Postkolonialismus Neue Kultur des Teilens

Gegen das Eigentum: Der kamerunische Politologe Achille Mbembe hielt in Hamburg ein überraschendes Plädoyer.

(Foto: Daniel Bockwoldt/dpa)

Macron gibt den Takt vor: Nach jahrelangem Stillstand wetteifern jetzt auch Deutschlands Ministerien bei der Rückgabe kolonialer Raubkunst um die besten Plätze.

Von Jörg Häntzschel

Es ist erstaunlich, wie belebend Konkurrenz auch in der Politik wirkt. Seit Emmanuel Macron die Führung unter Europas ehemaligen Kolonialmächten beim Umgang mit geraubten Objekten in ihren Museen übernommen hat, ist das Thema plötzlich zu einem der wichtigsten Anliegen der deutschen Kulturpolitik geworden. Und weil die Verhandler der neuen großen Koalition die Zuständigkeit dafür zwischen dem Auswärtigen Amt und dem Kulturstaatsministerium aufgeteilt haben, konkurrieren diese nun um die wichtigere Konferenz, die prominenteren Experten, die kühneren Ideen.

Sehr gut konnte man das in der vergangenen Woche beobachten: Am Montag stellte Kulturstaatsministerin Monika Grütters in der Bundespressekonferenz den neuen Leitfaden des Museumsbunds "zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten" vor. Am Mittwoch gab die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zum ersten Mal geraubte Objekte aus dem Ethnologischen Museum zurück, sie waren 1880 aus einem Grab in Alaska geplündert worden. Am Freitag schließlich war das Auswärtige Amt am Zug, dessen Verantwortlicher für Kultur und Kommunikation, Andreas Görgen, viele prominente Akteure zu einer Konferenz im Hamburger Völkerkundemuseum eingeladen hatte, dazu Wissenschaftler und Museumsleute aus Afrika und als Stargast den in Südafrika tätigen Postkolonialismus-Theoretiker Achille Mbembe. Während Grütters unterstellt wird, sie habe den Leitfaden schon am Montag vorstellen wollen, um dem Auswärtigen Amt zuvorzukommen, behaupten andere, Görgen habe seine Konferenz am Freitag angesetzt, weil an diesem Tag viele deutsche Kulturfunktionäre bei der Kultusministerkonferenz in Trier saßen.

Mbembe eröffnete die Abendveranstaltung mit einer Provokation. Wie schon einige andere in den letzten Monaten forderte er, man dürfe die Objekte aus der Kolonialzeit und die afrikanischen Flüchtlinge der Gegenwart nicht getrennt betrachten. Zustimmendes Nicken. Dann aber verschreckte er die Zuhörer, als er ihr Engagement für die Rücksendung von Objekten an Herkunftsländer mit dem Engagement derer in Verbindung brachte, denen es eher um die Rücksendung von Menschen geht. "Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der jeder und alles wieder nach Hause zurück muss?"

Stattdessen, so Mbembe, sollten wir uns eingestehen, dass die Verstrickung der Welt unumkehrbar sei. Restitutionen folgten nicht nur dem alten, "korrosiven" Konzept der Eigentümerschaft, sie verhinderten auch den wechselseitigen Kontakt. Statt Restitutionen anzustreben, sollten wir lieber über Konzepte des Teilens nachdenken, mit dem Ziel, nicht nur die Objekte vom Eigentumsdenken zu befreien, sondern auch die Menschen.

Dass der Tag so lebendig wurde, war aber auch dem erwähnten Leitfaden des Museumsbunds geschuldet. Die Idee dazu stammt von 2016, einer Zeit, als sich außerhalb der Museen noch kaum jemand für das Thema interessierte. Das Handbuch sollte vor allem kleineren Häusern helfen, sensibel mit den Objekten aus der Kolonialzeit zu verfahren. Deutsche Spezialisten sollten eine erste Fassung schreiben, so der Plan, die dann mit Vertretern aus den ehemaligen deutschen Kolonien bei einer Konferenz im November diskutiert, überarbeitet und anschließend veröffentlicht werden sollte. Umso überraschter waren einige der Autoren, als der Entwurf am Montag mit allem Pomp von Grütters vorgestellt wurde. Zwar wies diese auf die geplanten Workshops mit Teilnehmern aus allen Kontinenten hin, deren Ergebnisse in eine "mögliche überarbeitete zweite Auflage" einfließen könnten. Doch wer sollte daraus schließen, dass das gedruckte und gebundene Handbuch als bloße Diskussionsgrundlage konzipiert war? Die Korrespondenten von Guardian und Art Newspaper behandelten das Handbuch denn auch genau so, wie es verkauft wurde: als Deutschlands offizielle Antwort auf Macron.

Herkunftsgesellschaften haben keinen Anspruch auf Rückgabe, Museen dürfen nicht restituieren

Einige Autoren des Papiers, darunter der Hamburger Historiker Jürgen Zimmerer, einer der bekanntesten Kritiker des deutschen Umgangs mit der Kolonialgeschichte, waren über dieses Verfahren gelinde gesagt verwundert: Nicht nur, weil der Text nun in der Welt ist, ohne dass Vertreter der Herkunftsgesellschaften sich dazu äußern konnten. Sondern auch, weil das Buch Kapitel enthält, die ihrer Meinung nach vor der Veröffentlichung unbedingt hätten überarbeitet werden müssen und denen sie nie ihr Imprimatur gegeben hätten. Es handelt sich dabei vor allem um den letzten Teil, der sich mit den rechtlichen Fragen von Restitutionen befasst. Die Autoren, beide Justiziare von Museen, kommen darin in vielen, Frösteln verursachenden Worten im Wesentlichen zu zwei Schlüssen: Erstens hätten Herkunftsgesellschaften keinen Anspruch auf Rückgaben, zweitens hätten öffentliche Museen kein Recht, von sich aus Objekte zurückzugeben.

Wiebke Ahrndt, Direktorin des Bremers Übersee-Museums und Leiterin des Leitfaden-Projekts, verwahrt sich gegen den Vorwurf, man habe die Absprachen mit den Autoren nicht eingehalten. Alle hätten wissen können, dass der Text veröffentlicht wird, meint sie. Andererseits nennt sie die jetzige Version "beileibe nicht final". Es sei "natürlich klar, dass so was international diskutiert werden muss". Auch die von vielen geäußerte Kritik, mit dem letzten Kapitel legten die Autoren das Recht unnötig eng aus, wies sie von sich.

Ganz anders sah das Wolfgang Kaleck, Mitgründer der Organisation European Center for Constitutional and Human Rights und Anwalt von Edward Snowden, der ebenfalls an der Tagung teilnahm. Gegenüber der SZ bezeichnete er das Rechtsverständnis der Autoren als unhaltbar: Es sei die alte Argumentation "Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein." "Dabei haben die höchsten deutschen Gerichte sowohl nach dem Nationalsozialismus als auch im Falle der DDR-Mauerschützenprozesse klargestellt, dass Doktrinen die Geltung als Recht abgesprochen werden muss, die den fundamentalen Prinzipien der Gerechtigkeit widersprechen."

Letztlich sei jetzt aber ohnehin nicht die Stunde der Juristen. Nötig sei "eine fundamentale Weichenstellung von höchsten deutschen Stellen, etwa vom Bundespräsidenten, der Kanzlerin oder dem Parlament". Ohne "klare Anerkennung des geschehenen Unrechts und den politischen wie juristischen Willen zur Wiedergutmachung" bleibe alles nur "Besitzstandswahrung".