Gesellschaft, die keinen Begriff davon hat, welchen Nöten Menschen ausgesetzt sind, die verzweifelt nach einer Arbeit suchen, von der sie sich auch ernähren können.
"Wenn sie kein Brot zu essen haben, sollen sie doch Kuchen essen!" soll Marie Antoinette einst gesagt haben. Stefan Zweig beschrieb sie 1932 in der Biografie "Marie Antoinette - Bildnis eines mittleren Charakters" als eine durchschnittliche Frau ohne besondere Charakterstärken. Die Ähnlichkeit mit heute lebenden Personen ist rein zufällig.
Winfried Frenzle
@AxelSiegler:
Wieso sollte jemand, der keinen Job findet, die *ihm zustehenden* Leistungen als *Geschenk* empfinden? Woher das denn? Der Grossteil hat vor dieser unseligen Situation jahre oder jahrzehntelang in das System eingezahlt! Das sind keine "Geschenke". Das ist ein Anrecht darauf.
Also manchmal könnte man glatt aus der Haut fahren bei so viel Ignoranz...
Paging