Popfestival "Rolling Stone Weekender" Zwischen Klimperklavier und Kitsch-Attacke

Elektronisch, betörend traurig bis hin zu maximal herzzerreißend: Es sind die vielen Facetten der Popmusik, die immer noch Tausende Fans begeistern. Und die zeigen, warum man Popmusik immer noch hören sollte. Eine Fahndung an der Ostsee beim "Rolling Stone Weekender".

Von Jens-Christian Rabe und Jan Biener

Maximal künstlich, maximal herzzerreißend: Poliça-Sängerin Channy Leaneagh.

(Foto: Cameron Wittig)

Der europäische Popfestival-Kalender ist mittlerweile so dick wie ein Buch. Der "Rolling Stone Weekender" ist trotzdem einzigartig. Das zweitägige, immer sehr kundig kuratierte Festival am Weißenhäuser Ostseestrand nördlich von Lübeck findet auf dem Gelände eines Ferienparks mit Spaßbad und Kinder-Dschungelland statt. Man schläft nicht in Zelten, sondern in kleinen Apartments, und bei den Konzerten - in diesem Jahr waren es 27 auf vier Bühnen - gibt es keine Schlammschlachten. Anders gesagt: Es gibt Mitte November vielleicht keinen besseren Ort für ein paar gute Antworten auf die Frage, warum man heute eigentlich noch Popmusik hören sollte.

[] Das Klimperklavier

Also erst mal: Van Dyke Parks. Der bald 70-jährige Musiker, Komponist, Produzent, Arrangeur, Textdichter und Schauspieler, der schon als Kind in Hollywood-Filmen mit Grace Kelly auftrat und einmal sogar - 1958! - der Peter in einer Heidi-Verfilmung war; der hochbegabte junge Pianist, der Mitte der Sechziger am Beach-Boys-Album "Smile" arbeitete; und der Mann, der 2004 dieses vielleicht berühmteste unvollendete Album der Popgeschichte mit Brian Wilson tatsächlich fertigstellte. Dieser Van Dyke Parks hockte da also auf der Bühne hinter seinem schwarzen Flügel im eigentlich viel zu niedrigen "Baltic Festsaal", mit iPad und Lesebrille, erzählte, wie seine Frau mit Elvis, also: ELVIS - "don't be confused!" -, in Memphis auf der Veranda saß, und klimperte mit einem Cellisten, einer Harfenistin, einem Schlagzeuger und einem Kontrabassisten, wahnsinnig gut gelaunt herum auf Klassikern der amerikanischen Unterhaltungsmusik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, als die Songwriter noch Reverend Gary Davis hießen und ihre Hits "Delta Queen Waltz". Und er klimperte so irre glücklich und toll herum auf seinen Lieblingsliedern, dass es - ja, was eigentlich? - dass es plötzlich viel mehr als eine Gewissheit war, dass das Leben eigentlich noch viel größer und leichter ist, als wir es uns in unseren schönsten Träumen ohnehin schon vorstellen.

[] Das Rätsel

Staunend stand man auch vor Animal Collective, die am Weißenhäuser Strand ihr erstes Deutschland-Konzert der laufenden Tour spielten. Nur staunte man ganz anders. Die meistgefeierte Avantgarde-Popband der Gegenwart hatte ein Bühnenbild dabei, das aussah wie ein riesiges psychedelisches Schenkel-Gewölbe - und führte eine Musik auf, die klang, als seien die späten Beach Boys in ein heftiges elektronisches Soundgewitter geraten. Der verhallte Harmoniegesang hatte nichts Schmeichelndes mehr, er war schneidend scharf. Und man hörte weniger Songs als ihre kontrollierte Zerlegung. Also: psychedelischen Pop, für den Bewusstseinserweiterung kein Heilsversprechen mehr ist. Seltsam. Aber eindrucksvoll zeitgemäß.

[] Der Kitsch

Es gibt Popmusik, die klingt, als ob sie sich ein depressiver Komponist an einem dunkelgrauen Herbsttag am Strand ausgedacht hat. So betörend traurig ist die. Da haben bestimmt sogar die Möwen mitgeweint. Stuart A. Staples macht solche Musik. Und dass er hier tatsächlich vom herbstlichen Strandspaziergang direkt auf die Bühne kam, das ist natürlich grausiger Indiepop-Kitsch. Aber dann steht er da mit ausgebeulter Stoffhose, Leinenhemd, Altherrenweste und den größten Koteletten des Pop vor 2000 Menschen und singt mit seinen Tindersticks in stiller Souveränität: "Show me everything!" Der Drummer streichelt den Takt eher, als dass er ihn schlägt, sogar das Saxofon wird würdevoll gewürgt - und man denkt: Okay, Stuart, du alter Fuchs. Hast gewonnen.