Prüfungen an englischen Schulen We Don't Need No Education

Härtetests im Namen der Lehre: In England wird Kritik am Prüfungswahn der Schulen laut.

Von Alexander Menden

In keinem anderen Land der Welt müssen sich die Schüler so vielen Tests unterziehen wie in England. Eine vom General Teaching Council (GTC), der englischen Aufsichtsbehörde für Lehrstandards, in Auftrag gegebene Studie zeigt, dass ein Schüler in England und Wales bis zu seinem 16. Geburtstag im Schnitt bereits 70 Tests und Examina durchschritten hat. Nun hat das GTC zu einem fundamentalen Umdenken hinsichtlich der Testkultur im Land aufgerufen. Das derzeitige System produziere "demotivierte und gestresste Schüler" und bringe "gelangweilte Teenager dazu, die Schule frühzeitig zu verlassen".

In einem Schreiben an den Bildungsausschuss des britischen Parlaments fordert das GTC, die drei sogenannten National Curriculum Assessments (SATs) abzuschaffen. Obwohl die Prüflinge durch die SATs keinerlei formelles Zeugnis erwerben, sind diese Tests für die Schulen außerordentlich bedeutsam: Die SAT-Ergebnisse entscheiden neben anderen Prüfungsergebnissen über den Platz, den die jeweilige Schule in den "School and College Achievement and Attainment Tables" einnimmt. Diese im Stile sportlicher Ligen gestaltete Liste wird jährlich vom Bildungsministerium veröffentlicht und gilt als deutlichster Indikator für die Qualität von Lehre und Betreuung.

Geschlossene Gesellschaft

Die Schüler legen die SAT-Tests im siebten, elften und vierzehnten Lebensjahr ab. Sie werden dabei auf Wissen und Kompetenz im Abgleich mit dem nationalen Lehrplan geprüft. Viele Schulen werten die SATs daher auch als praktisches Training für das "General Certificate of General Education" (GCSE), für das die Schüler zwischen 14 und 16 geprüft werden und das ungefähr der Mittleren Reife in Deutschland entspricht. Ergebnis der jüngsten Studie sei, dass die Lehrer gezwungen würden, ihre Schüler auf das Bestehen einheitlicher Tests hin zu "drillen", statt ihnen eine umfassende Bildung zu vermitteln, so das GTC.

Der Ruf nach Abschaffung der SATs ist die konsequente Fortführung einer Kritik, die das GTC schon seit geraumer Zeit am englischen Prüfungssystem äußert. Die Bandbreite des in SATs und GCSE abgefragten Wissens sei zu gering, so Keith Bartley, Vorsitzender des General Teaching Council: "Die derzeitigen Prüfungen verfehlen komplett das Ziel." Das GTC ist mit seiner Einschätzung nicht allein. Ein gängiger Scherz in den britischen Medien lautet, GCSE sei eine Abkürzung für "General Certificate for Sitting an Exam" - "Allgemeines Zeugnis über das Ablegen einer Prüfung". Aus Furcht, in den "League Tables" abzurutschen, gehen manche Lehrer so weit, ihren Schülern Lösungstipps zu geben oder Ergebnisse zu manipulieren. Erst kürzlich wurde der Fall einer Französischlehrerin aus Bristol bekannt, die sich erhängte, nachdem sie in Verdacht geraten war, ihren Schülern während einer GCSE-Prüfung geholfen zu haben. Der Druck wird an die Schüler weitergegeben. Noch nie mussten so viele Schüler, selbst Sechsjährige, wegen Examensstresses psychologisch betreut werden.

Dabei sei es völlig überflüssig, "dass es jedes Jahr einen Tag gibt, an dem Elfjährige in Panik verfallen", weil Prüfungen anstünden, sagt Keith Bartley. Sein Vorschlag: Die Abschaffung der "League Tables". Man müsse nicht jedes Kind alle vier Jahre prüfen, um herauszufinden, wie sich die allgemeine Bildungslage entwickle. Stattdessen, so schlägt das GTC vor, solle eine "Ergebnisdatenbank" eingerichtet werden, die Lehrer nutzen könnten, wenn individuelle Einschätzungen von Schülerleistungen nötig seien.

Bildungsminister Alan Johnson hat die Vorschläge allerdings zurückgewiesen: Das SAT-System sorge für eine Transparenz, auf das Eltern großen Wert legten. Die Eltern wollten nicht "in eine Welt zurückkehren, in der Schulen geschlossene Institutionen waren, von denen niemand wusste, was genau in ihnen vorging".