Protest-Plakate aus "Three Billboards" 71 Tote. Keine Verhaftungen. Wie kommt's?

71 Tote: Auf drei mobilen Plakatwänden fragen Aktivisten in London nach den Konsequenzen aus dem Brand des Grenfell Towers.

(Foto: AP)

"Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" hat eine neue Protestform geboren: Überall auf der Welt prangern Plakate politische Skandale an - und zeigen, wie politisch der öffentliche Raum ist.

Von Gerhard Matzig

Als der Blick der Kamera auf das intensive Rot der Plakatwand fokussiert und es heranzoomt wie die Diode eines verglühenden Terminator-Auges, sagt eine Stimme: "Ich glaube, wir haben da ein Problem." Das ist exakt der Punkt, da sich der Rest der Welt im Kino sagt: Wir haben da eine Lösung.

Das Drama "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" gehört mit zwei Preisen zu den Gewinnern der Oscar-Nacht. Mittlerweile, der Film ist ja schon länger zu sehen und spätestens seit seinem Golden-Globe-Erfolg im Gespräch, gehört das Missouri-Drama aber auch zu den Vorbildern einer bemerkenswert neuen Protest-Ästhetik. Die Fiktion des Filmes legt sich über die Sphären der Realität.

Was im Film angelegt ist als erst versponnene, dann irritierende und schließlich befreiende Protestform auf dem Land, taucht nun auch in London und Rom auf, in Miami und New York - und, wenngleich mit anderer Intention, in Cleveland.

Ein Film, der allen trotzt

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Der Film erzählt vom Feldzug einer Mutter im amerikanischen Hinterland. Die Tochter von Mildred Hayes - gespielt von Frances McDormand, die einen Oscar als beste Hauptdarstellerin erhielt - wurde vor Monaten vergewaltigt und ermordet. Doch scheint die Polizei unfähig bis untätig zu sein. Deshalb lässt Mildred an der Straße, die in ihren Heimatort Ebbing, Missouri, führt, drei Billboards, große Werbetafeln also, mit provokanten Sprüchen aufstellen, die sich an Polizeichef Willoughby richten. Erste Tafel: "Beim Sterben vergewaltigt". Zweite Tafel: "Noch immer keine Verhaftung". Dritte Tafel: "How come, Chief Willoughby?" Dieses große "Wieso?", dieses "Wie kommt's?" ist es nun, das auch anderswo anderen Tatenlosigkeiten und anderen Verantwortungslosigkeiten entgegenplakatiert wird.

Etwa in London. Dort tauchten im Februar an der Themse oder vor der St.-Pauls-Kathedrale ebenfalls drei (mobile) Plakatwände auf, die nach den 71 Toten fragten. Acht Monate nach dem Brand im Grenfell Tower. Die Reihung hier: "71 Dead" - "And still no arrests?" - "How come?" Wie kommt es, dass niemand zur Verantwortung gezogen wird?

"Noch immer keine schärferen Waffenkontrollen? - Wie kommt's, Marco Rubio?"

Auch in den USA werden immer öfter Werbetafeln mit unterschiedlichen Botschaften gesichtet. Nach dem Massaker an einer Highschool in Florida wollte man in Miami wissen: "In der Schule ermordet" - "Noch immer keine schärferen Waffenkontrollen" - "Wie kommt's, Marco Rubio?" Der republikanische Politiker und Senator für Florida, Rubio, wird womöglich auch gedacht haben, was Chief Willoughby sagt: "Ich finde ihre Billboards nicht besonders fair." Aber um Fairness geht es nicht. Sondern um die Ökonomie der Aufmerksamkeit.

Ob in Rom im Wahlkampf vor "Bunga Bunga mit Extremisten" gewarnt wird (bildmächtig vor dem Kolosseum) oder ob in New York vor dem UN-Sicherheitsrat nach den 500 000 Toten in Syrien gefragt wird: Das große Wieso ist in der Welt. Und das ist mehr als ein Comeback jener Billboard-Ästhetik, wie sie schon von Robert Venturi und Denise Scott Brown 1972 in "Learning from Las Vegas" formuliert wurde. Es ist eine neue Relevanz des öffentlichen Raumes, der immer auch politisch ist. Das gilt für Pussy Riot, Femen, Occupy oder eben, aktuell, für Werbetafeln als Austragungsorte gestaltender Macht.

Der Karlsruher Medientheoretiker Peter Weibel, der vor einigen Jahren die Ausstellung "Global Activism: Global Citizen" organisiert hat, sieht in alldem eine global wirksame Protestästhetik heranreifen. Vergleichbar etwa der Graffiti-Kunst in den Siebzigern oder der Happening-Formen der Sechziger. "Das neue Engagement", sagt er, "ist das Echo auf die Handlungsschwäche der Politik." Wobei dieses Engagement nun von Gruppen auch auf Individuen übergeht. Siehe Mildred Hayes.

Allerdings könnte es auch sein, dass der neuen, politisch wirksamen Fragezeichen-Kultur eine neue Spaß-Form des Ausrufezeichens zur Seite steht. In Cleveland, Ohio, sollten drei Billboards den Star des Basketballteams der Cleveland Cavaliers, LeBron James, zur Konkurrenz locken. Auf den Werbetafeln war zu lesen: "Philly wants you". Die Reaktion des Sportlers: "Das ist cool." Das auch, irgendwie.

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