Pop Was im Pop heute Kanten, Biss und Botschaft hat, ist weiblich

Beyoncé versus Drake: Amazone gegen Wohlfühlmann.

(Foto: AFP/Getty)

Und die Männer? Sind Feelgood-Schluffis, wie Drakes neues Album "More Life" zeigt. Endlich!

Von Julian Dörr

Man kann nicht über Drake nachdenken, ohne über Männlichkeit nachzudenken. Oder genauer: über deren Dekonstruktion. Drake ist heute einer der erfolgreichsten Pop-Männer unserer Zeit. Vor zehn Jahren aber war er einfach nur einer dieser neuen Männer. Einer, der über seine Gefühle redete. Einer, bei dem nicht immer alles glatt lief. Bei dem nicht der Bentley vor der Haustür glänzte. Und als er dann doch dort glänzte, dann gab es keinen Grund, hinterm Steuer nicht doch ein paar Tränen zu vergießen ob der Grausamkeit der Welt - und der Frauen. Diese neue Verletzlichkeit brachte Drake, der sich so aus dem R'n'B in den Rap und schließlich den Pop arbeitete, im dezent wertkonservativen Hip Hop mächtig Spott und Häme ein. Vor allem von den Männern, die Anfang des neuen Jahrtausends den Ton angaben.

Aber die Geschichte wird von Siegern geschrieben. Gerade im Hip-Hop, wo das kapitalistische Arbeitsethos ja noch mehr gilt als irgendwo sonst. In dem Zahlen über den Wert von Pop-Kunst entscheiden. Und Drakes Zahlen gehen so: Im vergangenen Jahr schaffte er es gleichzeitig mit 20 Songs in die US-amerikanischen Billboard-Hot-100-Charts - 17 davon stammten von ein- und demselben Album. Jenes "Views" führte selbst zehn Wochen lang die Albumcharts an. Drakes "One Dance" ist der meistgestreamte Song aller Zeiten auf Spotify.

Man kann auch nicht über Drake nachdenken, ohne über Ed Sheeran nachzudenken

Nun hat der kanadische Rapper am vergangenen Wochenende wieder neue Musik veröffentlicht, auch sie wird Rekorde brechen, die Frage ist letztlich nur: wie viele. "More Life" heißt die Sammlung, die Drake weder Album noch Mixtape nennen will, sondern Playlist. 22 Songs - sie sind sehr gut und zeigen, wie sicher sich Drake in fast allen Spielarten des zeitgenössischen Pop bewegt. Vom kellertief wummernden Rap von "Gyalchester" über das schwelgerische Selbstbestätigungsduett "Glow" mit Kanye West und die House-Party von "Get It Together".

Nun kann man auch nicht über Drake nachdenken, ohne über Ed Sheeran nachzudenken, den anderen großen Pop-Mann unserer Zeit. Der sammelt nämlich die Rekorde auf, die Drake liegenlässt. Der beste Verkaufsstart aller Zeiten für einen männlichen Künstler. Der meistgespielte Song in der Geschichte des amerikanischen Top-40-Radios. Man muss sich Sheerans kürzlich erschienenes Album "Divide" und Drakes "More Life" als Brüderpaar vorstellen, als kommerzielle Krönung eines neuen Typus: der Wohlfühlmann.

Dein Kumpel, der Superstar

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Was genau so ein Wohlfühlmann macht, kann man an einem Abend Anfang März in der größten Mehrzweckhalle Berlins beobachten. Drake hat sich gerade durch die erste Stunde seines Auftritts geackert. Er hat seinen Athletenkörper mehrmals von ganz links außen nach ganz rechts außen gehetzt und wieder zurück - vorbei an meterhohen Flammenwerfen. Nun steht er da, am äußersten Rand der Bühne, hebt eine Hand erst über die Augen, dann geradeaus Richtung Publikum auf den Rängen: "I see you, babygirl with the curly hair! You're beautiful! This is your night!" Und dann, die Hand ein paar Zentimeter weiter geschoben: "I see you, guy with the black glasses. You're the man! Party on!"

Fünf Minuten geht das so weiter. Auf jeder Bühnenseite. Der Typ mit dem roten Sweater. Das Mädel mit der glitzernden Smartphonehülle. Alles guys und babygirls, die Drake an diesem Abend umschwärmt. Für die er die Party ihres Lebens ausrichten will. Und diese Party besteht weniger aus aggressiv den Beat nachpumpenden Händen denn aus verträumtem Engtanz ohne Partner. Bisschen die Hüften schieben, bisschen den Kopf kreisen lassen. Bisschen süß, bisschen peinlich. Überhaupt, babygirl, das würde ja bei jedem anderen super schmierig und ätzend klingen. Bei Drake ist es Teil des großen Wohlfühlprogramms. Da steht einer auf der Bühne, der wirklich will, dass das jetzt hier auch wirklich allen gefällt. Dass am Ende auch jede und jeder glücklich nach Hause gehen kann, schließlich waren die Tickets teuer.

Und das ist es, was Drake und Ed Sheeran mit ihrer Musik gerade sehr, sehr erfolgreich verkaufen: eine gute Zeit. Der Popstar als Kumpel. Der von seinem Podest hinabsteigt und dir auf die Schulter klopft. Der so bescheiden ist, dass er sich tatsächlich wundert, dass man ihn in Deutschland überhaupt kennt - wie Drake in "Do Not Disturb". Einer, der sich beim ersten Date über das Wohlbefinden der Familie erkundigt - wie Sheeran in "Shape of You".

Der Pop-Mann kann sich frei machen von der machistischen Fixierung auf die eigene Bedeutung

Die jüngsten Werke von Ed Sheeran und Drake offenbaren eine interessante Geschlechterdynamik in der höchsten Liga des zeitgenössischen Pop. Auf der einen Seite stehen die Wohlfühlmänner. Sheeran, Drake und, wenn er ehrlich ist, auch der Kuschel-Sadomaso-Soundtrack-Schreiber The Weeknd. Auf der anderen Seite: die Amazonen. Alles, was im Pop gerade Ecken, Kanten, Biss und Botschaft hat, ist weiblich. Beyoncé und Solange. Arbeiten sich an der Rolle der schwarzen Frau in den Vereinigten Staaten ab. Lady Gaga. Hat ihr Haus of Gaga für die Lederjacken-Romantik der Rockerkneipe am Straßenrand verlassen. Ist das jetzt ein Problem? Braucht der Pop wieder einen starken Mann? Keineswegs.

Denn während die Frauen ackern und klotzen für eine bessere, gerechtere Welt, ist für die Männer nun die Chance gekommen, sich frei zu machen von der machistischen Fixierung auf die eigene Bedeutung, die ihren Wert in Champagnerflaschen, Blowjobs und Poolgröße misst. Sicher, auch Drakes Musik drehte und dreht sich mit großer Ernsthaftigkeit um ihn selbst. Auf dem 2015er-Mixtape "If You're Reading This It's Too Late" musste er sich seiner Männlichkeit noch durch Ghettogeschichten vom Straßenkampf versichern. "Views", Drakes Album aus dem vergangenen Jahr, begann mit einem breitwandigen Lamento über Loyalität. Wenn es aber darauf ankommt, dann tritt das Ich bei Drake zurück - für das Wohl aller. In diesem Sinne ist "More Life" nun das globalste, vielseitigste und freieste Album seiner Karriere geworden.

Südafrikanischer House, britischer Grime, Dancehall, Afrobeat. "Madiba Riddim" und "Passionfruit" spielen mit Tropicana-Klischees, "Teenage Fever" recycelt J Lo. Trotz vereinzelter Gangster-Posen: Im Querschnitt ist das alles seichte Tanzmusik. Also wunderbare Wohlfühlmusik von einem wunderbaren Wohlfühlmann. Und immer, wenn doch so ein fieser Typ auftaucht, ist Drake gleich zur Stelle: Gast-Rapper Giggs mackert sich durch "No Long Talk", es geht um weibliche Geschlechtsorgane, die wie Brot gebuttert werden sollen. Unangenehm. Dann kommt Drake mit der luftig-süßen Fernbeziehungsschmonzette "Passionfruit" um die Ecke getänzelt. I got you, babygirl. Alles gut.

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