Privatmuseum Pfiat di, Kippenberger...

...pfiat di Hermann Nitsch? Der Sammlung des österreichischen Baumarkt-Moguls Karlheinz Essl droht die Zerschlagung.

Von Alexander Hosch

Jahrzehntelang war der heute 76-jährige Firmenchef und Kunstsammler Karlheinz Essl in Österreich nur der Herr Kommerzialrat mit dem christlichen Weltbild oder einfach "der Professor". Seit seine Baumarktkette Baumax vor fünf Jahren in Schwierigkeiten geriet, wird er schon mal als Betriebsrats-Feind und ahnungsloser Bilderanhäufer beschimpft. Zumindest letzteres ist falsch. Essls wertvolle Gegenwartskunst wird heftig begehrt.

Sein Baumarkt-Imperium ist hingegen zerronnen. Der Unternehmer und seine Frau Agnes vergrößerten 50 Jahre lang ein einst übersichtliches niederösterreichisches Unternehmen - bis es allein in Österreich auf 65 Baumärkte mit 3700 Angestellten gewachsen war. Es folgten ein paar Fehler, die Finanzkrise und eine misslungene Osteuropa-Erweiterung. Am Ende lagen die Schulden bei 1,2 Milliarden Euro. Im Oktober 2015 wurde Baumax zerschlagen. Die Banken verzichteten auf 400 Millionen Euro. Aber was heißt das nun für die Sammlung?

1975 haben Agnes und Karlheinz Essl sie begründet. Zunächst wählten sie fast ausnahmslos Werke der heimischen Nachkriegs-Avantgarde, von Hermann Nitsch, Arnulf Rainer, Günter Brus, Maria Lassnig, Christian Ludwig Attersee. Gemälde, Skulpturen, Fotografien, Videos. 20 Jahre später wandten sie sich internationalen Größen zu: Salle, Spoerri, Tapiés, alle wichtigen deutschen Maler. 1999 eröffneten sie, nicht weit von Wien, in Klosterburg, die "Sammlung Essl Privatstiftung". Sie war das stolze Gegenmodell zum damals neuen Wiener Museumsquartier. Der theatralische Bau des Architekten Heinz Tesar bekam eine Bibliothek, ein Auditorium, 3200 Quadratmeter für Ausstellungen.

Spätestens seit 2014 aber gefährdet der Baumax-Konkurs die Sammlung. Verglichen mit den Verbindlichkeiten von Baumax war ihr damaliger Buchwert, 86 Millionen Euro, gering. Um aber die 42 Gläubigerbanken zu befrieden und eventuell sein Österreichgeschäft zu retten, hoffte Essl - vergeblich - der Staat werde ihm die Sammlung abkaufen. Erst die Umwandlung der Stiftung in die "SE Sammlung Essl GmbH" Mitte 2014 brachte eine Lösung.

Von da an besaß Karlheinz Essl 40 Prozent an seiner Kunst, während Hans-Peter Haselsteiner, ein anderer kulturaffiner Unternehmer, 60 Prozent übernahm, indem er für einen Überbrückungskredit bürgte, mit dem die Herauslösung der Kunst aus der Baumax-Konkursmasse gelang. Christie's, Sotheby's und das Dorotheum hatten die Sammlung zuvor auf 110 bis 130 Millionen Euro taxiert. Daraufhin versteigerte Christie's 2014 die kostbarsten zeitgenössischen Ikonen daraus, Werke von Polke, Immendorff, Baselitz und Cindy Sherman. Man erlöste 50 Millionen Euro, die gleich an die Banken weitergereicht wurden. Die Verkäufe gingen bis 2015 weiter. "Tschüss Polke, pfiat di Kippenberger", titelte der Standard.

Die Sammlung Essl

Wie begleicht man Schulden von 1,2 Milliarden Euro mit Kunst im Wert von 130 Millionen?

Doch einzigartig ist die Sammlung ja ohnehin wegen ihrer österreichischen Bestände. Die wertvolleren und teilweise schon versteigerten internationalen Werke brachten, bei aller Klasse, eher eine Namensparade der üblichen Verdächtigen, die es auch in Dutzenden anderen Sammlungen weltweit gibt - von Louis Bourgeois über Kiefer, Kippenberger, Cragg, Kirkeby zu Neo Rauch. Dagegen deckt die Sammlung wie keine andere alle Hauptströmungen der österreichischen Kunst seit 1945 ab.

Das Schaffen der Nachkriegs-Österreicher und ihrer Nachfolger hat etwas Geschundenes, Abwehrendes und Schockierendes. Sie malten und meißelten gegen etwas an. Die Wut mehrerer Künstlergenerationen über ein Land, das seine Vergangenheit bis heute nur sehr zögerlich aufarbeitet, brach sich in Leinwandbesudelungen und Opfer-Performances Bahn.

Bei Essl ist das alles zu sehen: Die Fantastischen Realisten der Wiener Schule, die Maler, deren Mittelpunkt in den Fünfzigerjahren die Galerie nächst St. Stephan war, Hundertwasser vor dem Kitsch, die Wiener Aktionisten, Schmalix, Gironcoli, Erwin Wurm, Rockenschaub, Franz West und Heimo Zobernig bis zu aktuellsten Künstlern. Oft erwarben die Essls ganze Werkgruppen. Aus der Sich des Kunsthistorikers Wieland Schmied leisteten sie für die Nachkriegszeit das, was die Sammlung Leopold mit ihren Klimts und Schieles für die Jahrhundertwende bedeutet.

Durch Aktionen und Performances von Künstlern wie Rainer und Nitsch wurde die Sammlung Essl auch selbst Teil der Kunstgeschichte. Die Qualität der Österreich-Bestände konnte der internationale Teil der Sammlung deshalb nie erreichen. Denn Baselitz oder Kiefer konnten die Essls nicht fördernd begleiten. Sie waren schon berühmt.

Zurück zur Zukunft: Österreichs Kunstpublizistik wälzte in den letzten Monaten rund um die Essl-Kunst immer wieder einige Krimi-Fragen: Gibt es einen geheimen Sammlungsteil oder weicht nur die Zählweise ab, wenn mal von 4900, mal von 7000 Werken die Rede ist? Besitzen die Mitglieder eines Collectors' Club, die seit 2005 Werke mitfinanziert haben sollen, Vorkaufsrechte? Wann ist der Überbrückungskredit fällig? Und wird der nun hauptbestimmende Strabag-Chef und Musikfestspielpräsident Haselsteiner seine neue Investition in die Gegenwartskunst vielleicht lieber in der Hauptstadt pflegen als in Klosterneuburg, wo alles auf die Essl-Familie zugeschnitten ist?

Massimo Vitalis "Madima Ragna D'oro" (2005) ist zur Zeit in der Sammlung Essl zu sehen.

(Foto: Massimo Vitali, VG Bild-Kunst Bonn, 2016)

Somit harrt vor allem das Essl-Museum einer ungewissen Zukunft. Besuch in Klosterneuburg um den Jahreswechsel. Neben den Bahngleisen erhebt sich das stattliche "Schloss von heute" aus den Donauauen. Im Moment gebe es nur eine fixe Planung bis zum Ende der laufenden Ausstellungen, sagen die Angestellten. Das prominenteste Angebot ist derzeit die Schau "Faszination Fotografie", die allein aus dem Essl-Depot bestückt ist (bis 31.1.). Dort suchen erstaunlich viele Großformate von Thomas Ruff, Thomas Struth und Andreas Gursky das Auge des Betrachters. Es ist also noch Tafelsilber da. Der Standard vermutete schon im Sommer, bei der Ausstellung "Deutsche Kunst seit 1960" handele es sich um eine getarnte Verkaufsschau, die helfen solle, Bilder für die nächste Auktionen in Szene zu setzen.

Auf Fragen der SZ antwortete die Pressestelle nur, für September sei die Einzelschau eines österreichischen Künstlers geplant, darüber hinaus "eine Konzentration auf das Thema Sammlung Essl" sowie neue Impulse durch ein "Labor im Essl Museum". Aber findet man Struth und Gursky in zwei Jahren auch noch hier? Und kann die SE Sammlung Essl GmbH genug für den Museumsbetrieb erwirtschaften? Es wäre zu hoffen, dass auf die Zerschlagung der Baumarktkette die Rettung der Kunst folgt. Das Essl-Bilderdrama geht auch 2016 weiter.