"Pre-Crime" im Kino "Hollywood ist Wahrheit geworden"

Robert McDaniel ist ein junger Mann, aufgewachsen in einem klassischen Schwarzen-Viertel in Chicago. Und Protagonist der Doku "Pre-Crime".

(Foto: Rise and Shine)

Robert McDaniel ist ein junger Mann aus Chicago, er hat nie eine Straftat begangen. Warum Algorithmen ihn trotzdem zum Verbrecher stempeln, erzählt Dokumentarfilmer Matthias Heeder.

Interview von Juliane Liebert

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass in einer bestimmten Straße ein Raubüberfall begangen wird? Kann Software Verbrechen vorhersagen, die Mörder von morgen identifizieren, die Polizei noch vor dem Täter an den Tatort schicken? Was nach Hollywood-Thriller klingt, wird beispielsweise in Chicago gerade real - das zeigt die Kinodokumentation "Pre-Crime" von Matthias Heeder und Monika Hielsche. Zehn Fragen an den Regisseur Heeder, wie erschreckend die Verbrechensbekämpfung der Zukunft wirklich sein wird.

SZ: Wie kamen Sie dazu, sich mit dem großen Thema zu befassen, das in den USA "Predictive Policing" genannt wird?

Matthias Heeder: Als wir erfuhren, dass es in Chicago inzwischen eine Art Verdächtigenliste gibt, die von einem Algorithmus zusammengestellt wurde, sahen wir uns an und dachten: Wow, Hollywood ist Wahrheit geworden, Fiktion und Realität verschmelzen. Das war der Startpunkt für unser Projekt.

Wie war der Umgang mit der Polizei in Chicago? Es erscheint merkwürdig, dass sie bereitwillig Auskunft gegeben hat.

Wir waren zum ersten Mal im Oktober 2015 dort. In Chicago geht es immer hoch her, weil die Polizei a) rassistisch und b) ziemlich korrupt ist. Zu dem Zeitpunkt war zum Beispiel ein geheimes Haus entdeckt worden, in dem die Polizei illegale Vernehmungen durchgeführt hatte. Über ihre Computermethoden haben sie aber gern berichtet, da haben sie kein Problem damit. All die Vorbehalte, die wir als Europäer haben, sind für das amerikanische Verständnis banal. Sie sind stolz auf das, was sie erarbeitet haben.

Zeigt Predictive Policing Ergebnisse?

Es gibt keinen Nachweis dafür, dass diese Programme tatsächlich dazu beitragen, die Kriminalitätsrate zu senken. Wenn die Zahlen runtergehen, kann das mit verschiedenen Faktoren zusammenhängen, es gibt auch keine Gegenprobe. Aber es ist gutes Marketing, und es ist ein gutes Geschäft. In den USA finden sie keine Polizeidirektion in größeren Städten, die nicht längst mit bei Predictive Policing arbeitet.

Einer der Menschen auf der Chicago-Liste ist Robert McDaniel, eine Ihrer Hauptfiguren. Wie haben Sie ihn gefunden?

Robert McDaniel ist ein junger Mann aus Chicago, der in einem klassischen Schwarzen-Viertel aufgewachsen ist. Er hat nie ein wirkliches Verbrechen begangen, aber er macht all das, was man als junger Erwachsener dort eben macht, vor allen Dingen raucht man Dope und man spielt Karten oder Würfel und trinkt in der Öffentlichkeit. Robert ist wiederholt aufgegriffen worden und entsprechend ist der Apparat mit seinen Daten gefüttert worden. Dann wurde sein Freund ermordet, ein halbes Jahr, bevor wir da waren. Das hat ihn in diesem Punktesystem nach oben katapultiert. Und zwar ausschließlich vor dem Hintergrund, dass er mit jemandem befreundet war, der Opfer eines Mordes wurde.

Das hängt mit der Funktionsweise der Programme zusammen?

Ja, das ist die Logik dieser Netzwerktheorie, auf der das alles basiert - dass man durch Analyse der Beziehung dieser Menschen in diesem Netzwerk Strukturen herausarbeitet. Wie das im Einzelnen zustande kommt, also was Robert auf 215 Punkte bringt von 500 maximal möglichen, ist absolut schleierhaft.

Im Film wird auch gesagt, dass private Firmen Daten an die Polizei verkaufen. Ganz naive Frage: Dürfen die das?

Das tun sie, weil sie es dürfen. Die Polizei bedient sich daraus. Diese automatischen Nummernschild-Leser zum Beispiel, die überall in Chicago aufgestellt sind, werden von einer Privatfirma betrieben.

Wird überprüft, ob diese Daten stimmen?

Nein, das ist ja das Problem, kein Mensch überprüft diese Daten. Die Firma will sie nur verkaufen, und die Regierungsstelle, die kauft, will sie nur benutzen. Würde die Regierungsstelle, die kauft, anfangen zu verifizieren, dann könnten sie die Daten ja gleich selbst erheben. Aber das ist viel zu teuer und viel zu aufwendig. Da nimmt man lieber Unschärfen in Kauf.

Matthias Heeder und seine Co-Regisseurin Monika Hielsche haben für "Pre-Crime" jahrelang in den USA und in Großbritannien recherchiert, um futuristische Methoden der Verbrechensbekämpfung zu analysieren.

(Foto: Verleih)

Ihr Protagonist in London bekam einen Brief von der Polizei, die ihn darüber informierte, dass er unter Beobachtung stehe, und dass er, sollte er sein Leben nicht ändern, mit Konsequenzen zu rechnen habe. Ist es eine gängige Technik, zu sagen: Wir beobachten euch jetzt?

Ja. Es ist auch üblich, dass bei Großveranstaltungen die Jungs, die auf dieser Liste stehen, Briefe bekommen, in denen ihnen untersagt wird, auf dieses Fest zu gehen. Das ist in Großbritannien passiert, man kann das wirklich nicht glauben, aber es ist so. Die kriegen richtig Platzverbot.

Nur auf der Grundlage, die berechnet worden ist?

Genau, weil sie in der Matrix erfasst sind. Dabei ist völlig unklar, welche Daten da von wem reingegeben werden. Nehmen wir an, ein Polizeibeamter schaut auf die Liste und entscheidet: Den Jungen guck ich mal an, vielleicht hat er Dope dabei. Hat er nicht, im Notizbuch aber steht: zweimal angehalten. Das wird eingespeist. War er aggressiv oder unkooperativ? Wenn das drin steht, geht das auch rein. Das heißt, all diese Urteile werden auf Basis von Daten getroffen, deren Herkunft und oder Objektivität überhaupt nicht geklärt ist.

Diese Mechanismen zur Verbrechensbekämpfung werden also in Communitys ausgetestet, wo niemand eine Stimme hat, sich effizient zu beschweren?

In der neoliberalen Realität dieser Tage sind die Leute eigentlich überflüssig, die braucht keiner. Sie werden nicht gefördert, da wird der Deckel draufgehalten, so gut es geht. So wie ich das sehe, dient das eigentlich nur dazu, Existenzen strategisch zu verunsichern, nie zur Ruhe kommen zu lassen, nie Wurzeln schlagen zu lassen. Diese ewige Polizeipräsenz macht das Leben für diese Leute unglaublich schwer. Jetzt im Moment sind es "diese Leute". Aber Robert sagte zu mir: "Warte, bis sie an deine Tür kommen." Das wird auch auf uns zukommen, in der einen oder anderen Form.

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