Popfestival "Rolling Stone Weekender" Notorisch introvertiert, mit ironischem Hüftschwung

[] Die Slogans

Es komme im Pop nicht darauf an, was gesagt werde, heißt es gern, viel wichtiger sei, wie etwas gesagt werde. Einerseits ist das natürlich vollkommen richtig, also der Weisheit allerletzter Schluss. Man denke nur an, sagen wir, die Zeile: "Love, love me do / you know I love you". Die Popmusik ist immer auch ein Sängerkrieg darum, wer dem größten Unsinn die meiste Bedeutung verleihen kann. Andererseits war da im großen Zelt das Konzert von Tocotronic. Man weiß ja nicht immer sofort, was die wichtigste deutsche Indie-Band mit ihrer doch immer wieder auch nervtötend glanzlosen Schrammel-Musik eigentlich will. Besonders wenn der Sound schlecht und Sänger Dirk von Lowtzow kaum zu verstehen ist. Wenn es aber so gut klingt wie hier, dann ist plötzlich klar, was für eine Kraft sogar deutsche Popmusik haben kann, wenn es zur Abwechslung mal darauf ankommt, was gesagt wird. Dann kommt man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, obwohl das ja alles lange in der Welt ist, die Band gibt es seit fast 20 Jahren. Aber wie viele unglaublich gute, verblüffende, kluge, wahre, lustige Zeilen und Slogans sich dieser große zeitgenössische deutsche Dichter Dirk von Lowtzow ausgedacht hat! Und dabei wären wir schon ein besseres Land, wenn es nur diese eine Strophe aus "Was du auch tust, mach es nicht selbst" gäbe: "Wer zu viel selber macht / Wird schließlich dumm / Ausgenommen Selbstbefriedigung."

[] Die Stimme

Wie lange der Band Poliça, der großen Pop-Entdeckung dieses Jahres, wohl noch nachhängen wird, dass sie der Neo-Folk-Zauberer Justin Vernon alias Bon Iver als beste Band bezeichnet hat, "die ich je gesehen habe"? Und sogar der Rap-Superstar Jay-Z seinen Segen gab? Bis zum ersten großen Hit vermutlich, den die Indie-Band aus Minneapolis bitte unbedingt ganz bald verdient hat. Und zwar schon allein wegen der verblüffenden Dreistigkeit der Sängerin Channy Leaneagh, ihren ohnehin großartigen Gesang konsequent extrem zu verfremden mit einem Tonhöhenkorrekturprogramm, das normalerweise verwendet wird, um Sänger zu retten, die gar nicht singen können. Leaneaghs Stimme flattert also auch im Baltic Festsaal sehr seltsam humanoid sirenenhaft im Raum herum. Gleichzeitig maximal künstlich und maximal herzzerreißend. Wow.

[] Die Show

Es kann böse enden, wenn Schlagzeuger erfolgreicher Bands endlich auch mal im Mittelpunkt stehen wollen. Joshua Tillman war zuletzt Drummer der Neo-Folk-Helden Fleet Foxes, jetzt ist er Father John Misty, Hirte des Country-Pop und Hüter der unterschätzten Kunst der Bühnenansage. Und was für ein Glück das ist! Er tanzte die notorische Introvertiertheit des neuen Folk einfach mit einem ironischen Hüftschwung weg. Musikalisch ist er ganz Traditionalist, äußerlich eher ein stilbewusster, aber leicht abgewrackter Late-Night-Moderator. Also eine durch und durch zeitgenössische Figur. Eine zeternde Diva, ein Aufreißer, ein Grenzgänger, ein großer Entertainer, der das Publikum sogar mit einer Beschimpfung auf seine Seite bringen kann. Zur Begrüßung auf diesem mehrheitlich von nicht mehr allzu jugendlichen Männern besuchten Festival sagt er erst mal nur: "Welcome to Dude Fest 2012!" Und dann plaudert und ätzt und spaßt und croont er sich tatsächlich so unwiderstehlich mies gelaunt mit seiner Band durch den Auftritt, wie es der Titel seines Albums verspricht: "Fear Fun". Was für ein Mann.