Popkultur Der unsichtbare Weltstar

"Für mich ist jedes Liebeslied eine Reflexion der göttlichen Liebe." Sami Yusuf.

(Foto: Stringer/Getty Images)

Der Brite Sami Yusuf ist der größte muslimische Popsänger unserer Zeit. Auch in Deutschland verkauft sich seine Musik millionenfach - doch westliche Medien interessieren sich nicht für ihn. Begegnung mit einem unbekannten Star.

Von Jonathan Fischer

In der stuckverzierten Lobby der Cadogan Hall - die ehemalige Kirche am Sloane Square ist seit einigen Jahren Heimat des Royal Philharmonic Orchestra - erinnert heute wenig an das übliche Londoner Premierenpublikum. Die Sekt- und Weinflaschen an der Bar bleiben zu, die Kleiderordnung spiegelt vor allem die Vielfalt muslimischer Lebensweisen in England. Einige Frauen tragen bunt gemusterte Hijabs, andere zeigen Frisuren und Goldschmuck, aber selbst die paar hochhackig dahertrippelnden Schönheiten wahren eine gewisse Langärmeligkeit. Dazwischen bärtige Männer in dunklen Anzügen. Das "British Muslim TV" und die Partnerbörse "Muslim & Single" haben Werbestände aufgebaut. Das türkische Fernsehen berichtet live. Und nur ein paar Jungs in Trainingsanzug, Camouflage-Jacke und Hip-Hop-Kappen lassen den Schluss zu, auf einem Popkonzert gelandet zu sein.

Genauer gesagt: Der Albumpräsentation des größten Popstars der islamischen Welt. An der Kasse liegt seine neue CD: "The Centre". Das Cover schmückt das Konterfei eines etwas unrasiert wirkenden, ernsten jungen Mannes. Hierzulande würde ihn wohl niemand erkennen. Doch die vielen Selfie-Knipser vor dem Konzertplakat lassen erahnen, was der Name Sami Yusuf bedeutet: 31 Millionen verkaufte CDs weltweit (plus ein Mehrfaches an illegalen Kopien). Menschenaufläufe, wenn er sich zwischen Karachi und Kairo auf der Straße zeigt. Und ausverkaufte Arenen, zuletzt ein Konzert vor 250 000 Fans auf dem Istanbuler Taksimplatz.

Keine übertriebenen Gesten, kein Bühnengezappel, null Show

Dass der in Teheran geborene und in London aufgewachsene Popstar in einer kleinen Halle wie dem Cadogan auftritt, ist also vor allem der Symbolwirkung geschuldet: Seht her, wir bekennen uns zu Großbritannien! Und wir sind - wie die Londoner Philharmoniker - Teil der britischen Kultur. Sobald der 34-jährige Musiker die Bühne betritt, leuchten Hunderte Smartphones auf. Stürmischer Applaus, doch niemand, der auf die stoffbezogenen Sitzbänke springt. Das wäre Yusuf auch nicht recht: Denn der Mann in Anzughose und bescheidenem Pulli vermeidet alles, womit Popstars sonst punkten. Keine übertriebenen Gesten, kein Bühnengezappel, null Show. Der Hocker am Flügel reicht ihm.

Zwei Musiker begleiten ihn, einer spielt Gitarre, der andere hat eine Tar genannte persische Langhals-Laute auf dem Schoß. Das ganze Drama liegt in dem von einer riesigen Video-Leinwand übertragenen Gesicht Sami Yusufs, während er die "Mitte aller Dinge im Hier und Jetzt" beschwört, sein "Allahu akbar" in leidenschaftlichen Arabesken moduliert. Zu Melodien und Männerstimmen-Harmonien, deren Pop-Appeal an die besten Momente von Simon & Garfunkel erinnern: "Singt ruhig mit. Nehmt das Booklet aus euren CDs, da stehen die Texte drin." Freundliches Zwinkern aus großen Augen.

"Ich wollte nie ein Popstar sein", wird Yusuf anderntags in einem Café in Chelsea erklären. "Meine Fans lieben mich doch gerade, weil ich sie wie Brüder und Schwestern behandle." Demonstrative Bescheidenheit. Ist das der Grund, warum der größte Musikexport Englands der vergangenen Jahre in westlichen Medien kaum wahrgenommen wird?

Deutschland betrachtet Yusuf als zweite Heimat

"Auf meiner Deutschlandtour", sagt Yusuf "habe ich die Grugahalle in Essen, die Köln-Arena und die Max-Schmeling-Halle in Berlin ausverkauft. Aber kein einziger deutscher Journalist wollte mich sprechen." Und das, obwohl Yusuf - seine Frau ist Münchnerin - Deutschland als eine Art zweite Heimat betrachtet. Offensichtlich gebe es viele Mainstreams auf dieser Welt: Einen arabischen, ägyptischen, türkischen oder indischen, in denen er als Star gehandelt werde, und einen westlichen, für den er unsichtbar bleibe.

Es ist unbestreitbar, dass Yusuf ein hervorragender Musiker, Songwriter und Arrangeur ist, mit einem sehr guten Händchen für Hooklines. Aber eben auch allzu brav. Ein Rock-'n'-Roll-Spielverderber. Eine Rolle spielt der britische Muslim vor allem als "Beispiel eines gut integrierten Migranten". Oder als Verteidiger des Mainstream-Islam. So auch in einem BBC-Interview am Tag vor seinem Konzert, in dem es weniger um Musik ging als um die Enthauptung eines Briten durch britische IS-Kämpfer in Syrien: "Natürlich ist es dämonisch, was die IS-Jünger anrichten. Aber was haben diese sexuell frustrierten, politisch verwirrten Menschen mit dem traditionellen Islam gemein? Warum wird von uns Muslimen erwartet, dass wir uns für sie entschuldigen? Genauso gut könnte ich von Ihnen eine Entschuldigung für die Verbrechen fundamentalistischer Christen in Amerika erwarten!"