Pressefoto des Jahres Pressefoto des Jahres - Blick auf den Hass in unserer Zeit

Der türkische Fotograf Burhan Ozbilici ist mit dem "World Press Photo Award" ausgezeichnet worden. Sein Bild eines Attentats zeigt den Moment kurz nach dem tödlichen Schuss.

Von Carolin Gasteiger

Sein Gesicht ist wutverzerrt, sein linker Arm ragt mit ausgestrecktem Zeigefinger in den Himmel. Auf dem Boden neben ihm liegt Andrej Karlow, russischer Botschafter in der Türkei, den Mevlüt Mert Altıntaş soeben angeschossen hat.

Das Bild des türkischen Fotografen Burhan Ozbilici ist Zeugnis eines grausamen Moments - und Pressefoto des Jahres. Unter mehr als 80 000 Einsendungen hat sich die Jury des "World Press Photo Award" für diesen Terrorakt entschieden, wie Moskau und der UN-Sicherheitsrat die Tat nannten. Es sei ein "explosives Bild, das den Hass in unserer Zeit ausdrückt", heißt es in der Begründung. Die SZ hat sich dazu entschieden, das Foto nicht zu zeigen, um keinen jubelnden Mörder abzubilden und die Würde des Opfers zu wahren.

Altıntaş, der Mann im Anzug, hatte am 19. Dezember vergangenen Jahres bei einer Ausstellungseröffnung in Ankara auf Botschafter Karlow geschossen. Immer wieder hat der Täter "Vergesst nicht Syrien, vergesst nicht Aleppo" und "Allahu akbar" gerufen. Fotograf Ozbilici, der seit 30 Jahren für die Nachrichtenagentur AP arbeitet, war zufällig bei der Vernissage und sagte erschüttert dem Guardian: "Ein Leben ist vor meinen Augen verschwunden." Auch auf diesen Aspekt - der Hass könnte in jedem Moment über einen hereinbrechen - weist sein Foto hin.

Das Attentat geschah zu einem Zeitpunkt, als sich die Türkei und Russland nach Querelen über den Syrien-Krieg gerade wieder angenähert hatten. Von Todfeindschaft zurück zu Freundschaft vollzogen die Beziehungen mehrmals eine Wende, wie SZ-Russlandkorrespondent Julian Hans schreibt. "Dieser Zickzackkurs birgt die Gefahr, dass sich ehemalige Verbündete abwenden und radikalisieren."

Im vergangenen Jahr zeigte das Siegerbild Flüchtlinge, nun ist ein Mord das Motiv. Damit sendet das Komitee alles andere als ein Signal der Hoffnung - es ist eher eine Warnung, wohin Hass führen kann. Beide Männer auf dem Bild sind tot. Karlow erlag seinen Schussverletzungen, Altıntaş wurde von Sicherheitskräften getötet.

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