Porträt von Anna Netrebko Sie winkt, sie singt und alle Köpfe reißt es herum

Bei den Salzburger Festspielen in diesem Jahr singt Anna Netrebko Verdis „Aida“.

(Foto: Barbara Gindl/AFP)

Einst schrubbte Anna Netrebko in Russland Theaterbühnen, später machten die Salzburger Festspiele die Sopranistin weltberühmt. Bis heute verzeihen die Fans ihr alles - sogar ihre neue CD.

Von Egbert Tholl

Die Galerie Rudolf Budja kennen vermutlich fast alle Besucher der Salzburger Festspiele, auch wenn sie noch nie in ihrem Inneren waren. Sie liegt in der Wiener-Philharmoniker-Gasse, gegenüber von einem in Salzburg ziemlich wichtigen Würstelstand, der aber längst nicht der wichtigste der Salzburger Würstelstände ist, dafür hat er nicht lange genug geöffnet. Wegen ihrer Lage nah an den Festspielhäusern (und am Würstelstand) wird die Galerie während der Salzburger Festspiele häufig für PR-Termine genutzt, denn sie verfügt über ein gediegenes Ambiente, und Kunst hängt hier auch, sonst wäre es ja keine Galerie, mithin hat man den passenden Rahmen für eine CD-Präsentation.

Dieser Rahmen wird ein bisschen eng, wenn eine Künstlerin ihre neue CD vorstellt, die seit 15 Jahren so eng mit den Salzburger Festspielen verbunden ist wie kaum eine andere Sängerin. Anna Netrebko. Es gab Jahre hier in Salzburg, etwa 2005, das Jahr der "Traviata", da glaubte man, die Festspiele finden nur wegen ihr und um sie herum statt. Sie ist ein Phänomen. Also gehen wir da mal hin.

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Natürlich, die Präsentation ist Teil einer Maschinerie; solche Termine werden von den meisten echten Fachjournalisten gemieden, von einer Art journalistischer Halbwelt aber gerne wahrgenommen, weil man dort für einen Moment glaubt, den Künstlern nahe zu sein, auch wenn das meist ein Trug ist, denn diese Termine funktionieren nach strengen Regeln und sind genau durchstrukturiert. Immerhin kann man die präsentierte CD mit nach Hause nehmen, was den anwesenden Freibierlätschn ein Lächeln in selbige zaubert.

Wichtiger ist, dass es passieren kann, dass bei einer solchen Präsentation manches anders ist als geplant. Im Normalfall werden Ausschnitte der neuen CD vorgestellt, der Künstler lächelt dazu, erzählt ein bisschen über seinen unabdingbaren Herzenswunsch, genau diese CD aufzunehmen. Die Anwesenden applaudieren.

Seltsam, diese CD-Präsentation: Was ist denn das für eine pinkelnde Frau im Hintergrund?

Nun ist die Galerie Budja schon eine halbe Stunde vor Termin voll, was einem Gelegenheit gibt, über die Köpfe von vier Fernsehteams hinweg die ausgestellte Kunst zu betrachten. Es sind Fotografien von Julia Fokina und Alberto Venzago, die mit ihrer inszenierten Erotik auf etwas täppische Art mit der Aura des Verbotenen spielen. An einer Wand hängt ein Foto, das eine Dame auf einem Weidezaun sitzend zeigt. Sie trägt diese ledernen Umhänge-Hosen, die man aus Westernfilmen kennt, unter denen, anders als die Dame, der aufrechte Westernheld noch normale Hosen trägt. Die Dame auf dem Kunstwerk jedoch hat darauf verzichtet, hockt auf dem Zaun und pinkelt.

Vor diesem Foto ist eine Chesterfield-Sitzgruppe positioniert, mithin soll offenbar obige Dame den Hintergrund für das folgende Gespräch abgeben, für das erst einmal eine Moderatorin auf dem Sofa Platz nimmt, deren Stimme vor Vorfreude Kapriolen schlägt, die aber gerade noch den Wunsch äußern kann, Nummer zwei der hier vorzustellenden CD abzuspielen. Dies erfolgt umgehend, es erklingt ein dick instrumentiertes Duett unbekannter Herkunft. Doch selbst wenn man nicht mitbekommen hätte, wessen CD hier präsentiert werden soll, nun wüsste man es sofort: Da singt Anna Netrebko. Und noch jemand.

Dann geht die Tür auf und herein kommen: Anna Netrebko und ihr aserbaidschanischer Gatte Yusif Eyvazov. Beide hat man gerade gehört, bei diesem Stück, das wie tiefergelegter Verismo klang, ein bisschen klebrig, wäre da halt nicht diese Stimme, die man mit ihrer warmen Tiefe und der eleganten Höhe sofort erkennt. Höhe ist hier, trotz der Schmachtfetzen, die Igor Krutoy in einem simplifizierten Opernduktus komponierte, ernst gemeint. Geht bis zum Cis. Höhe ist geil.