Popmusik Chuck Berrys letztem Album gelingt das Unmögliche

Früher war er als "Sittenverderber" berüchtigt, heute gilt er längst als Musikikone. Hier spielt Berry "Johnny B. Goode" bei einer Preisverleihung 2012 in Boston.

(Foto: AP)

Alben, die nach dem Tod eines Musikers erscheinen, taugen meistens wenig. Nicht so bei Chuck Berry: "Chuck" ist ein würdiges Denkmal des Rock'n'Roll-Pioniers.

Von Jan Kedves

Wenn posthum neue Alben von toten Popstars erscheinen, gehören sie leider häufig auf den Frevelmüllhaufen. Man denke an "Michael", das letzte Album von Michael Jackson, das 2010 von zig Produzenten aus mauen Song-Skizzen des King of Pop zusammengestückelt wurde, oder besser: Man vergesse es lieber wieder. Dass im April eine Amtsrichterin in Minnesota die Veröffentlichung einer neuen EP von Prince stoppte, die ein ehemaliger Sound-Engineer des verstorbenen Funk-Genies aus eigenmächtig archivierten Aufnahmen kompiliert hatte, war vor diesem Hintergrund genau richtig.

Es steht eben immer sehr viel auf dem Spiel, wenn einem großen Pop-Oeuvre nachträglich noch etwas hinzugefügt wird, ohne dass der Meister es selbst absegnen kann. Hinzukommt, dass man ohnehin von Pop-Ikone-sendet-letzte-Grüße-aus-dem-Jenseits-Alben viel zu viel auf einmal erwartet. Einerseits soll so ein Werk ja all das enthalten, wofür man den Popstar ursprünglich verehrte, andererseits sollte es beweisen, dass er sich bis zum Schluss noch interessant weiterentwickelte. Man will das Alte, das Überraschende, man will Verlässlichkeit und Experimente bis zum Schluss. Mit anderen Worten: Man will das Unmögliche.

"Blackstar", das letzte Album von David Bowie, löste all diese Ansprüche auf magische Weise trotzdem ein - wohl weil Bowie das Album kurz vor seinem Tod selbst noch hatte fertigstellen können. Und siehe da: Auch "Chuck" (Dualtone), das letzte Album von Chuck Berry, befriedigt nun all diese Ansprüche.

Als der Rock'n'Roll-Pionier, der einst im kniebrecherischen "Duckwalk" einbeinig über die Bühnen hopste und wegen seiner Teenage-Turtel-Texte als großer Sittenverderber gefürchtet wurde, im vergangenen Jahr 90 wurde, kündigte er das Album bereits an. Als er im März starb, war es fertig, nur das Mastering stand noch aus, also die finale Klang-Politur der Aufnahmen. Die wurde nun von seinem Sohn Charles Berry Jr. überwacht.

Das Song-Juwel des Albums ist der Quasi-Reggae "Jamaica Moon"

In den Besprechungen von "Chuck" ist bislang vor allem betont worden, dass einige der zehn Songs, die Berry zwischen 1991 und 2014 aufnahm, Fortschreibungen seiner alten Hits sind. "Lady B. Goode" zum Beispiel erzählt auf Grundlage derselben Akkorde und derselben Schrillgitarre noch einmal die Geschichte von "Johnny B. Goode" (1958), der bekanntlich von der NASA mit der Voyager-Mission ins All geschickt wurde, um dereinst die Aliens über Rock'n'Roll zu informieren. Diesmal ist das Stück allerdings aus den Augen der Freundin des "country boy" aus New Orleans erzählt, der mit seiner Gitarre zum großen Star aufsteigt. Sie, die "little teen queen", sieht seine Geschichte verfilmt im Kino, und alle freuen sich, dass sie ein Baby von ihm bekommen hat. Das ist nicht sensationell, aber warum sollte der Perspektivwechsel nicht überzeugen, noch dazu wenn Berrys Stimme hier nicht wie die eines Greises klingt, sondern wie die des ewig Pubertierenden? Womit also der Punkt "Pflege des Altbekannten (mit ein paar Twists)" abgehakt wäre.

Der New York Times ist in ihrer Rezension allerdings aufgefallen, dass auf dem Album auch ganz Neues passiert, nämlich dass Berry im letzten Stück ein geradezu feministisches Weltbild an den Tag legt. "Eyes Of Man" heißt der bedächtig vor sich hinstapfende Blues-Song, in dem er in geradezu biblischer Metaphorik darüber singt, dass Männer stolz nach ihrem Willen Kuppeln, Brücken und Türme errichten, diese aber auch immer wieder zerstören, während Frauen eher im Stillen und auf friedlichere Weise die eigentlichen "builders of nations" sind - was die Männer aber nicht wertschätzen.

Das ist ein schöner, eher unerwarteter Abschluss für dieses Album, das zugleich diese große Pop-Karriere beschließt. Wobei das eigentliche Juwel auf "Chuck" der Quasi-Reggae "Jamaica Moon" ist. Chuck Berry und Reggae? Ja, Berry hat seinen Song "Havana Moon" von 1956, der seinerzeit wohl wegen des Embargos der USA gegen Fidel Castro nicht so richtig zum Hit wurde und den Berry selbst aber offenbar bis zum Schluss sehr liebte, in Richtung Jamaika verschoben. Mit nahezu vollendetem Fake-Patois singt er darüber, wie er besoffen vom Rum auf der Insel sitzt und auf seine Braut aus New York wartet. Sie soll bald vom Schiff steigen: "So long maybe dee wait until dee boat she come." Dazu schwappen die Percussions und schunkelt die Steel-Gitarre, es ist kein hundertprozentiger Reggae, aber ein Stück, das zeigt, dass Berry in durchaus fortgeschrittenem Alter (Reggae gibt es ja erst seit den späten Sechzigerjahren) so manches Mal Reggae gehört haben muss.

Fehlt nur noch ein heruntergestrippter, basslastiger Dub-Remix von Mad Professor oder Lee "Scratch" Perry, und Berry hätte sogar nochmal einen Sommerhit.

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