Pseudonyme:Wer hinter dem Phantom Elena Ferrante steckt - eine Typologie

Und hinter dem Decknamen "Emil Sinclair". Viele Schriftsteller schreiben unter Pseudonym. Warum? Eine Typologie.

Von Hannes Vollmuth

Elena Ferrante

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(Foto: Collage Jessy Asmus/SZ.de; Suhrkamp)

schrieb den Mega-Bestseller "Meine geniale Freundin", der gerade auf Deutsch erschienen ist. Entschied sich 1992 für die Anonymität. Lebt in Neapel. Ist nicht nur das Buchereignis des Jahres, sondern war bis vor Kurzem auch das bestgehütetste Geheimnis des Literaturbetriebs. Motiv: Hier meine Romane, aber lasst mich bitte in Ruhe! Wirkliches Motiv: Der beste Marketing-Gag aus der Welt der Literatur seit Jahren: eine Frau, die eine Besteller-Tetralogie schreibt und sich nicht zeigen will. Bürgerlicher Name: Anita Raja (das will zumindest ein italienischer Journalist recherchiert haben) Warum "Meine geniale Freundin" übrigens kein Frauenbuch ist, sondern universale Literatur, lesen Sie hier!

Emil Sinclair

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(Foto: Collage Jessy Asmus/SZ.de; dpa)

schrieb 1917 "Demian. Die Geschichte einer Jugend", bis heute Pflichtlektüre für junge Chaoten in Lebenskrisen. Wurde erst drei Jahre später enttarnt. Motiv: eigene Lebenskrise Wirkliches Motiv: Wollte testen, ob die Idioten von Lesern merken, wie gut er schreiben kann. Bürgerlicher Name: Hermann Hesse

Robert Galbraith

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(Foto: Collage Jessy Asmus/SZ.de; dpa)

veröffentlichte im April 2013 den eher biederen Krimi "Der Ruf des Kuckucks", der sich in vier Monaten 1500 Mal verkaufte. Wurde von der britischen Sunday Times entlarvt. Motiv: Wollte die männliche Seite in sich zum Schwingen bringen. Wirkliches Motiv: Hilfe, wie entkomme ich dem Harry-Potter-Fluch? Bürgerlicher Name: Joanne K. Rowling

Novalis

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(Foto: Collage Jessy Asmus/SZ.de; epd)

erfand im Jahr 1800 das romantische Motiv der blauen Blume, mit dem bis heute Germanistik-Studenten gequält werden. Liebte Fragmente (von denen er einige schrieb) und die Waldeinsamkeit. Verfasste das Romanfragment "Heinrich von Ofterdingen". War erfüllt von der Sehnsucht und dem Streben nach Unendlichkeit. Motiv: Uralter Beiname der Familie, der nicht vergessen werden soll: "De novali", der Neuland Bestellende. Wirkliches Motiv: Ich bin der Freak der deutschen Romantiker, Bitch! Wirklicher Name: Friedrich Freiherr von Hardenberg

Iny Lorentz

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(Foto: Collage Jessy Asmus/SZ.de; Christian Endt)

schrieb "Die Wanderhure", "Das Vermächtnis der Wanderhure" und "Die Tochter der Wanderhure" und wurde in den vergangenen zehn Jahren steinreich damit. Motiv: Schriftsteller-Ehepaar, das gemeinsam unter einem Namen schreiben will. Wirkliches Motiv: Schrullig, seelenverwandt, einfach unzertrennlich. Bürgerliche Namen: Iny Klocke und Elmar Wohlrath

Lewis Carroll

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(Foto: Collage Jessy Asmus/SZ.de; Wikimedia commons)

schrieb 1865 "Alice im Wunderland" und wurde auch dank der roten Königin ("Schlagt ihm den Kopf ab!") zum berühmtesten Kinderbuchautor seiner Zeit. Motiv: War so furchtbar vielbeschäftigt (Schriftsteller, Fotograf, Mathematiker und Diakon), dass er mehrere Identitäten brauchte. Wirkliches Motiv: Welches Kind soll sich bitte schön DIESEN Namen merken?! Bürgerlicher Name: Charles Lutwidge Dodgson

Richard Bachman

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(Foto: Collage Jessy Asmus/SZ.de; dpa)

schrieb seit Ende der Siebziger sieben durchaus erfolgreiche Krimis, Thriller und Psychothriller, wovon einer sogar mit Arnold Schwarzenegger verfilmt worden ist: "Running Man" (1987). Wurde enttarnt von einem Buchhändler, was die Bücher noch erfolgreicher machte. Motiv: Wollte den Büchermarkt nicht mit seinem richtigen Namen überfluten. Wirkliches Motiv: Mir ist so langweilig, dass ich pro Jahr gleich zwei Romane schreibe. Bürgerlicher Name: Stephen King

Mary Westmacott

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(Foto: Collage Jessy Asmus/SZ.de; dpa)

schrieb von den Dreißigern an sechs romantische Erzählungen, die tief in der menschlichen Psyche wühlen und auch Unappetitliches zutage fördern. Motiv: Ich habe intime Dinge zu erzählen, die ich nicht unter meinem richtigen Namen veröffentlichen will. Wirkliches Motiv: Meine Krimi-Fans hätten das eh nicht gecheckt. Bürgerlicher Name: Agatha Christie

John le Carré

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(Foto: Collage Jessy Asmus/SZ.de; dpa)

arbeitete bis 1964 beim britischen Geheimdienst MI5 und MI6, was ihm genug Material bescherte, den Rest seines Lebens Spionageromane zu schreiben. Kennzeichen: schlohweißes Haar, aber ziemlich bunte Fantasie. Motiv: Wollte keinen Ärger mit seinem ehemaligen Arbeitgeber haben. Wirkliches Motiv: Nichts verkauft sich im proletarischen England so gut wie ein französisierter Autor mit einem Schuss blauem Blut. Bürgerlicher Name: David John Moore Cornwell

© SZ.de vom 1.9.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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