Von Fritz Göttler

Die diesjährige Jury-Präsidentin Charlotte Rampling kennt bei ihren Rollen keine Schüchternheit: Bald ist die 60-jährige in "Basic Instinct II" zu sehen.

Sie ist furchtlos, absolut furchtlos. Zumindest was das Kino angeht, wenn die Scheinwerfer aufleuchten und die Augen der anderen, der Künstler, denen sie sich anvertraut - oder ausgeliefert - hat, und des Publikums sich auf sie richten.

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Schöner denn je: Die 60jährige Rampling mit ihrer nicht minder schönen Tochter (© Foto: AP)

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Volles Risiko, keine Spur von Schüchternheit. "Nein, ich war nie scheu oder schamvoll. War nie scheu auf der Leinwand. Zu Hause vielleicht, da mag ich ein Mäuschen sein - aber sobald ich mal am Drehort bin . . . Das ist es, was mich, denke ich, in Bewegung hält: rausgehen ohne ein Netz darunter."

Das traf mit Sicherheit auf den Film zu, der sie im Jahr 1974 weltweit bekannt machte, der "Nachtportier" von Liliana Cavani, die den Blick auf den Unterleib des Nazismus richtete. Rampling spielt eine KZ-Überlebende, die in den Fünfzigern ihren Peiniger aus dem Lager wiedertrifft, nunmehr angestellt in einem Wiener Hotel, und gemeinsam reaktivieren sie die grausamen, sadomasochistischen Spiele von damals.

Wer ist am Ende der wirklich dominante Teil, fragt der Film, welche Macht kann das Opfer über den gewinnen, der es quält. Noch dreißig Jahre später hat Rampling solche Fragen der politisch-sexuellen Dominanz durchgespielt, den Rollentausch zwischen Subjekt und Objekt, als sie mit dem deutschen Starfotografen Juergen Teller eine Serie von Aufnahmen im Pariser Hôtel de Crillon machte, "Louis XV" - bei denen Teller nicht nur hinter der Kamera agierte und nicht immer bekleidet.

Cool, eisig, stählern

Unnahbarkeit hat man als ihre große Qualität benannt, und wahlweise Adjektive wie cool, eisig, stählern dazugestellt: Als colonel's daughter war sie lange Zeit bekannt - ihr Vater war britischer Offizier, war einer der Läufer, die 1936 in Berlin im 4x100m-Lauf die Goldmedaille gewannen. Mit ihrer Schwester trat die junge Charlotte singend in Pubs auf.

In den Sechzigern trieb sie sich im aufmüpfigen britischen Kino herum, wäre beinahe von Polanski für seinen "Wenn Katelbach kommt" geholt worden. Auch auf Visconti machte sie mächtig Eindruck, der sie für sein Nazi-Melodram "Die Verdammten/La caduta degli dei" holte. Es folgten jede Menge internationale Angebote, unter der Regie von John Boorman, Woody Allen (Rampling meets Schopenhauer), Sidney Lumet . . .

Schöner als je zuvor

Sie schillert, changiert, wechselt zwischen Hollywood und französischem Kino, zwischen ihren Wohnungen in Chelsea und Paris. Im Privatleben allerdings hatte sie zwei gescheiterte Ehen zu bewältigen. Aber dann kommen zwei Filme des jungen François Ozon - "Unter dem Sand", 2000, und "Swimming Pool", in denen sie viel mit sich allein ist und mit dem Sand und dem Himmel und dem Wind, und sie ist schöner, jugendlicher, freier, heiterer als je zuvor.

Nun singt sie wieder, spielt Theater. 2005 war sie sowohl in Cannes als auch in Venedig mit einem neuen Film vertreten - "Lemming" von Dominik Moll und "Vers le Sud" von Laurent Cantet. Und nun wird sie die internationale Jury leiten bei der nächsten Berlinale, die am 9. Februar 2006 startet. Ein paar Tage vorher wird sie ihren 60. Geburtstag gefeiert haben. Später im Jahr 2006 wird ihr neuer Film anlaufen, "Basic Instinct II", neben Sharon Stone. "Risk Addition" wird der Film im Untertitel heißen.

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(SZ vom 02.12.2005)