Posen mit Mario Balotelli Seelenlos wie eine Salzsäule

Natürlich ist diese Denkmalpose schon deshalb so archaisch, weil neben ihr der stets schuljungenhaft errötete, deutsche Spieler Lahm aussieht, als würde er einen Tanz ums goldene Kalb vollführen.

Wie dem auch sei: Diese Pose Balotellis ist außergewöhnlich. Wir haben bei der EM den polnischen Kapitän Jakub Blaszczykowski jubeln gesehen. Ebenso eindrucksvoll, nur ganz anders. Auch er verwandelte sich in eine völlig symmetrische Figur. Allerdings lag er auf den Knien, mit hochgerissenen Armen, die Zeigefinger auf einen symbolischen Punkt im Himmel gerichtet. Klar, der religiöse Blaszczykowski widmet jedes Tor seiner verstorbenen Mutter. Seine Pose der knienden Dankbarkeit ist lebendig, ist Sixtinische Kapelle. Ist Renaissance.

Die Erstarrung Balotellis ist Urzeit. Wenn man die Kunst- und Filmhistorie durchforstet, findet man den scheinbar freudlosen Sieger, den einsamen Überraschungssieger des Öfteren. Der "David" Michelangelos, diese berühmte Skulptur aus der Galleria dell' Accademia in Florenz, zeigt eine entspannte Gestalt in Kontrapost-Stellung, die eine Steinschleuder eher nachlässig über die linke Schulter geworfen hat. Lediglich die herunterhängende rechte Hand, die den unsichtbaren Stein umschlossen hält, zeugt von bevorstehendem Kampf. Sie ist, das zeigen die hervortretenden Adern, angespannt.

Die Szene nach dem Kampf Davids gegen Goliath hat Michelangelo später in der Skulptur "Genius des Sieges" zwischen 1521 und 1534 umgesetzt. Hier sieht man einen jungen Mann, der mit angewinkeltem linken Bein über einem alten bärtigen Mann unter ihm steht. Er hat ihn besiegt. Im Gegensatz zu den Prinzipien von Ruhe, Harmonie und Proportion, die den berühmteren David auszeichnen, sehen wir hier Überlängung der Figur und Torsion (Drehung), aus der Spannung entsteht. Eine erste figura serpentinata. Beide Davids sind lebendig. Balotellis Raute ist es nicht.

Es gibt weitere Sieger mit hängenden Armen: Den da schon tödlich verwundeten "Gladiator" des Ridley Scott etwa, der seinen letzten Kampf gewonnen hat. Es gibt Clint Eastwood in "Eine Handvoll Dollars", der vier Männer erschossen hat und sich gebeugt wegdreht. Und es gibt die Spartaner aus dem Film "300", der Umsetzung eines Comic.

Das bringt uns auf die Spur: Balotellis Pose ist eher Comic und Computerspiel entnommen als dem lebendigen Leben. Sie ist Ausdruck eines virtuellen Raumes. Und so schien der Spieler auch. Entfernt vom Hier und Jetzt, in dem er zwei Tore geschossen hat. Er ist eigentlich alleine. Alleine mit seinen Muskeln. Alleine mit seinem traurigen Triumph der Erstarrung. Er hat hervorragend gespielt, keine Frage. Aber sein Sieg, sein ganz persönlicher Sieg scheint seelenlos zu sein wie eine Salzsäule.