Pop und Politik Israel-Kritiker rufen zu Boykott von Pop-Festival auf - aber ihr Vorwurf ist falsch

Eine jüdische Künstlerin wird vor dem Auftritt auf dem "Pop-Kultur" in Berlin mit der Politik Israels gleichgesetzt. Das trägt Züge von Antisemitismus.

Kommentar von Jan Kedves

Dieser Tage möchte man nicht in der Haut von Riff Cohen stecken. Der Auftritt der 33-jährigen Sängerin aus Tel Aviv beim Festival "Pop-Kultur" am kommenden Mittwoch in Berlin ist zum Politikum geworden. Und zwar aufgrund der Tatsache, dass die israelische Botschaft Cohens Reisekosten mit einem Betrag von 500 Euro bezuschusst. Wegen dieser Unterstützung listet das Festival, das die einst glücklose "Berlin Music Week" ersetzt und mit 1,16 Millionen Euro öffentlich gefördert wird, die israelische Botschaft auf seiner Website als "Partner". Nichts Besonderes eigentlich. Das Institut français ist auch "Partner". Ein Partner hat bei "Pop-Kultur" keine inhaltliche oder organisatorische Mitsprache. Trotzdem behauptet die Initiative BDS ("Boycott, Divestment and Sanctions") in ihrem Boykottaufruf, das Festival sei von Israel "mitorganisiert" und "sponsored by Apartheid".

Eine israelische Künstlerin wird pauschal mit der Politik ihrer Regierung gleichgesetzt

Damit hat die BDS-Kampagne, die einen ökonomischen und kulturellen Boykott Israels wegen der dortigen Palästina-Politik verfolgt, erneut einen Tiefpunkt erreicht. Bislang war sie im Pop-Bereich vor allem dadurch aufgefallen, dass sie, unterstützt von Chef-Knurrern des Rock wie Roger Waters, Thurston Moore oder Brian Eno, jene Bands und Künstler mit Shaming-Kampagnen überzieht, die Konzerte in Israel geben. Zuletzt wurden Radiohead angegriffen. Der Sänger der Gruppe, Thom Yorke, erklärte damals: "Wir halten nichts von Kulturboykott und diesem Schwarzweiß-Denken." Der neue Aufruf wirft die alten Fragen auf: Wo endet Kritik an der Politik des Staates Israel, wo beginnt Antisemitismus? Welcher Weg führt vom Aufruf, kein Obst aus Siedlergebieten auf palästinensischem Land zu kaufen, zum Boykott eines Pop-Festivals in Berlin? Schließlich: Wie politisch oder unpolitisch kann, soll, muss Pop sein?

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Bislang sind fünf Acts aus dem arabischen Raum dem Aufruf gefolgt und haben ihre Auftritte bei "Pop-Kultur" abgesagt. Am bekanntesten von ihnen ist die tunesische Sängerin Emel Mathlouthi. Es gehört zu den traurigen Realitäten des Nahen Ostens, dass arabische Musiker selbst aus Staaten, die mit Israel Frieden geschlossen haben, in ihrer Heimat Ablehnung und Kritik riskieren, wenn sie in Israel auftreten. Konzerte oder Festivals im Ausland aber bieten arabischen und israelischen Künstlern oft einen geschützten Raum. Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchester ist kein Einzelfall, es gibt viele Kooperationen von Künstlern, die politisch Gegner sein könnten, aber in der Kunst zusammenfinden. So hätte es auch in Berlin sein können. Bis die Boykott-Agitatoren mit ihren Lügen alles zerstörten. Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer nennt den Boykott "widerlich". Das Festival betont in einem Statement, die Aufgabe von Pop-Künstlern sei es, "Netzwerke zu bauen, über Grenzen hinweg, auch wenn wir verschiedener Meinung sind".

Die BDS-Kampagne hat auf ihrer Website inzwischen die Behauptung zurückgezogen, das Festival sei von Israel "mitorganisiert". "But that's not the point", heißt es. Es gehe um Israels Besetzung von Palästina. Doch, genau das ist der Punkt: Eine jüdische Künstlerin wird mit der Politik der israelischen Regierung gleichgesetzt. Das trägt Züge von Antisemitismus. Vor vier Jahren sagte Riff Cohen in einem Interview: "Israelische Künstler werden zu Botschaftern wider Willen." Sie hat arabische Wurzeln, ihr Vater ist tunesisch-jüdischer, ihre Mutter algerisch-französisch-jüdischer Abstammung. Die Welt ist komplizierter, als die Hetzer aller Seiten sie machen.

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