Psychodrama Herz der Gewalt

Der psychisch angeschlagene Joe (Joaquin Phoenix) wird zum Retter im Kinderbordell, Nina (Ekaterina Samsonov) sein Schützling.

(Foto: Constantin)

In Lynne Ramsays Thriller "A Beautiful Day" spielt Joaquin Phoenix einen Retter, der selbst verloren ist.

Von Philipp Stadelmaier

Das Gesicht eines Mannes atmet unter einer Plastiktüte. Das Bild eines Mädchens geht in Flammen auf, blutige Tücher gleiten in einen Mülleimer. Der Mann wirft noch eine Bibel drauf. Wir sind in einem Hotelzimmer. Dann geht der Mann raus auf den Flur. Er verlässt das Gebäude durch den Hintereingang. Jemand will ihn aufhalten, aber er haut ihn um, mit ein paar sauberen, wohlplatzierten Kopfnüssen. Und schon sitzt er in einem Taxi zum Flughafen.

Man wird in Lynne Ramsays Film ""You Were Never Really Here", der vom deutschen Verleih seltsamerweise in "A Beautiful Day" umgetauft wurde, hineingeworfen wie in einen Strudel aus unverständlichen Bildfragmenten, in dem man sich erst mal zurechtfinden muss. Wer ist dieser Mann? Man rechnet zunächst mit einem Auftragskiller. Und man ahnt, dass er von etwas verfolgt wird. Stimmen aus der Vergangenheit, Szenen, die immer wieder auftauchen, wenn auch nur blitzartig. Ein gewalttätiger Vater. Die Mutter, vor Jahren, blutend unter dem Tisch. Er selbst, als Kind, an der Wand.

Der Mann heißt Joe (gespielt von Joaquin Phoenix), er lebt er in einem kleinen Haus in New York, immer noch mit seiner Mutter. Als er nachts von seinem Trip heimkommt, ist sie vor dem Fernseher eingenickt. "Psycho" läuft, von Hitchcock. Joe kommt zu ihr, stellt sich über sie und macht Bewegungen, als würde er sie umbringen wollen - mit dem Messer, so wie einst Norman Bates. Aber es ist nur ein Scherz, die Frau ist alt und schwach, Joe trägt sie liebevoll ins Bett.

Mit einem Messer spielt er dann trotzdem. Nachts, wenn er nicht schlafen kann. Und auch am nächsten Morgen, wenn die alte Frau mal wieder das Badezimmer unter Wasser setzt und er später den Boden aufwischen muss. Dann steht er vor der Badezimmertüre, hält das Messer in der Hand und lässt es immer wieder auf die Dielen fallen, das Holz aufspießen. Ramsay filmt das, wie sie so vieles filmt - als fragmentierten Vorgang. Das Messer in der Hand, dann auf dem Boden.

Joes bevorzugtes Arbeitsgerät ist allerdings ein Hammer. Und auch wenn er damit tödlich zuschlägt - ein Auftragskiller ist er nicht. Joe arbeitet für eine Art Detektei. In der Anfangsszene, so erfahren wir, hat er gerade jemanden befreit, ein Mädchen oder eine junge Frau, aus einer unguten Situation. Nun bekommt er einen neuen Auftrag: Die minderjährige Tochter eines Politikers ist verschwunden. Sie wird in einem Bordell gefangen gehalten, in dem man Sex mit Kindern haben kann. Joe soll sie da rausholen. Er hat Erfolg. Aber dann wird die Jagd auf ihn eröffnet.

Diese Jagd findet ebenso im Außen statt wie in Joes Kopf. Da sind die Killer, und da sind die Gedanken: Flashbacks, die den Film immer mehr zu einem psychedelischen Trip werden lassen. Neben familiärer Misshandlung deuten sich weitere Traumata an, aus seiner Zeit beim Militär und beim FBI. Joe hat gesehen, wie Kameraden erschossen wurden, hat Leichen von Migranten in einem Lastwagen gefunden.

Wenn es dann sehr stressig wird, zieht er sich eine Plastiktüte über den Kopf. Das ist, neben dem Schlucken von Tabletten, seine Methode, um sich zu beruhigen, eine Hyperventilation abzuwenden. Überhaupt spielt Joaquin Phoenix Joe wie jemanden, der kurz vor dem Ersticken ist - immer wieder scheint plötzlich die Kraft aus ihm zu weichen, sackt er in sich zusammen. Dafür hat Phoenix beim letzten Filmfestival von Cannes den Preis für den besten Darsteller gewonnen. Ramsay selbst hat in Cannes die Palme fürs beste Drehbuch erhalten, für ein Szenario, in dem eine ohnehin bereits trostlose Existenz in ein noch viel trostloseres Übel hineinschlittert - die Kinderprostitution.

Darin liegt aber auch gleichzeitig der letzte Hoffnungsschimmer. Joe muss die missbrauchte Tochter retten. In dieser Reinheit und Sinnbildlichkeit erinnert das an Filme wie "Taxi Driver" oder "Léon, der Profi", in denen sich harte Kerle um Mädchen kümmern, um ihrem kaputten Leben noch einen letzten Rest Würde und Sinn zu geben.

Besonders aber lässt Lynne Ramsays Inszenierung an die Filme von und mit Takeshi Kitano denken. Wie bei ihm sieht man hier weniger die Gewalt als die Spuren, die sie hinterlässt. Joe schlägt trocken und regungslos zu, ohne dass man die Schläge selbst sieht - nur die Körper, die durchs Bild fliegen, und das Blut, das fließt. So zeigt Ramsay die Ironie eines Körpers, der selbst nur noch als Spur existiert. Oft bleiben die Einstellungen leer - Joe ist wie ein Gespenst, als sei er längst verschwunden. Du bist nie wirklich hier gewesen, versichert der Originaltitel. Das Herz der Gewalt bleibt unzugänglich, auch wenn es stetig pocht, im Rhythmus der Bildfragmente.

You Were Never Really Here, UK/F/USA, 2017. Regie: Lynne Ramsay. Buch: Ramsay, Jonathan Ames. Kamera: Thomas Townend. Mit Joaquin Phoenix, Dante Pereira-Olson. Constantin, 89 Minuten.