Popkolumne Party und Sexismus

(Foto: Label)

Neue Musik von Yungblud, Bodega, Lizzo - und die Antwort auf die Frage, was in Kendrick Lamars Jugend draußen auf der Straße passierte, während er zu Hause Partys feierte.

Von Annett Scheffel

Alles im Eimer in Great Britain? Zwei Jahre nach dem Brexit ist die Politik ratlos, Nationalismus und Fremdenhass wachsen, in London sterben die Clubs, dafür explodieren die Mieten, das Sozialsystem kollabiert, und Boris Johnson grinst mit Klopapier-Sprüchen in die Kameras. Da wundert man sich schon, warum aus der britischen Popmusik so wenig Gegenwind kommt - wir reden immerhin vom Land der Sex Pistols. Umso interessanter, dass einem viel politische Haltung nun ausgerechnet auf dem Debüt eines 20-Jährigen Engländers entgegenschlägt, dessen Markenzeichen pinke Socken und ein Teenie-Grinsen sind: Die Songs auf "21st Century Liability" (Universal) von Dominic Harrison alias Yungblud zielen mit ihrem Sound-Querschnitt durch Pop, Hip-Hop, Reggae- und Punk-Einflüssen ganz klar in Richtung Mainstream. Ähnlich wie Mike Skinner von den Streets oder Jamie T geht es Yungblud vor allem darum, etwas gegen sein kaputtes Land zu sagen: gegen Politikverdrossenheit und Party-Sexismus, gegen Gentrifizierung und alte weiße Brexit-Männer, gegen Fehlentwicklungen im sozialen Wohnungsbau und das marode Gesundheitssystem. Macht einen richtig optimistisch, so viel Politik auf einem Pop-Album.

Kritisch sehen auch Bodega den Lebensalltag unserer Gegenwart. Der Art-Rock-Band aus Brooklyn geht es aber weniger um große politischen Missstände, als um die vielen kleinen und großen Verrücktheiten, mit denen man sich als junger Großstadtmensch im Jahr 2018 herumschlagen muss. Die bündeln sie auf ihrer Debütplatte "Endless Scroll" (What's Your Rupture) in smarten Texten und mit trockenem Humor. Und wie die Internet-Feeds und ihre Informationsflut, durch die wir uns täglich wühlen und auf die der Titel anspielt, sind auch die Songs dicht durchzogen von popkulturellen Querverweisen: auf das Oxford Dictionary ebenso wie auf The Smiths' "Heaven Knows I'm Miserable Now" oder Leonardo DiCaprios Rolle im Blockbuster-Schmachfetzen "Titanic". Gleich im Opener stellen sie zum schönen rumpligen und Bass-getriebenen Sound die berechtigte Frage "How did this happen" und feuern dann ein paar kluge Diagnosen ab: "Your playlist knows you better than a closest lover." Und wie es in Zeiten der Spotify-Algorithmen eigentlich um die konkrete politische Wirksamkeit von Popmusik bestellt ist, das umreißen Bodega in einer einzigen Zeile: "This machine, you know, it's just a guitar." Diese Maschine tötet keine Faschisten mehr, wie der Folk-Fürst Woody Guthrie noch auf sein Instrument schrieb. Diese Maschine ist nur eine Gitarre.

Etwas triebgesteuerter geht es in der Single der Woche zu: Im federnden R'n'B-Song "Boys" (Nice Life / Atlantic) erzählt die 30-jährige amerikanische Sängerin und Rapperin Melissa Viviane Jefferson alias Lizzo von ihren vielfältigen Vorlieben: "I like big boys, itty bitty boys / Mississippi boys, inner city boys / (. . .)/ From the playboys to the gay boys." Eigentlich geht es aber um viel mehr als um ein paar aufregende Dates: der Song, Lizzos stolzer, flirtender Tonfall und das dazugehörige Video, in dem sie sich und ihre sehr weiblichen Rundungen wunderbar selbstbewusst zeigt, sind Ausdruck jener Sexpositivität, die seit einiger Zeit immer deutlicher in den Pop-Mainstream drängt. Eine wichtige Galionsfigur für diese Entwicklung ist interessanterweise ein Mann: Wie zuletzt Janelle Monáe bezieht sich auch Lizzo auf Prince und stellt vor einem Wandbild in Minneapolis (ihrer gemeinsamen Heimatstadt) ein Fotoshooting von 1977 nach - inklusive Afro und Schwarz-Weiß-Optik. Mehr als an Prince erinnert die wuchtige Energie, mit der Lizzo das ewige R'n'B-Thema Sex hier der Perspektive des heterosexuellen Mannes entreißt, aber an Missy Elliotts Hit-Single "Work It": "Baby, I don't need you", geht da der Refrain, "I just wanna freak you."

Einen tiefen Einblick in den Kopf von Kendrick Lamar bekommt man in einer neuen Coverstory des amerikanischen Magazins Vanity Fair. Dort erklärt der 31-Jährige, der im Mai als erster Rapper den Pulitzer-Preis erhielt, unter anderem wie er es schafft, bei all dem gewaltigen Erfolg weiter konzentriert an seiner Musik zu arbeiten: "Mein Vorteil ist, dass ich beide Seiten gesehen habe, als ich aufgewachsen bin: die schönsten Situationen und die schlimmsten. Ich bin morgens aufgewacht, habe Cornflakes gegessen und Cartoons geguckt. Nach der Schule haben wir zu Hause Partys gefeiert - und währenddessen haben sich die Leute vor unserer Haustür gegenseitig erschossen. So war mein Leben, und nicht nur meins. Und davon will ich erzählen. Nur weil ich drei oder vier Jahre Erfolg hatte, werde ich diese 20 Jahre meines Lebens nicht los."