Proteste aus Hollywood Paradies mit Kohl und Hackfleich

Die liberale Filmbranche demonstriert nach Trumps Amtsantritt heftig gegen Ungleichheit und Ausgrenzung. Diese Protestlust ist ein Erbe aus der Frühzeit Hollywoods, das von Flüchtlingen gegründet wurde.

Von Susan Vahabzadeh

Den Ruf, ein liberaler Haufen zu sein, hat Hollywood in den letzten fünf Tagen erfolgreich verteidigt. Schon am Vorabend der Amtseinführung des 45. Präsidenten der USA hatte eine Art Ostflügel, eine Gruppe von Hollywood-Größen aus New York, zu einer Einstimmungs-Veranstaltung in Manhattan geladen. Robert De Niro, Michael Moore, Marisa Tomei, Sally Field, Cher und Julianne Moore, allesamt Oscarpreisträger, traten auf, dazu Shailene Woodley, Alec Baldwin und Mark Ruffalo. Sie alle gelobten, Donald Trump die ersten hundert Tage im Amt mit Protesten zu versüßen. Wenn es eine Registrierung für Muslime geben werde, rief Moore in die Nacht, trage er sich als Erster ein.

Viele der Stars, die in New York dabei waren, traten auch am Samstag in Washington auf. Michael Moore beispielsweise, der einiges wiederholte, was er schon am Donnerstag gesagt hatte. Unter anderem, dass die Demokraten dringend ein neues Führungsteam bräuchten. Beim Women's March traten ja nicht nur Frauen auf, weil es eben, wie die Frauenrechtlerin und Journalistin Gloria Steinem sagte, sowieso immer um alles geht. Frauenrechte sind Menschenrechte.

Ein Bekenntnis zu den Republikanern gilt als Karriere-Hemmnis

So traten dann für den Schutz von Immigranten und Muslimen, des Abtreibungsrechts und der Krankenversicherung in Washington auch Madonna und Ashley Judd auf. Und Scarlett Johansson hielt eine flammende Rede darüber, was es heiße, wenn die neue Regierung "Planned Parenthood" die finanzielle Unterstützung entzieht. Das ist eine NGO, die in 650 amerikanischen Kliniken ihre Dienste anbietet, von der Krebsvorsorge über den Sexualkundeunterricht bis zur Schwangerschaftsverhütung. Hollywood ist liberal und orientiert sich so sehr an den Demokraten, dass sich in den Branchenblättern regelmäßig republikanische Filmschaffende beklagen, ein Bekenntnis zu ihrer Partei sei ein Karrierehemmnis. Ist Robert De Niro, von dem es heißt, er verdiene mit seinen Immobilien mehr als mit seinen Filmen, scheinheilig, wenn er in New York den Text auf der Freiheitsstatue zitiert? "Die geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren, haben dieses Land aufgebaut!"

Er hat sicher genauso viel recht, sich als Anwalt von Immigranten und als Bürgerrechtler zu bezeichnen wie jeder andere Immobilienhai, der behauptet, sich für die Verlierer der Globalisierung einzusetzen, und er folgt damit tatsächlich einer Hollywood-Tradition. Jener, die im "Goldenen Zeitalter" Filme hervorbrachte wie Lewis Milestones Antikriegsdrama "Im Westen nichts Neues" (1930). Als Hollywood zur Filmmetropole wurde, begann bald die Große Depression, da bot das Kino Eskapismus einerseits und Verständnis andererseits, um sich sein Publikum zu sichern. Aber es gab in Hollywood von Anfang an auch sehr viele Leute, die Armut und Außenseitertum gut aus der eigenen Erfahrung kannten. Als D.W. Griffith dort 1910 den allerersten Film drehte, war Hollywood noch ein Kaff vor den Toren von Los Angeles. Griffith fand schnell Nachahmer, der Ort war fürs amerikanische Kino ideal, das Klima war freundlich, allerhand unterschiedliche Landschaften waren in nächster Nähe, und Thomas Edisons Firma war ganz weit weg, in New York. Letzteres war ziemlich wichtig und kostensparend, denn Edison besaß die Patente auf die meisten Kameras. Schon fünf Jahre später hatte die neue Filmindustrie 15 000 Arbeitsplätze geschaffen.

Dass nach 1933 vor allem deutsche Filmschaffende ins Exil gingen und zu den Architekten von Hollywoods "Golden Age" wurden, ist hinreichend bekannt, schon deswegen, weil es auch ein Teil deutscher Geschichte ist. Aber genaugenommen ist die ganze amerikanische Filmindustrie eine Gründung der Ausgestoßenen und der Flüchtlinge. Die Studiobosse der ersten Generation waren überwiegend Juden, so heißt es oft, und es stimmt. Es wird aber viel seltener erwähnt, warum das so war. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen waren Juden viele Möglichkeiten verstellt.

Die Filmindustrie war ganz neu, es gab kein Establishment, und genau deswegen zog die neue Branche genau jene Leute an, die in allen anderen Branchen wenig oder gar keine Chancen hatten. Auch Frauen versuchten dort ihr Glück, nicht nur als Schauspielerinnen. Es gab in der Frühzeit Hollywoods viele Autorinnen, Star-Autor der frühen Jahre war Frances Marion. Die Studios wurden von Männern gegründet. Sie schufen dort, so beschreibt es der Filmhistoriker Neal Gabler in seinem Buch über die Anfangsjahre Hollywoods, "Ihr eigenes Reich". "Es gab keine gesellschaftlichen Schranken in einem Geschäft, das so neu und leicht halbseiden war wie das Kino zu Beginn des Jahrhunderts", so Gabler. "Es gab nicht die Hindernisses anderer erhabenerer Berufszweige und des etablierten Geschäftswesens, das versuchte, Juden und andere Unerwünschte draußen zu halten."

Einige der Brüder von Jack Warner beispielsweise waren noch in Polen geboren worden, 1888 waren die Eltern aus dem Schtetl nach Amerika geflohen, wo Jack zur Welt kam. Die Familie war bettelarm, aber die Söhne entdeckten das Kino für sich. Einer wurde Filmvorführer, sie kauften eine Oper in der Provinz, 1910 taten sie sich schließlich zusammen und gründeten ein paar Jahre später die Warner Brothers, bis heute eines der größten Studios. Jack Warner war später der einzige Studioboss, der direkt nach der Machtergreifung die Geschäftsbeziehungen zu Nazi-Deutschland einstellte.

Auch die Familie von Louis B. Mayer, zu dessen Vermächtnis MGM, das Studio mit dem Löwen im Logo gehört, war in den 1880er Jahren nach Amerika geflohen. Mayer, der ursprünglich Lazar Meir hieß, wurde in Minsk geboren, auch seine Eltern waren nach Amerika ausgewandert, auch sie waren arm, mit zwölf ging Louis von der Schule ab. Die Schauspielerin Ann Rutherford sagte mal über Mayer: "Er hat sich selbst Grammatik beigebracht. Er hat sich selbst Manieren beigebracht. Sollte sich jemals jemand auf dieser Erde selbst geschaffen haben, war es Louis B. Mayer."

Die meisten Namen wurden erst amerikanisiert, schon weil es nach außen damals wichtig war, nicht allzu jüdisch zu wirken, und zu Hause war man mit Jiddisch aufgewachsen. Samuel Goldwyn, das G aus MGM, hieß Szmuel Gelbfisz, geboren in Warschau; die Eltern von David O. Selznick, der "Vom Winde verweht" produziert hat, stammten aus Litauen. Ihre Familien waren aus dem zaristischen Russland geflohen vor den Pogromen gegen Juden nach der Ermordung des Zaren Alexander II., an der angeblich die Juden schuld waren - ein früher Fall von Fake News.

Das eigene Reich, das nun in Hollywood entstand und ein Weltbild exportierte, war von dieser Vorgeschichte geprägt. Bis heute gibt es Hillcrest, einen exklusiven Country-Klub im Westen von Los Angeles, gegenüber den Fox-Studios, gegründet als jüdischer Klub zu einer Zeit, als die gewöhnlichen Country-Klubs keine Juden aufnahmen.

Protest ja, aber die Trump-Wähler als zahlende Zuschauer will auch keiner vergraulen

In Hillcrest spielte man vorwiegend Golf. Es gab auch eine Rennbahn, Hollywood Park, eröffnet von Harry und Jack Warner; Louis B. Mayer hatte kostbare Pferde, Polo wurde zum Modesport. In seinem unvollendeten Roman "Der letzte Taikun" beschreibt F. Scott Fitzgerald, was seinem Helden Monroe Stahr durch den Kopf geht bei einem Empfang. Stahr war dem legendären Irving Thalberg nachempfunden, einem der großen Produzenten der frühen Jahre Hollywoods. Dieser Stahr sitzt an einem Tisch und hört zu, wie seine Kollegen über Pferderennen reden, und da kommt ihm die Idee, dass all die osteuropäischen Juden, die da zusammenkommen, ihre Pferdeliebe so ernst nehmen, weil früher die Kosaken ritten, die Juden aber zu Fuß gingen. Das war vielleicht von Fitzgerald gar nicht so schlecht beobachtet.

Harry Cohn scherte da aus, der mit seinem Bruder 1919 die Firma CBC gründete. Ihr Spitzname war bald "Corned Beef and Cabbage", Hackfleisch und Kohl, weil das Unternehmen so viel Arbeiterklassen-Anmutung hatte. Die Firma hieß später Columbia und hatte große Erfolge mit den Filmen von Frank Capra. In der Traumfabrik sehnte man sich nicht nur nach Reichtum und Macht, sondern auch nach Fairness, Gerechtigkeit, Solidarität. Es gibt in Hollywood also ein Erbe zu verteidigen, und es ist kein Argument dagegen, dass die Erbonkel, die Mogule der ersten Stunde, keineswegs alle eine unbefleckte weiße Weste hatten. Ob sich von den Protesten der vergangenen Tage allzu viel in den Filmen der nächsten Jahre niederschlagen wird, das bleibt abzuwarten, denn eines hat das Hollywood von heute ganz sicher mit dem Hollywood des Golden Age gemeinsam: Man will vor allem Kinokarten verkaufen, und das potenzielle Publikum, das Trump weiterhin folgt und keine politischen Belehrungen von Robert De Niro und Meryl Streep hören will, nicht vergrätzen.

Man könnte aber durchaus dafür argumentieren, dass die Filmbranche nicht nur eine geerbte Verantwortung hat, sondern auch eine ganz aktuelle. Donald Trump ging es in den ersten Tagen im Amt nicht um die Proteste, sondern darum, ob die Medien ein falsches Bild vermittelt hätten vom Besucheransturm bei seiner Amtseinführung. Es gab dazu Luftbilder von Barack Obamas Amtseinführung zum Vergleich. Aber sogar Bilder sind nur noch da, um angezweifelt zu werden. Und für die Vorstellung, dass jedes Bild manipuliert werden kann, jeder Film nur Trick ist, kann man Hollywood durchaus einen Teil der Schuld geben. Darin war Hollywood immer besser als jeder andere Teil der Filmbranche: Träume auf eine Leinwand zu zaubern, wo sie dann aussehen wie abgefilmte Wirklichkeit. Täuschend echt.