"Pride" im Kino Wir sind Disco

"Helft den Minenarbeitern!", fordern die schwulen Streikenden.

(Foto: Nicola Dove/Senator)

Oder: Wie ein Hüftschwung die Welt verändert. Der wunderbare Film "Pride" erzählt die wahre Geschichte eines ungewöhnlichen Streiks in den Achtzigern, in dem sich Bergarbeiter und Schwule solidarisieren.

Von Rainer Gansera

Shake your hips oder: Warum ein sexy Hüftschwung die Welt verändern kann. Nach der Streikversammlung soll im Gemeindesaal getanzt werden. Die Frauen beschweren sich, dass ihre Männer einfach nicht auf die Tanzfläche zu bringen sind. Da geht Jonathan (Dominic West), der Gast aus London, zum Solotanz aufs Parkett und legt eine derart grandiose Disco-Nummer hin, dass John Travolta von Neid erblassen müsste. Er wirbelt gleichzeitig wie ein Derwisch und eine Diva durch den Raum. Die Damen jubeln, die Männer staunen. Es ist der Augenblick, in dem das Eis zu schmelzen beginnt.

Aus Märchen und Musicals kennen wir diesen Wellengang der Überschwänglichkeit, den der als Theaterregisseur berühmt gewordene Brite Matthew Warchus in seinem Film "Pride" erzeugt - nach einer wahren Begebenheit: 1984 beschließt eine Clique junger Gay-Aktivisten aus London, streikende Bergarbeiter zu unterstützen. Sie nennen sich "Lesbians and Gays Support the Miners" (LGSM) - "Lesben und Schwule für Bergarbeiter". Die Idee dazu entstand während des Gay Pride March im Juni 1984. Mark (Ben Schnetzer), der quirligste der Aktivisten, wird von Passanten als "widerwärtiger Perversling" beschimpft - was in jenen Jahren noch an der Tagesordnung war. Er ruft seinem Freund zu: "Wer hasst die Streikenden am meisten? Margaret Thatcher, die Polizei und die reaktionäre Boulevard-Presse. Kommt dir das nicht bekannt vor?!"

Führer und kein Softie

Premierministerin Margaret Thatcher, im Biopic "Die Eiserne Lady" von 2011 noch weichzeichnerisch porträtiert, erscheint hier in Archivaufnahmen als Schreckensvision: "Ich bin hier, um ein starker Führer und kein Softie zu sein!" Ihre Politik der gesellschaftlichen Spaltung und Entsolidarisierung setzte sie 1984 mit besonderer Härte durch - sie verfügte die Privatisierung oder Schließung zahlreicher Zechen, wollte die Entmachtung der Gewerkschaften.

Die gemeinsame Erfahrung von Ausgrenzung und Diffamierung machte Schwule und Streikende zu Verbündeten. So sieht es Mark, und seine Vision dieser außergewöhnlichen Allianz wird tatsächlich Gestalt annehmen. Gegen alle Wahrscheinlichkeiten und Widerstände. Zu Beginn ist es für LGSM gar nicht so leicht, die gesammelten Spenden an den Mann zu bringen. Sind Bergarbeiter nicht der Ausbund jener Macho-Mentalität, die Kontakt mit Schwulen fürchten wie der Teufel das Weihwasser? Zahlreiche Streik-Komitees winken erst einmal ab, bis schließlich ein kleiner, abgelegener Ort in Wales mit einer Einladung reagiert.

Eine Begegnung der besonderen Art, der Kontrast könnte nicht schroffer sein. Hier die schrillen Paradiesvögel aus der City, dort die braven Provinzler. Es dauert, bis Berührungsängste überwunden sind, bis Jonathan mit seinem Discotanz-Hüftschwung die Herzen der Waliser Frauen erobert, und deren dringliche Frage, ob sich denn tatsächlich alle Lesben vegan ernähren würden, geklärt ist.

Geschickt verknüpft Warchus den großen dramatischen Bogen mit den Entwicklungslinien einzelner Schicksale. Im Kampf um die politische Sache entfalten sich die Charaktere, gewinnen Selbstbewusstsein, Selbstachtung, finden zur eignen Stimme. Witz und Pantasie sind gefragt. Hetzt ein Boulevardblatt gegen das Bündnis von "Pits and Perverts", von "Minenarbeitern und Perversen", kontert LGMS mit der Organisation eines Benefiz-Konzerts in Londons Electric Ballroom unter dem Titel "Pits and Perverts", bei dem unter anderem Bronski Beat auftreten.

Alte Körper, junge Liebe

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So alternieren Momente persönlicher Wahrheit und große, ergreifende Augenblicke wie die Streikversammlung, auf der die Frauen den Protestsong "Bread and Roses" anstimmen. Entscheidend ist die festlich-überschwängliche und karnevaleske Geste der Erzählung. Sie wird zum Signum des Widerstands gegen eine Politik der Ausgrenzung und Erniedrigung. Aus ihr entspringt die mitreißende Glücksenergie dieser Geschichte von Freundschaft und Solidarität.

Pride, GB 2014 - Regie: Matthew Warchus. Buch: Stephen Beresford. Kamera: Tat Radcliffe. Musik: Christopher Nightingale. Mit: Ben Schnetzer, Bill Nighy, Andrew Scott. Senator, 120 Minuten.