Ähnliche Versuche von Zeitungen, sich Exklusivität zu sichern, gab es immer wieder: Beim Bergwerksunglück von Lengede im Jahr 1963 ließ sich der Stern für eine Vergütung von (heute lächerlich wenig erscheinenden) 250 000 Mark die "Weltrechte" an den Erlebnisberichten der elf Geretteten übertragen. Und 1972, als das Misstrauensvotum der CDU/CSU im Bundestag gegen den SPD-Bundeskanzler Willy Brandt gescheitert war und der CDU-Abgeordnete Julius Steiner in Verdacht geriet, er habe sich seine Stimmenthaltung abkaufen lassen, schloss die Illustrierte Quick mit ihm einen Vertrag und versteckte ihn drei Wochen lang, um ihn exklusiv ausfragen zu können.

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Im Zug dieser Recherchen gestand er, vom SPD-Fraktionschef Wienand mit 50 000 Mark bestochen worden zu sein. Die rechtliche Wirksamkeit solcher Verträge ist umstritten, faktisch bringen sie nicht allzu viel; jedenfalls der Kern der Geschichte kann sofort in allen anderen Medien publiziert werden. Exklusivverträge dieser Art werden heute noch häufig mit Verbrechensopfern geschlossen - die ihr Leid dann exklusiv ausbreiten. Befriedigt wird auf diese Weise aber weniger ein Informations- als ein Unterhaltungsinteresse.

Zeitungen und Internet ergänzen sich

All das waren und sind hilflose bis alberne Versuche, die natürlichen Defizite von Zeitungen und Zeitschriften zu überwinden. Den Endpunkt solcher Albernheiten markiert die grassierende Unsitte, Gedenktagen schon Wochen vor dem Gedenktag zu gedenken und Jubiläumsjahre schon Wochen vor dem Jubiläumsjahr einzuläuten. Es ist ein Indiz dafür, dass das Gefühl dafür verloren geht, womit man wirklich Exklusivität gewinnt: mit der Güte des Produkts.

Es wird davon geredet, dass Zeitungen und Internet sich ergänzen. Das stimmt dann, wenn jedes Medium seine spezifischen Stärken kennt. Die Stärke des Internets ist die Rasanz, die Stärke der Zeitung die Reflexion. Zeitungen, die sich darauf besinnen, werden interessanter, weil sie Uniformität und die Wiederholung des Immergleichen vermeiden.

Das Rieplsche Gesetz verlangt von den Zeitungen, sich immer wieder andere Aufgaben zu suchen. Das bedeutet heute: Die Zeit der Zeitungen als Generalanzeiger ist vorbei; es beginnt ihre Zeit als Generalschlüssel. Daran muss jeden Tag gefeilt werden, und dafür braucht es Leute, die das können und denen die Leser diese Fertigkeit zutrauen, gute Redakteure eben. Es kann dies eine neue, große Zeit der Zeitungen werden - weil sie befreit sind, weil sie nicht mehr ihre natürlichen Schwächen mit sich herumschleppen.

Die letzte Ausgabe der Weltbühne vom 7. März 1933 endete mit dem Satz: "Denn der Geist setzt sich doch durch". Das könnte, auch in viel weniger schwierigen Zeiten als damals, ein Motto für eine Zeitung sein.

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(SZ vom 16.08.2008/akh)