So stellen sich Schwule moderne Frauen vor. Contra Sex and the City: Ruth Schneeberger hält die Serie für peinlich reaktionär.
Anzeige
Es gibt im neuen Kinofilm Sex and the City 2 eine verräterische Szene: Carrie und ihre Freundinnen stöckeln aus hanebüchenem Grund durch die Wüste, um mitten in Abu Dhabi von einem Grüppchen schwarz verhüllter Frauen in ein Hinterzimmer gelockt zu werden - und da offenbaren ihnen die Damen, was sie unter der Burka tragen. Es ist natürlich die Frühjahrskollektion eines angesagten Designers aus New York, der Stadt, die Musliminnen über alles lieben, ohne sie jemals betreten zu haben. Freudige Gefühlsausbrüche auf beiden Seiten.
Da ist er also, der alte amerikanische Traum von der Weltherrschaft, vom global village, bestückt aus Hollywood und Manhattan. Gestern noch galten muslimische Gläubige als potentielle Terroristen - in der Sex-and-the-City-Version schaut man unter die Burka, und weiß, wer Freund und wer Feind ist. New York, so die Botschaft, muss man einfach lieben. Es lebe der Kapitalismus, der sie am Ende doch alle holt.
Um es ein für allemal unmissverständlich darzustellen: Man kann Mode, Glamour und Sex lieben, und Sex and the City trotzdem hassen. Meiner Meinung nach handelt es sich bei der Rezeption der hochgejubelten US-Serie nämlich um ein Missverständnis: Diese vier Frauen sind nicht so, wie Frauen sind. Sie sind so, wie schwule Männer sich Freundinnen vorstellen. Das ist keine diskriminierende Aussage - diskriminierend ist vielmehr, ein solch reaktionäres Frauenbild vorgesetzt zu bekommen. Und es dann noch als Gipfel der Coolness zu feiern.
Es beginnt schon mit dem Fistelstimmchen der Hauptdarstellerin Carrie. Ausgemergelt trippelt die Langhaarige auf schwindelerregenden Stilettos durch die Stadt. Arbeiten muss sie nicht - es reicht, wenn sie einem Millionenpublikum einmal die Woche schriftlich mitteilt, wie ihr Sexleben gerade aussieht. "Kolumnistin" nennt man das.
Und weil es gar so schön ist, der Ü-40-Jährigen mit den herben Zügen ins Schlafzimmer zu blicken, hat sie noch drei Freundinnen, die auch immer ganz viel über ihr Bett, den Küchentisch oder sonstige einfallslose Orte erzählen müssen, an denen Sex möglich sein könnte - wenn der richtige Mann vorhanden wäre.
Sex ist nicht wirklich das Thema
Noch so ein Missverständnis: In dieser Serie geht es nicht um Sex. Es geht darum, sich Sex auszumalen. Dabei sind die amourösen Verstrickungen der vier Grazien alles andere als originell. Im aktuellen Kinofilm gilt es schon als unglaublich verrucht, wenn sich die sexbesessene Samantha lauthals mit einer neuen Bekanntschaft vergnügt, während ein Stockwerk tiefer ein befreundetes Schwulenpaar heiratet. Und Liza Minnelli singt dazu.
Nichts gegen schwulen Kitsch, aber er sollte nicht als Mädchentraum verkauft werden. Dann wirkt er albern. Das Schlimmste aber sind heterosexuelle Männer, die diese Serie zu Weiterbildungszwecken gucken, um zu erfahren, "wie Frauen ticken". Dort lernt man höchstens, wie Frauen ticken sollten - aus männlicher Sicht. Hier ist Cosmopolitan zur TV-Serie geworden.
Dabei haben die Autorin der Vorlage, Candace Bushnell, und die schwulen Schöpfer der Serie, Michael Patrick King und Darren Star, nicht mal Boshaftes im Sinn. Es geht eher um ihre als romantisch empfundene Vorstellung davon, wie Frauen "gestrickt" sind. Demnach gilt ihr Interesse allein zwei Themen - Mode und Männern. Wobei beide möglichst groß sein sollten: Mode ist gut, wenn sie von einem großen Designer stammt, Männer sind gut, wenn sie als "Mr. Big" daherkommen.
Das ist schon wieder ein diskriminierendes Klischee, weil es den Mann auf einen körperlichen Umstand beschränkt und die Frau in die untergeordnete Kleinmädchenrolle drängt. Unabhängig davon: Das Bild von einer Frau, deren ganzes Leben sich um die Suche nach einem Märchenprinzen rankt, war das nicht schon mal überholt? Es mag ja sein, dass ganze Bevölkerungskreise sich jenes Frauenbild zurücksehnen - aber diese Kreise sind, so viel sollte klar sein, nicht überwiegend weiblich.
Das ist die größte Täuschung, der wohl die meisten Rezipienten dieser Serie erlegen sind: Es geht eben nicht um ein realistisches Bild moderner, womöglich emanzipierter Großstadtfräuleins mit romantischer Ader. Es geht um die möglichst massenkompatible, also werbewirksame Vermarktung einer überzeichneten romantischen Vorstellung davon, wie Frauen zu agieren haben, damit die Welt weiterhin A Man's World bleiben kann.
Dabei ist die Serie geschickt in einem humorigen Ton angelegt. Ihre Schöpfer basteln aus der männlich wirkenden Hauptdarstellerin den Kleinmädchentyp, sie machen sich über die naiv-dümmliche Charlotte ganz liebevoll lustig, sie bewundern die ach so toughe Miranda als Kumpeltyp, vor allem aber vergöttern sie selbst wohl ihre liebste Schöpfung am meisten: Samantha, das Penis-schluckende Sexmonster, nie um einen Altherrenwitz verlegen, immer einen schlüpfrigen Scherz auf den wollüstigen Lippen, und sei er noch so schwül.
Wir sind ja so offen
All diese Phantasiefiguren, das glaubt man den Machern gerne, werden von ihren Schöpfern geliebt - aber auch nur deshalb, weil sie nicht real sind. Wenn diese Erkenntnis mal in der Rezeption ankommen könnte, und nicht zum achtzigsten Mal geschrieben würde, wo man welches Outfit welcher Hauptdarstellerin nachstylen kann und dass das "moderne Märchen" in die nächste Zauber-Runde gehe, dann wäre ja alles nicht so schlimm.
Ja, es ist ein Märchen, aber was ist daran modern? Komplett overdressed und überschminkt durch Wüste und Großstadtdschungel zu stöckeln? Immer irgendeinem "heißen Typen" hinterherzuhecheln?
Auch die angeblich so "offenen" Gespräche über Sex - wo waren jene, die darauf reinfallen, 1968? Zu jung? Zu alt? Noch nicht bereit für die sexuelle Revolution?
Man darf ja zum Abschalten ruhig mal einem TV-Traum auf den Leim gehen - aber wer noch echte Träume hat, der sollte sich durch Sex and the City nicht vereinnahmen lassen. Frauen weit jenseits der Pubertät, die sich von Themen wie Politik, Wirtschaft oder Kultur weit fernhalten, um im M&M-Universum zwischen Männern und Mode zu versinken, leben kein selbstbestimmtes Leben. Sie sind ferngesteuert.
Am Ende des neuen Filmes heißt es versöhnlich: Man kann die Tradition nehmen und sie mit eigenen, bunten Erfahrungen mischen. Jedes Paar habe seine eigene Erfahrungswelt. Schöner hätte das ein Buch zur sexuellen Aufklärung der siebziger Jahre nicht ausdrücken können - für Zwölfjährige.
Und was ist Bahnbrechendes passiert, dass man am Ende so offenherzig an die Toleranz der Zuschauer appellieren müsse? Carrie hat - du meine Güte - in der Wüste ihren Exfreund geküsst. Zwei Sekunden lang. Mit geschlossenen Augen. In Erinnerung an alte Zeiten. Um daraufhin total aufgeregt mitten in der Nacht ihren aktuellen Ehemann anzurufen und ihm davon zu berichten. Am Ende liegen sie sich wieder in NY in den Armen, er hat ihr endlich den begehrten Juwelenring geschenkt anstelle des Flachbildfernsehers.
Plötzlich ist gemeinsames Kuscheln auf der Couch wieder alles andere als spießig. Mit unterwürfigem Blick kuschelt sich Carrie an Mr. Bigs breite Schultern.
Es ist zum Heulen.
Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2
- Thema
- Sex and the City RSS
- VIP-Klick Sarah Jessica Parker hat Knieprobleme 03.08.2007
- "Alley Cat" von Burda Küss mich, Katze 20.05.2010
- TV-Serienklassiker (12) Ally McBeal - Die Gefühlsanwältin 01.11.2006
- Heute im TV: "Grey's Anatomy" Dieser chronische Juckreiz namens Leben 05.09.2007
- Mode in Hollywood Die neuen Mächtigen 22.09.2006
- Im Kino: Sex and the City Fummel über der Wüste 28.05.2010
- Premiere von Sex and the City 2 Luft holen nicht vergessen 25.05.2010
(sueddeutsche.de/kar/rus/jja)
Studie zur Beliebtheit der Deutschen