Pro und Contra: Twilight Ärger am Hals

Die eine schwärmt tatsächlich für Robert Pattinson, die andere hält ihn für den lahmsten Vampir aller Zeiten. Was ist dran an der Aufregung um die Twilight-Saga?

Ein Pro und Contra von Lena Jakat und Barbara Vorsamer

Das PRO: Unsere Autorin ist zwar doppelt so alt wie der durchschnittliche Twilight-Fan, hat die Bücher von Stephenie Meyer aber gerne gelesen und schaut sich die Filme noch lieber an. Gegen eine gefühlige Schmonzette mit 20-jährigen Beaus in den Hauptrollen spricht nun wirklich nichts, findet Barbara Vorsamer:

Und dann fällt der gutaussehende Gentleman vor seiner Angebeteten auf die Knie und spricht die Worte: "Würdest du, Isabella Swan, mir die größte Ehre erweisen, die ich mir vorstellen kann - und mich heiraten? Willst du meinen Ring annehmen?" Natürlich haucht sie ein Ja und fällt in seine Arme.

Die Szene erinnert mehr an Jane-Austen-Romane aus dem 19. Jahrhundert als an einen modernen Vampir-Teenie-Film. Doch in genau dieser Tradition steht Eclipse - Bis(s) zum Abendrot, die dritte Folge der Twilight-Saga, die an diesem Donnerstag in den deutschen Kinos anläuft. Bella und Edward sind wie Elizabeth Bennet und Fitzwilliam Darcy. Oder wie Romeo und Julia, das Liebespaar schlechthin.

Schließlich macht Edward seiner Bella schon drei Filme lang den Hof, bevor er um ihre Hand bittet. Zum Sex kommt es frühestens im vierten Teil - und selbstverständlich erst nach der Hochzeit.

Davor werden alle Motive einer klassischen Romanze mehrmals rauf und runter dekliniert. Bei Jane Austen verhindern Standesunterschiede das Zusammenkommen der Liebenden - in Twilight ist eben das Problem, dass Edward ein bluttrinkender Vampir und Bella ein zartes Menschlein ist. Auch die Familien machen es dem Paar nicht einfach. Bellas Vater gibt sein Bestes, um seiner Tochter den Geliebten auszureden, ihr den Umgang mit ihm zu verbieten und sie in ihr Zimmer zu verbannen.

Doch die Liebe ist stärker (und Vampire sowieso, die kommen einfach durchs Fenster). Wirklich bedroht wird die Verbindung zwischen Bella und Edward nur von einem: Werwolf Jacob. Die Geschichte einer Ménage-à-Trois ist schon in Tausenden Liebensdramen erzählt worden und funktioniert immer wieder.

Bella ist hin- und hergerissen zwischen dem poetischen Vampir Edward und Jacob, dem Werwolf. Im ersten Teil spielt Jacob in Bellas Leben nur die undankbare Rolle des besten Freundes. Er ist ja auch ein Jahr jünger - welche 17-Jährige gibt sich schon mit einem 16-Jährigen ab?

So einfach wie Atmen

Doch dann wächst der beste Kumpel zum Mann heran und wird zu einer Bedrohung für die komplizierte Liebe zwischen Bella und Edward. Dessen Vampirsein erschwert das romantische Zusammensein ein wenig. Wenn Bella ihm zu nahe kommt, wird sein Blutdurst geweckt, außerdem ist er hart und kalt wie Marmor. Und wer kuschelt schon gerne mit einem Stein? Im Schlafsack mit Edward erfriert Bella beinahe, weshalb Jacob mit diesem den Platz tauschen muss.

Und als ob das noch nicht genug Grund für Eifersucht wäre, macht die Tatsache, dass sich Jacob und Bella seit der Kindheit kennen, das Zusammensein der beiden so herrlich unkompliziert. Verzweifelt versucht der Nebenbuhler, die Umschwärmte damit von sich zu überzeugen: "Bella, mit mir wäre das alles so einfach wie das Atmen", ruft er. Doch sie hat es lieber schwer und bleibt bei Edward. Oder?

Draufgänger Jacob stiehlt in Eclipse mehrere Küsse von Bella und ist sicher: "Du hast mich zurückgeküsst." Das lässt genug Zweifel beim Publikum bestehen, um die Ménage-à-Trois noch in den vierten Film hinüberzuretten.

Makellose Perfektion

Frauen und Mädchen finden sich in Bella wieder. Denn wer kennt es nicht, das Hin- und Hergerissensein zwischen dem netten Banknachbarn aus dem Biounterricht und dem geheimnisvollen Typ aus der K13, den man nur vom Anhimmeln in der Raucherecke kennt?

Nur bei den wenigsten Mädchen war diese Auswahl allerdings so attraktiv wie Taylor Lautner und Robert Pattinson. Die beiden Beaus sind ein weiterer Grund, warum es sich lohnt, sich den Film zu gönnen. Lautner und seine Werwölfe präsentieren sich die meiste Zeit in Jeansshorts und mit gestählten Sixpacks. Die Vampire bleiben zwar angezogen, strahlen dafür aber makellose Perfektion aus.

Wer intellektuellen Anspruch oder gesellschaftliche Kritik erwartet, muss sich allerdings etwas anderes im Kino anschauen. Bei Eclipse kann der Verstand getrost an der Kinokasse abgegegeben werden. Es ist ein Liebesfilm und damit Entspannung pur - nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Lesen Sie weiter auf Seite 2, warum der Film alles andere als ein Brüller ist.

Das CONTRA: In der gehypten Neuauflage des Dracula-Mythos ist aus der verbotenen Lust nordamerikanische Moral geworden, aus dem leidenschaftlichen Verführer der blasse Junge von nebenan. Der moderne Vampir hat sich selbst überflüssig gemacht, findet Lena Jakat:

Gegen kitschtriefende Liebesfilme für junge Menschen gibt es - abseits der Hoch-/Popkultur-Debatte - rein gar nichts einzuwenden, auch nicht gegen den Hype um Hollywood-Stars.

Würde ein Teenager nicht kreischen, es wäre ein evolutionsbiologisches Wunder. Dass Millionen weiblicher Fans bei Twilight-Darsteller Robert Pattinson dahinschmelzen, in Ekstase verfallen und die Jungs aus ihrer Klasse an seinem Maßstab messen, ist vollkommen in Ordnung - noch dazu, weil er tatsächlich aussieht wie die moderne, bürgerliche Version des unsterblichen James Dean.

Der eigentliche Aufreger ist doch: Pattinson ist Edward Cullen ist ein Vampir.

Es ist ein Hohn

Wie bitte? Dieser blasse durchschnittliche Junge aus einer durchschnittlichen US-amerikanischen Kleinstadt mit durchschnittlichen Teenager-Problemen soll ein Vampir sein? Stephenie Meyers modernisierter Blutsauger verhöhnt all seinen blutrünstigen, dämonischen oder wenigstens liderlichen Vorfahren. Er ernährt sich von Blutersatz, spielt Baseball und steht auf Sportwagen.

Seit er in der Epoche der Romantik die Literatur eroberte, war der Vampirmythos erotisch aufgeladen: Er stand für verbotene Lust, für zügellose Leidenschaft, für absolute Hingabe - und damit für Sünde und Vergehen. Die keusche Blümchensex-Erotik der Twilight-Saga hat sich solcher zügellosen Anrüchigkeiten vollständig entledigt.

Bram Stokers Dracula biss bei den Frauen, die er als Opfer wählte, einfach zu. US-Autorin Anne Rice (Interview mit einem Vampir) emanzipierte das Opfer, erklärte den Vampir zum Lustobjekt. Die Frau wurde nicht länger gebissen, sie ließ sich beißen.

Meyers Vampir Edward geht mit seiner Angebeteten Bella Swan auf den Highschool-Ball. Im dritten Teil der Bis(s)-Saga verkehrt er den Mythos des dämonischen Verführers dann endgültig zu Farce: Schmalzumrahmt und bedeutungsschwanger verkündet er, erst mit Bella schlafen zu wollen, wenn sie verheiratet sind.

Hochzeit? Kirche? Früher wurden die Vampire mit Kruzifixen gejagt, heute hängen sie bei ihnen im Wohnzimmer. Ein enthaltsamer Vampir macht sich zum Apostel evangelikaler Moralvorstellungen und der US-amerikanischen True-Love-Waits-Bewegung. Das ist nun wirklich das Allerletzte.

Amputierter Mythos

Dass die fromme Mormonin und Vorbild-Mutter Stephenie Meyer den Lesern ihrer Jugendromane ihre reaktionäre Weltsicht zumutet - geschenkt. Darüber haben sich genug Feuilletonisten genügend aufgeregt. Aber wie sie den schaurig-schönen, verruchten Vampirmythos nimmt, amputiert und schließlich in eine ihm völlig entgegengesetzte Form presst, geht einfach zu weit: Meyer hat den Vampir kastriert.

Der Vampir Edward Cullen erinnert nur noch bei ganz genauem Hinsehen ganz entfernt an seine kunstgeschichtlichen Vorbilder: Er ist blass, gebildet, musisch veranlagt. Ein ganz normaler Außenseiter in einer ganz normalen Highschool-Clique. Es hätte doch auch gereicht, seine Blässe den vielen Stunden vor dem PC zuzuschreiben, seine Belesenheit seiner Intelligenz und seine Musikalität generellem Feingeist. Auch ein anderes düsteres Geheimnis hätte sich sicherlich noch finden lassen. An der herzzerreißenden Liebesgeschichte hätte das rein gar nichts geändert.

In seiner kleinbürgerlichen Version "Bis(s) zum Überdruss" hat sich der Vampir selbst überflüssig gemacht. Bleibt zu hoffen, dass Jungstar Robert Pattinson erwachsen wird und sich nach der Twilight-Saga neue Rollen und ein neues Image zulegt. Denn es wäre jammerschade, würde er als der unsterblich, der den lahmsten Vampir aller Zeiten gab.