Auf der Musikmesse - erstmals in Berlin statt in Köln - sucht eine Branche nach Subventionsgründen. Unter dem waghalsigen Motto "Movin' Music".
Nun kommt sie also endlich nach Hause, die Popkultur. Dorthin, wo sie seit Jahren am heftigsten gesucht worden ist: musikalisch landet sie in den Spelunken, Kellern und Wiedervereinigungsbrachen der alten und neuen Hauptstadt der vermeintlich subkulturellen Widerständigkeit, die noch immer von der ranzig gewordenen Boheme-Düsternis eines David Bowie oder Bono zehrt; administrativ landet sie in den coolen Retro-Bauten von Universal und den luftigen Glitzertürmen von Sony.
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Pop-Export made in Germany: Fertigmachen zur Musikmesse mit beinahe 700 Ausstellern. (© Foto: dpa)
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Gefunden hat man am Ende in Berlin vor allem das Klischee, also die Gören-Band Mia, und die Nostalgie, also Mia. Außerdem: New-Economy-Dropouts in Caffe-Latte-Lounges und "MTV-Designerama". Die so genannte Krise ist irgendwie zusammen mit der Musikindustrie nach Berlin umgezogen. Aber so lange sich amerikanische Bands Dresden Dolls nennen und musikalisch das ewiggleiche Berlin-Cabaret der zwanziger Jahre meinen, muss doch etwas dran sein an dieser Stadt.
Die erste Berliner Popkomm
Nun beginnt die erste Berliner Popkomm. Drei Tage "Music & Entertainment", so der betont spaßfreie Untertitel der Messe, die von ihren neuen Organisatoren der Berliner Messegesellschaft das waghalsige Motto "Movin' Music" verpasst bekam. Wobei durchaus interessant ist, wohin - außer von Köln nach Berlin - die Musik hier bewegt werden soll: nämlich weg von den großen Plattenfirmen und den von ihnen beherrschten Phonoverbänden, deren Bossen man wider alle Popkomm-Tradition auf dem parallel stattfindenden Kongress keinen großen Auftritt zubilligt.
Stattdessen darf ein ranghoher Apple-Manager die zentrale Rede halten. Der Akt ist hochsymbolisch: Es musste erst ein Computerhersteller mit einer einfachen Download-Plattform kommen, um der Musikindustrie zu beweisen, dass sich mit Liedverkäufen über das Internet Geld verdienen lässt. Dass die heimische Musikwirtschaft damit ihre Probleme hat, belegt nicht zuletzt das frisch verkündete Aus für den im Frühjahr gestarteten Online-Musikvertrieb phonoline.
Was auf den ersten Blick ausschaut wie der Versuch, sich aus der Umklammerung der bislang in Köln die Richtung vorgebenden Majors zu lösen, folgt blanken ökonomischen Zwängen. Die nun nur noch vier großen Plattenmultis mögen nach wie vor den radikal zusammengeschrumpften Musikmarkt beherrschen - eine Messe wie die Popkomm tragen sie mit ihren ebenso drastisch verkleinerten Auftritten nicht mehr.
Deutsche Klänge
Also haben sich die Berliner Veranstalter mit ihrem reichlich vorhandenen Platz vor allem an die Independents, die unabhängigen Plattenfirmen, gewandt, offenbar mit Erfolg - auch wenn niemand einzuschätzen weiß, ob sich der zweifellos vorhandene Neuigkeitseffekt durch den Standortwechsel über diese Popkomm-Ausgabe hinaus in anhaltendes Ausstellerinteresse umwandeln lässt.
Sollte dies nicht geschehen, so haben im Vorfeld die Berliner fast unumwunden zugegeben, wird die diesjährige Popkomm womöglich die letzte gewesen sein: Entweder sie wird ein Erfolg, oder sie wird nicht mehr sein. Der Schwenk hin zu den wirtschaftlich gebeutelten Indies jedenfalls lässt sich wunderbar als Konzept verbrämen - mit dem wieder in Mode gekommenen uralten Musikindustrie-Merksatz, dass nur die Kleinen sich wirklich um die Popmusik und den Aufbau von Musikerkarrieren kümmern, während die Großen das Kündigen von Bandverträgen zu ihrer eigentlichen Kunstform erhoben haben.
Die zweite Veränderung betrifft die Internationalisierung der bislang als deutsche Marktveranstaltung verstandenen Popkomm. Siebzig Prozent der Aussteller kommen aus dem Ausland, wobei die weithin sichtbarsten unter ihnen keineswegs klassische Plattenfirmen sein werden: Stattdessen wird der Auftritt nationaler Musikexportbüros, die entweder gleich staatlich sind oder zumindest staatlich gefördert, immer bedeutender.
Exportbüro German Sounds
Nach dem Vorbild des bereits 1994 gegründeten Bureau Export de la Musique Française - das für die seither immens gestiegene Aufmerksamkeit für französische Musik im Ausland hauptverantwortlich gemacht wird - hat bald jedes europäische Land seine entsprechende Institution; das im vergangenen Jahr als Joint Venture zwischen Deutschem Musikrat und privater Musikwirtschaft entstandene und vom Kulturstaatsministerium sowie den Verwertungsgesellschaften GEMA und GVL kräftig bezuschusste deutsche Exportbüro "German Sounds" ist erstmals auf der Popkomm vertreten.
Die Folge dieser Eingliederung der nationalen Musikproduktionen in die staatliche Kultur- und Wirtschaftsförderung ist allerdings, dass eine eigentliche privatwirtschaftliche Messe wie die Popkomm zunehmend wie eine Musik-Expo wirkt: Wo der Markt selbst versagt, wird Pop unversehens zur staatlich protektionierten Subventionskultur, die nur vage Hoffnungen auf Exporterfolge verspricht - und zur funkigen nationalen Repräsentationskultur, als die Pop zweifellos nie gedacht war.
Auch wenn die Gründe andere sind, die zu dieser Situation führten: Dem Pop ergeht es in seiner anhaltenden Krise nun eben auch ähnlich wie all den anderen, sich nur zum Teil selbstfinanzierenden Kunstformen. Wo das Geld fehlt, ist das schützende Dach der öffentlichen Hand mit einem Mal sehr willkommen.
(SZ vom 29.9.2004)
Staatsbesuch in Israel