Hannah Herzsprung, eine wirkliche Neu-Entdeckung, wird für ihre schauspielerische Leistung in "Vier Minuten" gefeiert - und sie ist wild entschlossen, sich davon nicht beeindrucken zu lassen.
Man kann Hannah Herzsprung im Moment wirklich nicht entgehen. Sie ist im Fernsehen und in den Zeitungen, überall in der Stadt hängen Plakate mit ihrem klaren, offenen Gesicht und auf dem Weg in das Café, in dem man sie treffen wird, läuft man auch noch an einem Golf vorbei, auf dessen Heckscheibe der Titel ihres Films klebt: "Vier Minuten". Dazu der Tag, an dem er anläuft: 1. Februar.
"Ach ja, der Durchbruch", sagt sie und lächelt, sowas habe sie auch gelesen. (© Foto: ddp)
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Es ist ein Film über zwei Frauen, die in einem Gefängnis sitzen. Die eine ist jung, und sie ist dort, weil sie muss. Sie wurde als Mörderin verurteilt. Die andere ist alt und dort, weil sie nicht anders kann. Sie gibt Klavierstunden für Häftlinge.
"Ich kann Ihnen helfen, dass Sie besser spielen", sagt sie. "Nicht, dass Sie besser werden. Überlegen Sie es sich." Monica Bleibtreu spielt jene alte Frau, Hannah Herzsprung spielt die junge, und der Regisseur Chris Kraus hat daraus einen Film gemacht, der um die Welt gegangen ist, noch bevor er in die deutschen Kinos kam. Er lief auf Festivals von Schanghai bis Biberach, überall verzauberte er die Leute, und Mitte Januar erhielten Monica Bleibtreu und Hannah Herzsprung die Bayerischen Filmpreise als beste Darstellerin und als beste Nachwuchsdarstellerin. Für die eine wirkte es wie die Bestätigung einer großen Karriere, für die andere wie deren Beginn.
Kann es also sein, dass Hannah Herzsprung gerade ihren Durchbruch erlebt?
"Ach ja, der Durchbruch", sagt sie und lächelt, sowas habe sie auch gelesen über sich, sie könne aber nicht viel anfangen mit dem Begriff. "Was soll das überhaupt heißen, der Durchbruch?"
Heißt das, davor ist man niemand, und danach ist man jemand? Und was ist das, wo man da durchbricht? Und kommt dahinter etwa nichts mehr, wo man wieder durch muss? Das glaubt sie ja nicht.
Ein eher sanftes Leuchten umgibt Hannah Herzsprung, wie sie da im Café sitzt, aber sobald sie spricht, nimmt es kräftig zu. Sie ist fünfundzwanzig Jahre alt, und es ist viel passiert, seit sie für die Dreharbeiten zu dem Film nach Berlin zog. Sie wirkt aber nicht, als werde sie jetzt darüber das Gleichgewicht verlieren.
"Ich freue mich über die Aufmerksamkeit jetzt, und ich genieße das auch", sagt sie, "aber es ist mir wichtig, dass es dabei um meine Leistung in diesem Film geht". Sie will die Aufmerksamkeit ja nicht geschenkt, sie will sie verdient haben.
Hannah Herzsprung ist eine der Töchter von Bernd Herzsprung, dem Schauspieler. Aber er hat ihr nicht dabei geholfen, dass sie es ebenfalls wird. Er wollte das nicht, er nahm sie nie mit, wenn er drehte. Sie ist keines der Kinder, die auf dem Set groß wurden, sie wuchs auf einem Bauernhof bei München auf. Sie hatten dort Hunde, Pferde und Apfelbäume, aber es gab nur eine Straße und ein paar Kinder, sie kamen mit dem Sammeltaxi aus der Schule, so klein war das Dorf. Was ein Schauspieler genau arbeitet, hat sie erst gesehen, als der Bauernhof für zwei Monate an Filmleute vermietet war. Da war dieses Mädchen, zehn, also ungefähr ihr Alter, das redete mit dem Regisseur, und dann spielte es, als sei es eine andere. Hannah Herzsprung kann nicht mehr genau sagen, was sie daran so beeindruckt hat. Sie hat es einfach gesehen.
Sie müsse immer erst sehen, um zu begreifen, sagt sie, so sei das bei ihr.
In "Vier Minuten" spielt sie eine junge Frau, aus der ihr Vater eine Pianistin machen wollte. Damit hatte er sie schon das erste Mal missbraucht, bevor er es später auf andere Weise tat. Sie geriet auf die Straße und in einen Mord. Nun sitzt sie, gefangen in einer Zelle wie in sich selbst.
Sie will vertrauen, aber kann nicht, sie kann verletzen, aber will nicht. Sie ist ein Mensch, der seine Mitte verloren hat und nur noch aus Extremen besteht. Sie schlägt um sich, rennt gegen Fenster, beißt sich in die eigenen Hände. Die Klavierstunden, die die alte Lehrerin anbietet, könnten ihr helfen, sich wieder anders auszudrücken, aber sie hat Angst, dass sie nicht mehr verstanden wird.
"In mir ist nichts von der Rolle", sagt Hannah Herzsprung, "ich bin nicht wie sie und würde auch nicht so sein wollen."
Als sie das Drehbuch bekam, war sie eine von 1200 Frauen, die für die Rolle vorsprachen. Sie kam mit einer kurzen Perücke, die später ihre Filmfrisur wurde und in einer Jeans, die heute ihre Glücksjeans ist. Sie hatte sie im Hotel mit einer Nagelschere aufgeschnitten, ihre Finger waren ganz zerkratzt, als sie zum Casting nach Babelsberg kam. Sie hatte nur kleinere Rollen im Fernsehen gehabt, die Mimi etwa in der Familienserie "Aus heiterem Himmel", aber nie eine Rolle in einem Kinofilm. In der Szene, die sie vorspielen sollte, zwingt die Klavierlehrerin sie, einen Zettel aufzuessen, weil weder "Bitte", "Danke" noch "Entschuldigung" draufstehen. Das hat sie getan. Sie hat ihn in den Mund gesteckt, zerkaut und heruntergeschluckt. Als Einzige von allen.
Auf die Frage, ob sie auch Klavier spielen könne, sagte Hannah Herzsprung ja.
Wenn die Frage bedeutete, ob sie es wirklich kann, müsste man sagen, es war eine Lüge. Wenn sie bedeutete, ob man ihr später glauben wird, dass sie es kann, war es die Wahrheit. Sie hatte als Kind Stunden gehabt, das war lange her, aber als sie sich im Casting ans Klavier setzen sollte, kündigte sie an, sie werde "Für Elise" spielen. Gespielt hat sie den Flohwalzer. Aber da hatte sie die Rolle schon.
Für den Film hat sie ihr Studium abgebrochen, Kommunikationswissenschaften in Wien, und ist nach Berlin gezogen. Dort übte sie fünf Monate Klavier, jeden Tag vier Stunden, sie trainierte Kickboxen, zweimal in der Woche, und sie besuchte das Gefängnis, in dem sie drehen würden. Es liegt in Brandenburg, in Luckau, mitten in der Stadt, sie konnte durch die Gitter in die Häuser gegenüber sehen, und sie las, was die Häftlinge an die Zellenwände geschrieben hatten. So bekam sie für alles ein Gefühl, für die Größe des Instruments, die Kraft ihrer Fäuste und für das Gefangensein.
Hannah Herzsprung sagt, das Schwierige sei gewesen, in die Rolle hineinzufinden und wieder hinaus, sie sich anzueignen und ihr doch fremd zu bleiben.
Als der Film dann zu den Filmtagen in Hof lief, saßen ihre Eltern im Kino und viele ihrer Freunde auch. Ihre Freunde haben danach gesagt, sie hätten sie in dieser jungen Frau kaum wiedererkannt, das hat sie gefreut. Ihre Eltern haben erst einmal gar nichts gesagt, aber sie waren sehr stolz. Das hat sie in ihren Augen gesehen. Einige Zeit darauf schenkte ihr Vater ihr einen kleinen Zettel, den sie jetzt in ihrem Portemonnaie bei sich trägt.
"Du kannst reinen Gewissens sagen, dass Du Dein Studium für diese Riesenchance unterbrochen hast (und vorhast weiterzustudieren). Love Dad."
Kann sein, dass sie irgendwann zu Ende studiert. Im Moment ist sie erst mal Schauspielerin. In einem Monat kommt ihr zweiter Film in die Kinos, in zwei Monaten beginnen die Dreharbeiten zu ihrem dritten. Sieht so aus, als werde noch einiges passieren mit ihr. Aber sie wirkt, als behalte sie ihr Gleichgewicht.
Das Haus, in dem sie wohnt, liegt nur ein paar Häuser neben dem Café, in dem man jetzt sitzt. Sie lacht, als sie hört, dass man auf dem Weg hierher sogar an einem Golf vorbeigelaufen ist, auf dessen Scheibe der Titel des Films stand. Es ist ihrer. Sie hat ihn selbst beklebt.
"Ist es schief?" fragt sie.
Aber nein, ist es gar nicht.
(Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.26, Donnerstag, den 01. Februar 2007)
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