Pop Zweiter Musiker-Frühling

Gordon Raphael, bekannt als Musikproduzent, ist zum ersten Mal mit seinen eigenen Songs auf Tour.

(Foto: Alex de Brabant)

Gordon Raphael tourt mit deutscher Band - und zeigt sich von kleinen Clubs und deren Publikum beeindruckt

Von Rita Argauer, München/Berlin

In Linz schwärmt man jetzt noch davon. Warum auch immer dieses eine Konzert in dieser kleinen Stadt so groß werden konnte. Vielleicht, weil es den entsprechenden Ort noch gibt. Und vermutlich auch, weil es Beweise im Internet gibt. Auf Youtube finden sich verwackelte Camcorder-Aufnahmen von der US-Rockband Nirvana , live in Linz. 1989 war die auf ihrer ersten Europa-Tour, vor ihrem großen Durchbruch, vor all der Tragik samt zu viel Ruhm und Suizid. Wenn man dem älteren Umfeld der Linzer "Kapu", so der Name der kleinen Konzertbühne, auf der Nirvana damals spielten, Glauben schenkt, handelt es sich bei diesem Konzert um eines der besten der je erlebten im europäischen Underground-Rockmilieu.

Der Musiker Gordon Raphael hätte da dabei sein können. Kurt Cobain habe ihn damals gefragt, ob er die Band als zweiter Gitarrist begleiten möchte. Doch ohne viel Ruhm umhüllte den zu dieser Zeit schon viel Tragik: "Als die mich fragten, ob ich sie auf dieser Tour begleiten möchte, kam ich gerade von der Wohnung meines Drogen-Dealers zurück", erzählt er. Und er sei seinerzeit nicht in der Stimmung und der Verfassung gewesen, seinen unglückseligen Lebensstil zu verlassen. Lakonisch klingt das, wenn er das heute so sagt. Doch er fügt an: "Außerdem war ich immer mehr daran interessiert meine eigene Musik zu machen, als die eines anderen zu spielen."

Dennoch sollte sich Gordon Raphael, der heute in Berlin lebt und gerade mit seiner eigenen Musik auf Deutschland-Tour ist, zunächst eine ganze Zeit lang sehr intensiv um die Musik anderer kümmern. Er arbeitete, nachdem er seine Drogen-Probleme in den Griff bekommen hatte, als Musikproduzent. Und zwar als einer der prägendsten für den Aufschwung der Indie-Musik zu Beginn des neuen Jahrtausends. Er produzierte die stilbildenden ersten beiden Alben der Strokes und Regina Spektors "Soviet Kitsch". Die Strokes leiteten damit ein neues Gitarrenmusik-Jahrzehnt ein. Regina Spektor gehört mit ihrem artifiziellen und gleichzeitig süß-zugänglichen Klavierpop zu den Vorreiterinnen einer neuen Indie-Songwriter-Szene.

Gordon Raphaels eigene Musik wirkt dagegen wie eine Rebellion. Die Musik ist hoch eklektisch: Space-Rock der Siebzigerjahre in drogengeschulten psychedelischen Strukturen. Dem Markt und der Musikwirtschaft verschließt sich diese Musik von vorneherein, so als würde sich Raphael sämtlichen Vermarktungsstrategien, mit denen man ihm auf Grund der berühmten Namen, die seine Biografie säumen, begegnen könnte, lustvoll verweigern. "Über Anarchie denke ich überhaupt nicht nach", erklärt er jedoch, im Songwriting interessiere ihn vielmehr die Improvisation und das Entdecken von Neuem: "Es muss eine perfekte Balance aus Melodie, Struktur und Freiheit geben."

Im Jahr 2005 ist er von New York nach Berlin gezogen. Der deutsche Produzent Moses Schneider hat ihn in seine Stadt eingeladen und seitdem lebt er in Kreuzberg und arbeitete hier etwa an dem Deutsch-Rock Mainstream-Album "Smack Smash" der Beatsteaks mit. Dass er nun mit seinen eigenen Kompositionen Konzerte spielt, hat er aber dem Berliner Art-Pop-Duo Sea + Air zu verdanken. Die beiden Musiker Daniel Benjamin und Eleni Zafiriadou habe er in Berlin kennen gelernt. Sie haben sich über Musik ausgetauscht, Raphael hat Benjamin seine eigenen Songs vorgespielt. Aus den ungefähr 200 Kompositionen wählte Benjamin dann einige aus und stellte daraus ein Album zusammen. "Sleep On The Radio", erschienen im Februar, ist Raphaels erstes Album mit eigenen Songs.

"Gordons eigene Musik fand ich viel origineller und besser als die Sachen, die er produziert hat", sagt Daniel Benjamin dazu, der sich nun so ein bisschen um das Management des älteren Musikers kümmert. Er stellte auch die Live-Band zusammen, in der neben ihm selbst auch seine eigentliche Duo-Partnerin Eleni Zafiriadou, der Schlagzeuger der Neo-Noise-Wave-Band Die Nerven, Kevin Kuhn, sowie der Gitarrist und Keyboarder Christian Heerdt spielen.

Das Touren sei für Gordon Raphael dabei immer noch ein bisschen neu, bisher hat er ja nur im Studio gearbeitet. Doch bis jetzt gefällt es ihm gut, durch Deutschland zu reisen und in den eher kleinen Indie-Clubs der Republik aufzutreten: "Ich dachte, dass ich mich sehr langweilen werde auf den langen Autofahrten und dass dann nur zwei bis drei Menschen zu den Konzerten kommen", sagt er. Doch alles sei wunderbar, der Sound in den kleinen Clubs und die Publikumsmenge, und seine deutsche Band beeindrucke ihn Abend für Abend. Gordon Raphael erlebt einen zweiten Musiker-Frühling in einer Szene in Deutschland, der zwar großer Mainstream-Erfolg verwehrt bleiben wird. Die aber dafür offen für experimentelle und unangepasste Musik ist.

Gordon Raphael, Samstag, 26. Mai, 20.30 Uhr, Milla, Holzstraße 28