Natürlich wird dabei auch vieles falsch gemacht, ist unbeholfen, überflüssig oder ärgerlich. Aber das Bebildern als solches ist kein Anlass zur Kritik - wie oft hat man nicht in einem Vortrag klassischen Stils gesessen und sich gewünscht, etwas mehr Gliederung, Anschaulichkeit, ja Visualität gewährt zu bekommen. Die Sprache besitzt einen wunderbaren Fundus an Wendungen, Bildern, Metaphern und Figuren, die das Verständnis erleichtern. Aber auch die gestaltete Fläche ist Trägerin von Bedeutung, durch Bilder, Graphiken, geometrische Konfigurationen, Farbigkeit, Symbole.

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Die klassische Rhetorik mit ihrer zweieinhalb Jahrtausende langen Tradition kann übrigens kaum als Kronzeuge gegen Präsentationen hinzugezogen werden. Knape weist darauf hin, dass dem Grundsatz des aptum, der Angemessenheit in jeglicher Hinsicht, auch die Präsentation verpflichtet sei. Wenn also der Medienverbund in einer angemessenen Weise eingesetzt wird, kann eine Präsentation ebenso zu einem Erlebnis intellektueller Brillanz werden wie eine Rede - nur erlebt man dieses leider viel zu selten.

Spielräume des Wissenschaftlers

Entscheidend ist, dass sich die Gesamtbedeutung der Präsentation schlüssig aus den unterschiedlichen medialen Kanälen zusammensetzt und nicht etwa Bedeutungsverdopplung betrieben wird. Dass diese Art des Verstehen eigenen Gesetzen folgt und eigene, auch didaktische Dimensionen besitzt, wird seit einigen Jahren intensiv erforscht. Der Trierer Medienwissenschaftler Hans-Jürgen Bucher analysiert die Blickbewegungen von Versuchspersonen beim Betrachten einer Präsentation und rekonstruiert daraus Prinzipien ihrer Verstehbarkeit. Dieses Verstehen, so viel steht schon fest, folgt anderen Prinzipien als das rein sprachliche; es ist nicht besser oder schlechter, sondern schlichtweg anders. Aufgrund der geringen Kosten der digitalen Reproduktion durchdringt es mittlerweile mehr oder weniger alle klassischen Medien.

In einem weiteren Punkt unterscheidet sich die Präsentation besonders klar vom Vortrag: Sie kann auch als ein Schauspiel verstanden werden, als eine Aufführung, die eine Inszenierung durchlaufen hat und auf einer Bühne mit einem wechselnden Bühnenbild - der Projektion - stattfindet. Ein Darsteller redet auf dieser medialen Bühne frei und setzt sich dort in Szene, gestisch und zuweilen auch raumgreifend. Neben der Vermittlung von Inhalten geht es dabei um seine Selbstpräsentation, worauf Sibylle Peters in ihren theatertheoretischen Untersuchungen zur Präsentation hinweist.

Wenn man einmal gesehen hat, wie der Apple-Chef Steve Jobs seinen Produkten auf einer riesengroßen Medienbühne durch sein Charisma performativ Authentizität verleiht oder wie der amerikanische Wissenschaftler Randy Pausch in seiner berühmten "Last Lecture" nicht nur Powerpoint-Folien, sondern sich selbst und sein Leben präsentiert, kann man verstehen, was Präsentationen eben auch sein können: eine ganzheitliche dramatische Form. Und als solche ist die Präsentation gerade in der Wissenschaft in eine Marktlücke gestoßen, weil dort die Spielräume des Wissenschaftlers für Performanz und Spontaneität aufgrund der rigiden formalen Anforderungen im Vortrag bisher stark eingeschränkt waren. Durch Präsentationen wurden auch die Wissenschaften wieder zum Ereignis, der Wissenschaftler trat wieder als Mensch hinter seinem Rede-Manuskript hervor.

Präsentationen brauchen für eine angemessene Bewertung also auch eine eigenständige Dramatik. Die ideale Präsentation erfordert nämlich alles zugleich: den perfekten Autor, Regisseur, Bühnenbildner, Redner und Darsteller - und das ist der Grund, warum wir leider viel zu oft so schlechte Präsentationen über uns ergehen lassen müssen.

Henning Lobin ist Professor für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik an der Universiät Gießen.

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  1. Welch ein Folien-Theater!
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(SZ vom 08.12.2009/iko / bgr)