Preisverleihung in Cannes Eine hielt sich nicht ans Skript

Der große Gewinner: „Shoplifters“ von Hirokazu Kore-eda.

(Foto: Festival)

Die Entscheidung für die Goldende Palme war knapp. Ansonsten herrscht in Cannes im Jahr eins nach der "Me Too"-Debatte "business as usual". Nur die italienische Schauspielerin Asia Argento will das wichtigste Filmfestival der Welt nicht einfach so davonkommen lassen.

Von David Steinitz

"1997 wurde ich von Harvey Weinstein hier in Cannes vergewaltigt. Ich war 21 Jahre alt, und dieses Festival war sein Jagdrevier." Mit diesen Worten unterbrach die italienische Schauspielerin Asia Argento am Samstagabend das strenge Ablaufkorsett der Preisverleihung der Filmfestspiele in Cannes. Sie war auf die Bühne des Festivalpalastes gekommen, um den Preis für die beste Hauptdarstellerin zu übergeben, entschied sich aber, vorher das zu tun, wovor die Zeremonienmeister immer Panik haben - sie hielt sich nicht ans Skript.

Festivalchef Thierry Frémaux sah kurz so aus, als wäre er jetzt schon gern daheim

Die 42-Jährige ging letzten Herbst das erste Mal mit ihren Anschuldigungen gegen Weinstein an die Öffentlichkeit. Und da der Produzent viele Jahre Stammgast in Cannes war, wollte sie ihre Vorwürfe bei dieser Gelegenheit nochmals vor Ort bekräftigen. "Sogar heute Abend", so Argento weiter, "sitzen hier immer noch einige der Menschen, die ihn gedeckt haben. Ihr wisst, wer ihr seid. Aber noch wichtiger: Wir wissen, wer ihr seid!"

Während ihres Auftritts wussten die meisten der Stargäste im Grand Théâtre Lumière nicht so recht, welcher Gesichtsausdruck nun angebracht sein könnte. Jury-Präsidentin Cate Blanchett versuchte es mit einer Mischung aus Betroffenheit und Zustimmung, während sie sich an ihren Zettel mit den Preisträgernamen klammerte; Hollywoodstar Adam Driver biss sich ob der harten Worte in die Faust; und Festivalchef Thierry Frémaux, der sonst so begeistert vor den Kameras die Stars abbusselt, sah kurz so aus, als wäre er gern schon daheim.

Endlich den Teufel besiegt

Terry Gilliam dreht seit 30 Jahren einen Film über Don Quixote. Bislang brachte ihm das: einen toten Hauptdarsteller, viele Rechtsstreits, einen Schwächeanfall - und jetzt tatsächlich einen fertigen Film. Von David Steinitz mehr ...

Aber gerade für diesen Moment der Betroffenheit mitten in der Glamourgala war der Auftritt der Italienerin wichtig. Denn in Cannes herrschte während der ersten Festivalausgabe seit Beginn der "Me Too"-Debatte vor allem business as usual. Aber so einfach wollte Argento das wichtigste Filmfestival der Welt zu Recht nicht davonkommen lassen.

Im Anschluss an ihre kurze Rede ging der Preis, den sie der kasachischen Schauspielerin Samal Yeslyamova verlieh, fast unter. Die Darstellerin wurde für das Drama "Ayka" ausgezeichnet, eine russisch-polnisch-deutsche Koproduktion über eine junge Kirgisin, die illegal in Moskau lebt. Ein starker Auftritt von Yeslyamova, auch wenn der Film insgesamt nicht zu den stärksten des diesjährigen Wettbewerbs gehört hat. Überhaupt, der diesjährige Wettbewerb. Die Jury, der neben Cate Blanchett unter anderem die Schauspielerinnen Kristen Stewart und Léa Seydoux sowie die Regisseure Denis Villeneuve und Andrey Zvyagintsev angehörten, hatte in diesem Jahr 21 Filme zur Auswahl. Allerdings muss man sagen, dass der Jahrgang 2018 insgesamt recht stark an einen durchschnittlichen Berlinale-Wettbewerb erinnerte - was man in Cannes als üble Beleidigung auffassen dürfte.

Neben vielen Beiträgen von eher unbekannten Filmemachern mit schweren Themen - Kindesmissbrauch war in diesem Jahr besonders präsent - , waren nur wenige große Namen vertreten, darunter Spike Lee und Jean-Luc Godard. Letzterer bekam von der Jury eine Spezialpalme für seine Verdienste ums Kino verpasst, was dem alten Grantler aber vermutlich eher wurscht ist - er war, wie meistens, gar nicht selbst da.

Unter den gut zwei Dutzend Kandidaten für die Goldene Palme befanden sich nur drei Werke von Regisseurinnen, zwei von ihnen bekamen auch einen Preis. Die Italienerin Alice Rohrwacher wurde für das beste Drehbuch ihrer schönen Coming-of-Age-Tragikomödie "Happy as Lazarro" ausgezeichnet (zugleich hat man in dieser Kategorie auch noch einen der verfolgten Filmemacher der Welt bedacht, den in Iran mit Berufsverbot belegten Jafar Panahi für seine Feminismus-Parabel "Three Faces").

Und die libanesische Regisseurin Nadine Labaki bekam den Preis der Jury für ihr Drama "Capharnaüm". Sie erzählt darin vom 12-jährigen Zain, der in einem kafkaesken Prozess vor Gericht zieht, um seine Eltern zu verklagen. "Warum?", fragt der Richter. "Weil sie mich zur Welt gebracht haben", antwortet der Junge. Dann wird in Rückblenden sein tristes Leben in den Slums von Beirut erzählt. Stellenweise ist der Film ein ganz schöner Sozialporno, denn wenn ein dürres Kind mit großen Kulleraugen um Essen betteln geht, wird man als Zuschauer in eine Betroffenheitshaltung gezwängt, aus der man so leicht nicht mehr herauskommt. Mit der Idee des Gerichtsprozesses hat die Regisseurin sich aber eine einfallsreiche Rahmenhandlung ausgedacht, die den Film von anderen Betroffenheitsstudien, wie sie auf Festivals gerne gezeigt werden, abhebt.

Die Entscheidung für den Hauptpreis schließlich war ein denkbar knappes Rennen, wie Cate Blanchett hinterher noch berichtete. Die Ku-Klux-Klan-Komödie "Blackkklansman" von US-Regisseur Spike Lee und das Familienmelodram "Shoplifters" des Japaners Hirokazu Kore-eda hatten die Jury besonders beeindruckt. Letztlich entschied sie sich dann, Spike Lee, dessen Film von einem Hollywoodstudio international ins Kino gebracht wird, mit dem Großen Preis der Jury den zweiten Platz zu geben.

Mit der Goldenen Palme wollten sie Kore-eda unterstützen. Der 55-Jährige ist ein Festivalveteran und war schon mehrfach in Cannes zu Gast, hat es aber deutlich schwerer als Lee, seine Filme auch regulär ins Kino zu bekommen.

Vater und Sohn unternehmen gemeinsam Diebesexkursionen in die örtlichen Supermärkte

In "Shoplifters" erzählt er von seinem Lieblingsthema, der Wahlverwandtschaft. Laut Kore-eda muss sich eine Familie nicht zwangsläufig über die Biologie definieren. Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine sechsköpfige Familie, die in ärmlichen Verhältnissen in einem Außenbezirk von Tokio lebt. Das Essen reicht kaum für die vorhandenen Familienmitglieder, weshalb der Vater und sein jüngster Sohn immer wieder zu kleinen Diebesexkursionen in die Supermärkte der Stadt aufbrechen - sie sind längst ein perfekt eingespieltes Team. In einer kalten Winternacht lesen sie auf einem ihrer Streifzüge ein kleines Mädchen auf und nehmen es mit nach Hause, um es vor dem Frost zu retten. Daraus entspinnt sich eine mal tragische, mal komische Story über Familienbande und was sie heute noch für eine Bedeutung haben könnten.

Ein zärtliches, gekonnt inszeniertes Werk, dem man die Palme nicht missgönnt. Die Frage ist nur, ob Kore-eda in einem stärkeren Jahrgang, wie sie ja sonst die Regel sind, mit diesem Film auch eine Chance gehabt hätte.

Nullnummer im Weltraum

Viel wurde gelästert über den neuen "Star Wars"-Ableger "Solo". Bei der Premiere in Cannes zeigt sich: Hauptproblem ist Darsteller Alden Ehrenreich, der die mimische Bandbreite eines Faultiers besitzt. Von David Steinitz mehr...