Pressefreiheit Auch Bulgariens postsowjetische Herrscher schlucken Satire ungern

Vor allem während des Stalinismus konnten die Folgen fürchterlich sein. Der Karikaturist Raiko Aleksijew etwa, der von Lenin bis Hitler Diktatoren verspottet hatte, hatte am 8. September 1944 auf der Titelseite seiner damals berühmten Satirezeitung Schturetz eine Karikatur des sowjetischen Diktators Stalin veröffentlicht.

Sofort nach dem kommunistischem Umsturz in Bulgarien am Tag darauf wurde Aleksijew festgenommen und ermordet, berichtete seine Witwe später dem Schriftsteller Rossen Tachow. Spätere Satiriker überlebten, landeten aber zuweilen im Gefängnis. Todor Tsonew, der Hunderte Cartoons des kommunistischen Parteichefs Todor Schiwkow gezeichnet hatte, wanderte noch 1979 hinter Gitter.

Auch Bulgariens postsowjetische Herrscher schlucken Satire ungern. Als 1998, zur besten Sendezeit am Sonntagabend, die Sendung "Hushove" des Satirikers Slawi Trifonow die Außenministerin als Stripteasetänzerin zeigte und den damaligen Ministerpräsidenten Iwan Kostow als Dieb, der Bundeskanzler Helmut Kohl die Armbanduhr stiehlt, setzten die Intendanz und der Nationale Medienrat die Sendung ab.

Und in den vergangenen Jahren ist die Lage für Satiriker wie Nikolow nicht viel freundlicher geworden. Als an der bulgarisch-türkischen Grenze selbsternannte Bürgerwehren das Gesetz in die eigene Hand nahmen und Jagd auf Flüchtlinge machten, lobte Ministerpräsident Bojko Borissow im April 2016 die Privatjäger. Jede Hilfe für Bulgariens Grenzer sei "willkommen".

Tage später stellte ein selbsternannter Flüchtlingsjäger ein Video ins Internet, das zeigte, wie er und andere drei festgenommenen jungen Afghanen die Hände mit schwarzem Plastikband hinter dem Rücken zusammenbanden. Ein Fall für Nikolow.

Er war damals beim Privatsender Nova-TV für politische Cartoons im Frühstücksfernsehen zuständig - und zeigte eine Zeichnung, in dem Borissow hinter einer Fahne mit schwarzen Plastikband die Flüchtlingsjäger zur Verteidigung des Vaterlandes hinter sich sammelt.

Endliche eine zensurfreie Plattform für Karikaturen

Nach Protesten hinter den Kulissen setzten die schwedischen Eigentümer des Senders Nikolow vor die Tür und entfernten Dutzende seiner Cartoons von ihrer Website. Der Regierungschef bestritt jede Einflussnahme, der Satiriker aber ist überzeugt, dass der Fernsehsender "von unserem Premierminister zensiert wurde".

Mit ihrer Pras-Press wollten sich Nikolow und seine Kollegen endlich eine zensurfreie Plattform für ihre Karikaturen schaffen. Und trotz der Probleme mit dem Vertrieb gibt das "Organ unbotmäßiger Karikaturisten", wie die Satiriker ihr Blatt getauft haben, nicht klein bei. "Wir vertreiben das Magazin jetzt auf Märkten oder über unabhängige Buchhandlungen - die hängen nicht vom Pressevertrieb ab."

Seit Kurzem ist die Pras-Press auch als Pdf im Internet zu kaufen. "Wir dachten, dass sich dafür nur im Ausland lebende Bulgaren interessieren würden", sagt Nikolow. "Aber die meisten Käufer kommen aus Bulgarien. Wir haben schon Tausende Exemplare verkauft. Die Bulgaren warten nur darauf, über ihre Mächtigen lachen zu können."