Porträt: Günter Wallraff Millionär der Missstände

Günter Wallraff war "Ganz unten", er war bei Bild, jetzt verwandelt er sich in einen Afrikaner: die vielen Leben des Mannes, der im Wörterbuch zu finden ist.

Von Hans Leyendecker

Fast zwei Jahrzehnte war der Mann mit den vielen Masken von der Rolle. Vergessen, verschwunden. Günter Wallraff, Jahrgang 1942, so schien es, war nur noch eine Legende im Ruhestand. Er hatte es aufgegeben, den Wallraff zu geben. Alle und alles hatte er schon entlarvt - Militärs, Manager, die Reichen und die Einflussreichen. Wallraff hatte unmenschliche Arbeitsbedingungen an den Hochöfen und am Fließband öffentlich gemacht, er hatte Springers Bild vorgeführt, und als er erst Mitte vierzig war, musste er keinem mehr was beweisen: Kein deutscher Journalist, Rudolf Augstein ausgenommen, hat die Nachkriegsgesellschaft so verändert wie Wallraff.

Nach einer Enthüllung in Japan, die hierzulande niemanden interessierte, wurde er schwer krank. Wallraff hatte Muskelschwund, konnte kaum noch gehen und er, der Marathonläufer, lief 18 Monate nur an Krücken.

Jetzt rennt er wieder. Am Mittwoch erschien ein neues Buch, das vierzigste. An diesem Donnerstagabend sitzt er bei Maybritt Illner. Er mischt sich wieder ein. Sein neuer Film - mit ihm in der Rolle des Afrikaners Kwami in Deutschland - ist der bisherige Höhepunkt eines Comebacks, das vor zwei Jahren mit Erzählungen aus dem schmutzigen Innenleben der Callcenter für das Zeit-Magazin begann. Die Macher des Blattes haben das Verdienst, Wallraff wieder undercover in die Spur geschickt zu haben.

Der Begriff undercover meint, dass jemand verdeckt recherchiert. Wallraff ist nicht nur in Deutschland der Inbegriff für diese Rechercheart geworden. In skandinavischen Wörterbüchern steht der Begriff "wallraffen" für das Aufdecken von Missständen durch Journalisten, die getarnt arbeiten. In der 2007 erschienenen Biographie "Der Mann, der Günter Wallraff ist" hat Jürgen Gottschlich darauf hingewiesen, dass beispielsweise der italienische Enthüller Fabrizio Gatti oder der chinesische Publizist Lu Yuegang Wallraff als Vorbild bezeichnen. Beide haben versucht, mit falschen Identitäten Missstände in ihren Ländern aufzuzeigen.

Gemeinhin sind Journalisten Beobachter und Beschreiber, manchmal gelingt ihnen dabei auch eine Enthüllung, die von gesellschaftlicher Bedeutung ist. Aber der normale Journalist arbeitet nicht alias, und er nimmt auch keine falsche Identität an. Dass einer immer unter seinem Namen auftritt, hat normalerweise etwas mit Berufsethos und journalistischem Selbstverständnis zu tun. Dabei gibt es, international betrachtet, erhebliche kulturelle Unterschiede.

Nach übereinstimmenden Untersuchungen wäre etwa jeder zweite amerikanische und nur jeder fünfte deutsche Journalist prinzipiell bereit, inkognito in einem Betrieb zu arbeiten, um Interna zu erfahren. Auf dem Papier zumindest recherchieren amerikanische Journalisten aggressiver als ihre deutschen Kollegen, und sie haben auch ein anderes journalistisches Selbstverständnis.

Die Spielart des Rollenreporters stammt aus den USA, und der Schauplatz der meisten frühen Enthüllungsgeschichten war New York und die Gegend um die Mulberry Street, wo Chinatown und Little Italy dicht beieinander liegen. Die bedeutendste Undercover-Reporterin war wohl Elizabeth Cochrane, die unter dem Pseudonym Nellie Bly im 19. Jahrhundert für die New York World schrieb. Sie spielte die Verrückte, um in die Psychiatrie eingewiesen zu werden und über Unmenschlichkeit dort berichten zu können. Oder sie ließ sich verhaften, um authentisch die Zustände in einem Frauengefängnis zu schildern. Der Schriftsteller Upton Sinclair beschrieb die verheerenden Zustände in einem Schlachthof (The Jungle), andere Journalisten tummelten sich inkognito bei Ölkonzernen und Bahnbetreibern.

Vor mehr als 100 Jahren bezeichnete US-Präsident Theodore Roosevelt solche Enthüllungsjournalisten als "muckraker", als Leute, die im Mist stochern. Das war nicht nur freundlich gemeint.

Als Vorläufer Wallraffs wird im deutschen Sprachraum immer wieder Egon Erwin Kisch genannt, der unter falschem Namen durch Amerika reiste und beispielsweise Hausfriedensbruch beging, um in ein Zuchthaus zu gelangen. Doch der Vergleich mit Kisch führt in die Irre. Eher gibt es Ähnlichkeiten zwischen Wallraff und dem Österreicher Max Winter, der früh teilnehmende Beobachtungen unter Obdachlosen in Wien machte.

Immer noch muss er sich beweisen

Kisch war ein weit größerer Stilist als der schreiberisch nicht sehr begabte Wallraff, aber er nahm es mit der Wahrheit nicht so genau wie der Kölner. Ihm reichte es, einen Tag in ein Asyllager zu gehen, um eine große Reportage zu machen. Wallraff hingegen war für den Film über den Türken Ali Levent Sinirlioglu drei Jahre unterwegs. Das Buch Ganz unten ist ein Weltbestseller geworden mit mehr als fünf Millionen verkauften Exemplaren.

Vor 39 Jahren hat Heinrich Böll, der ein väterlicher Freund Wallraffs war, in einem Text für die schwedische Ausgabe der 13 unerwünschten Reportagen von Wallraff gefordert: "Schafft fünf, sechs, schafft ein Dutzend Wallraffs". Böll meinte, die Arbeitsweise Wallraffs lasse sich nicht lange anwenden, weil dessen Gesicht schon bald zu bekannt sei. Das war eine Fehleinschätzung in doppelter Hinsicht: Zum einen schauen die Leute so genau nicht hin, zum anderen halfen Maskenbildner bei der Verwandlung in eine andere Rolle.

Fünf, sechs neue Wallraffs hat es in Deutschland nicht gegeben. Da ist allenfalls der Stern-Reporter Gerd Kromschröder, der sich in den siebziger Jahren als türkischer Gastarbeiter ausgab und auch andere Rollen spielte. Und da ist neuerdings auch Markus Breitscheidel, der mit falschen Papieren in deutschen Alten- und Pflegeheimen arbeitete und ein Protokollbuch anfertigte mit dem Titel Abgezockt und totgepflegt. Breitscheidel war weder Journalist noch Schriftsteller, sondern Manager einer mittelständischen Firma und hatte Wallraff kennengelernt, der sich mit ihm austauschte.

Was treibt Wallraff, wie hält er sich, wie halten ihn die anderen aus? Er ist zum dritten Mal verheiratet, hat fünf Kinder, ist Großvater und kämpft und kämpft. Seine Frau lebt meist auf Lanzarote. Sie telefonieren viel, besuchen sich. Der Mann, der den wahren Verhältnissen so nahe kommen will, führt eine Ehe auf Abstand, aber sie funktioniert.

Immer noch muss er sich beweisen. Fremde und Freunde lädt er gern zu einer Partie Tischtennis ein. Er gibt den anderen Punkte vor und gewinnt trotzdem fast immer. Auch Timo Boll, der beste deutsche Tischtennisprofi, stand schon bei Wallraff an der Platte. Wallraff verlor natürlich, doch in seinem besten Satz nur 6:11. Immerhin: sechs Punkte gegen einen Europameister.

Wallraff ist längst Vermögensmillionär, aber er hat den Blick für die Schwachen nie verloren. Er beherbergte Verfolgte wie Salman Rushdie und Verfemte wie Susanne Osthoff. Immer noch kümmert er sich mit seinem Rechtshilfefonds um Bild-Opfer: "Ich bräuchte drei Leben, um zu erledigen, was ich noch zu erledigen habe", sagt er. Er wird also weiter wallraffen.