"Es war noch nie leicht, Künstler zu sein": Der spektakuläre Prozess gegen "Pirate Bay" in Stockholm gilt dem weltweiten Raubkopieren.
Der alte Scania-Bus hätte wohl auch beim Hippie-Festival von Woodstock gut ausgesehen. Im heutigen Stockholm ist er mit seiner Graffiti-Lackierung, dem rostigen Charme und dem röhrenden Klang auf jeden Fall ein Blickfang. In den kommenden Wochen wird das Gefährt durch die Hauptstadt rollen und Werbung machen für das "Piratenbüro". Die Lobbyorganisation der schwedischen Raubkopierer steht in diesen Tagen im Zentrum des Medieninteresses. 2003 haben einige ihrer Aktivisten die Webseite "The Pirate Bay" gegründet. Heute ist diese digitale Piratenbucht das wichtigste Zentrum der Welt für den Tausch von illegal kopierten Daten. Und seit Montag stehen drei der Webseiten-Gründer und ein weiterer Gefährte in Stockholm vor dem Bezirksgericht. Der Staatsanwalt bezichtigt sie der "Beihilfe zum Verbrechen gegen das Urheberrecht" und fordert eine Geldstrafe von umgerechnet etwa 100.000 Euro. Film- und Musikindustrie haben die vier außerdem auf Schadenersatz im zweistelligen Millionenbereich verklagt.
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"Wir machen nichts anderes als Google": "The Pirate Bay"-Gründer Gottfrid Svartholm Varg (links) and Peter Sundin. (© Foto: rtr)
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"The Pirate Bay" ist ein sogenannter Bit-Torrent-Tracker. Vereinfacht gesagt: Ein Verzeichnis von Daten, die Menschen auf der ganzen Welt auf ihren Rechnern gespeichert haben. Mit Schlagwörtern kann man den Piraten-Katalog durchsuchen. Er spuckt dann eine Liste mit Wegbeschreibungen aus. Mit Hilfe dieser Beschreibungen finden spezielle Computerprogramme unter anderem illegal kopierte Songs, Filme, Fernsehserien. Die Dateien liegen meist irgendwo in Kinderzimmern, Studentenbuden oder Büros auf Festplatten zum Abruf bereit. Mehrere Millionen Menschen nutzen "The Pirate Bay" derzeit nach Angaben der Betreiber täglich. Die Seite vermittelt etwa die Hälfte des weltweiten Datentausches, der meist zwischen Privatpersonen abläuft.
Die Unterhaltungsindustrie ärgert das schon lange. Wäre das zentrale Verzeichnis einmal stillgelegt, so hofft sie, würde das auf der ganzen Welt das Raubkopieren erschweren. Aber die Bekämpfung der Piraten ist schwierig. Bislang konnten die Anwälte nur Teilerfolge erringen. So zwangen sie zum Beispiel vor einigen Tagen dänische Internetanbieter per Gerichtsbeschluss, ihren Kunden den Zugang zur Piratenbucht zu versperren. Gegen die vom Richter verordnete Sperre haben die Internetfirmen allerdings Widerspruch eingelegt.
In Schweden, dem Heimatland von "The Pirate Bay", konnten Platten- und Filmfirmen bislang kaum etwas ausrichten. Schwedens Urheberrecht ist vergleichsweise locker. 2006 beschlagnahmte die schwedische Polizei bei einer Razzia in Göteborg einmal die Zentralrechner der Piraten - die Aktion blieb zunächst folgenlos, nach wenigen Monaten lief der Betrieb weiter wie gehabt. Ein Problem für Industrie und Justiz ist, dass "The Pirate Bay" selbst gar keine illegal kopierten Daten anbietet - sondern eben nur Links zu Material, das anderswo liegt. "Wir machen nichts anderes als Google", argumentieren die Betreiber. Vor Gericht wollen Platten- und Filmfirmen nun beweisen, dass es anders ist.
Eine eigene Runterlader-Partei
Zweieinhalb Jahre nach der Razzia soll es nun vor dem Gericht in Stockholm zum Showdown kommen. Ein Schuldspruch wäre wohl das Ende der Piratenbucht. Und Schweden würde seinen Ruf als Freihafen der digitalen Welt verlieren. Allerdings gehen die meisten Experten davon aus, das binnen weniger Monate andere Webseiten in anderen Ländern die Lücke wieder schließen würden.
Der Staatsanwalt will in der Verhandlung, die auf zehn Tage angesetzt ist, auch beweisen, dass die Betreiber von "The Pirate Bay" mit ihrer Seite viel Geld verdient haben. Denn laut Anklageschrift sollen die Netzpiraten durch Werbebanner 1,2 Millionen Kronen (gut 100.000 Euro) eingenommen haben.
Die Anwälte der Industrie betonen bei jeder Gelegenheit, dass es bei dem Verfahren nicht um Politik gehe. Sondern nur um Wirtschaft: Die Raubkopierer haben den Firmen etwas weggenommen, sagen sie. Und jetzt holen die Firmen es sich eben zurück.
Nicht Raubkopierer, sondern Dateiteiler
Bislang ist die öffentliche Meinung in Schweden den Raubkopierern jedoch wohlgesonnen. Sie heißen dort nicht Raubkopierer, sondern "Fildelare", zu Deutsch: Dateiteiler. Der Begriff kommt vom englischen "Filesharing". Mit dem "Piratbyrå" haben Schwedens Dateiteiler eine schlagkräftige Lobbygruppe. Im Januar 2006 gründeten einige von ihnen außerdem die Piratenpartei. Die erreichte bei den Parlamentswahlen im gleichen Jahr 0,63 Prozent der Stimmen, im Sommer tritt sie zur Europawahl an. Mittlerweile hat die Partei nach eigenen Angaben knapp 10.000 Mitglieder - mehr als die schwedischen Grünen - und Ableger in anderen EU-Ländern wie Deutschland oder Spanien. Diese Aktivisten vertreten die Ansicht, Urheberrecht und Copyright seien veraltet. Privatpersonen sollten frei kopieren können.
Die Musikindustrie sei durch das Internet überflüssig geworden, weil sie "nichts anderes kann als kleine silberne Scheiben um den Erdball zu schiffen, und diese Dienste braucht heute niemand mehr", sagt der Spitzenkandidat der Piratenpartei. Auf die Frage, wie die Autoren von geistigem Eigentum Geld verdienen sollen, lautet die Antwort aus dem bunten Piratenbus: "Es war noch nie leicht, Künstler zu sein."
- Prozess um Internet-Piraterie Auf sie, mit Gebrüll! 16.02.2009
- Urteil zu PC-Rundfunkgebühren "Unzulässige Besitzabgabe" 07.10.2008
- Öffentlich-rechtliches TV im Netz "Wir stehen unter Beobachtung" 29.12.2008
- Drehbücher der Zukunft An eine Userin 11.09.2007
- Hintergrund: Rundfunkstaatsvertrag Der Testfall 29.12.2008
(SZ vom 17.02.2009/holz)
Endgültiger DFB-Kader für EM
Wenn die Platten-/Filmindustrie/"Verwertungsindustrie" nichts außer Geldverdienen leistet, wie hier manche argumentieren - warum
1.) macht Ihr nicht selbst ein solches Unternehmen auf? Nix tun, aber viel verdienen? Wenn das alles ist, müßte es doch ein paar mehr Anbieter geben?
2.) kauft Ihr nicht Aktien von diesen Unternehmen? Die sind selbst für Geringverdiener erschwinglich und sollten sich doch - bei so großen Gewinnen - innerhalb kürzester Zeit auszahlen?
Und die Kommentare darüber, wer Künstler ist oder nicht, haben mit der Frage nichts zu tun. Erzählt mal dem Bäcker, er sei kein Künstler und solle Euch das Brot gefälligst umsonst geben oder allenfalls Materialkosten berechnen. Oder dem Herrn am Fußballstadion, Ihr wollet keine Superstars finanzieren und doch eh "nur gucken", das dürfe ja wohl nichts kosten?! Viel Erfolg!
Ich glaube, ethisch ist die Frage des Raubkopierens vielschichtig (siehe mein vorheriger Kommentar), aber das heißt auch: Die "Macht alles nichts"-Meinung ist bequem, aber mir zu simpel.
eine Kopie vom Original) bei einem Wettbewerber günstiger kaufen. Insofern bricht the Pirate Bay lediglich den Wettbewerb für die Kunden auf. Das ist eigentlich im Sinne eines freien Marktes und sollte unterstützt werden.
eine Kopie vom Original) bei einem Wettbewerber günstiger kaufen. Insofern bricht the Pirate Bay lediglich den Wettbewerb für die Kunden auf. Das ist eigentlich im Sinne eines freien Marktes und sollte unterstützt werden.
... ist mir wirklich völlig egal. Der ist austauschbar. Ich halte aber sowas von nichts von diesem "Starkult". Nur weil jemand mal ein Liedchen gesungen / gekrächtzt hat das man sich ohne Hörschaden reinziehen kann ist doch nicht alles was dieser Mensch von sich gibt das Wort Gottes.....
Und ich beurteile ganz allein wer ein Künstler ist und wer nicht. Für mich die einzige gültige Meinung.
Es gibt gegenwärtig nichts unwichtigeres als Liedchenträllerer oder solche die sich dafür halten. Das es viel zu viele davon gibt und viel zu viele davon "träumen" auch mal ein "Star" zu sein ist eine Tatsache. Nach Start des Privatfernsehens wurden so viele C, D, E und F "Künstler" wieder hervorgekramt das es einen graust. Komiker, die nicht komisch sondern peinlich sind, Sänger deren Talent im diametralen Gegensatz zu ihrem Ego steht, Ekelshows bei denen man sich fragt ob es überhaupt noch etwas gibt das kein Mensch sehen will und allem voran Deutschland-sucht-den-beklopptesten-Teenager.
Für diesen gesamten Matsch gebe ich wirklich keinen Cent aus. Der ein oder andere Song gefällt mir, meist ohne Kenntnis des "künstlerischen Promovideos", dann saug ich den Song und irgendwie ist es mir egal wer den zum besten gegeben hat.
How ever, in der ganzen obigen Aufzählung ist nicht ein "Künstler" versteckt :-))
Sehr geehrter Herr Herrmann,
über inhaltliche Schwächen hinweggesehen ('The Pirate Bay' war in vollem Umfang nach wenigen Tagen nach der 'Razzia' wieder erreichbar) würde ich mich doch sehr freuen wenn eine stärke Unterscheidung zwischen journalistischem Kommentar, Kolumne und Nachricht sichtbar wird.
Sie verbergen Ihre persönlich Positionierung im Artikel keinesfalls, sollte diese stark subjektiv geprägte Sichtweise jedoch vielleicht auch kenntlich machen.
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