Pop Sha-läng-sha-bäng und trotzdem hip

Sensationelles Handwerk, Prise Ironie, große Rampensauerei: LCD Soundsystem starten ihre Tour in London.

Von Jan Kedves

James Murphys T-Shirt spannt, man muss zweimal hinsehen, um zu verstehen, dass die Schweißflecken, die sich darauf nach wenigen Minuten abzeichnen, gar keine Schweißflecken sind, sondern Wolken auf blauem Grund. Das ist das Covermotiv des neuen Albums "American Dream" seiner Band LCD Soundsystem, und es sagt einiges über James Murphy und seinen Status als Anti-Popstar für diejenigen, die der Popstars eigentlich müde sind, aus, dass man es sofort einleuchtend gefunden hätte, wenn Murphy sich mit seinem engen T-Shirt über sich selbst und seinen Bauch lustig gemacht hätte. "Ich schwitze wie ein Schwein", hätte er, 47, sagen können, alle hätten es toll gefunden. Er sagt: "Lieb von euch, dass ihr alle gekommen seid, wir haben so lange nicht mehr in London gespielt!"

LCD Soundsystem, die Epoche machende Band der Nullerjahre, die erste Band für die Generation, die zwischen Rock und Rave, Disco und Punk nun wirklich keinen Unterschied mehr machte, sind also zurück. Angeblich war es David Bowie, der Murphy ins Gewissen redete, er müsse seine Band, die er 2011 offiziell aufgelöst hatte, unbedingt reaktivieren. Die beiden arbeiteten zusammen an Bowies Album "Blackstar", vor dessen Tod. Natürlich erzählt sich das gut, wobei Bowie nicht allein der Grund gewesen sein wird, sondern: das Geld, oder: das Verantwortungsgefühl den anderen gegenüber. James Murphy war ja nie nur der Sänger, der seine eigenen zynischen Texte schon wieder mit Zynismus sang, zum Beispiel in "Losing My Edge" (2002), wo es darum ging, dass es sich als Hipster schlecht altert. James Murphy war mit seinem Label DFA Records auch gleichzeitig der Impresario, der alle möglichen anderen tollen, nur lange nicht so erfolgreichen Musiker mit reinzog in dieses Musikgeschäft, das heute eben häufig kein Geschäft mehr ist. All diese Musiker spielten dann irgendwann in seiner LCD-Soundsystem-Band mit, sprich: Ohne ihn verdienen sie weniger, oder vermutlich zu wenig.

Döp-dö-döp und yeah-yeah-yeah und alle machen mit: James Murphy und seine Band.

(Foto: imago/Votos-Roland Owsnitzki)

Genau daraus, also aus dem Geldverdienen, wollte man Murphy in Deutschland, wo vorerst keine Konzerte mit dem neuen Album angekündigt sind, einen Strick drehen. LCD Soundsystem spielten im Berliner Funkhaus Nalepastraße einen sogenannten corporate gig für einen Kopfhörer-Hersteller, Karten gab es nicht zu kaufen. Normalerweise gehen Musikredaktionen mit solchen Events so um, dass sie sie ignorieren. Spiegel Online und taz gingen trotzdem hin und berichteten im Indie-Beleidigungston, der Auftritt sei "herzlos" gewesen und habe "Butterfahrt-Atmosphäre" gehabt. Nun ja.

Wie kriegt er das hin, diese U2-Stadien-Momente, de bei ihm nie peinlich wirken?

In London jedenfalls spielen LCD Soundsystem im Rahmen ihrer Tour am Wochenende zwei ausverkaufte Nächte hintereinander im zehntausend Zuhörer fassenden viktorianischen Alexandra Palace. Der thront auf einem Hügel über Nord-London, war früher mal eine BBC-Sendestation und heißt im Volksmund nur "Ally Pally", was einiges von der Verspultheit erahnen lässt, mit der hier in den Neunzigern große Drogen-Raves gefeiert wurden. Man braucht hier wirklich nur die riesige LCD-Soundsystem-Discokugel unter die Decke hängen und schon fühlt es sich nach intimer Clubnacht an - obwohl es zwischendurch natürlich diese ironisch unironischen Stadionmomente gibt, wenn James Murphy einen seiner extrasimplen Silben-Refrains singt: "Döp-dö-döp", "Sha-läng-sha-bäng", "Yeah-yeah-yeah". Dann fliegen die Hände in die Luft, alle grölen mit, grelles weißes Scheinwerferlicht fährt hoch, und man kann wirklich nicht anders, als an U2 oder Coldplay zu denken - und warum findet man das jetzt nicht schlimm?

Ja, es ist schon ziemlich sensationell, wie Murphy mit seiner Musik, die doch immer auch eine Reflexion über Pop-Reflexe und deren Verweigerung ist, alle glücklich macht - zum Beispiel, wenn er im Hit "You Wanted A Hit" singt: "Wir machen keine Hits", oder wenn es in der neuen Single "Tonite" heißt: "Everybody's singing the same song", sprich: Alle singen dasselbe, nur wir sind uns dessen natürlich bewusst, zwinker-zwinker.

Dass all dies nicht unangenehm oberschlau wirkt, liegt auch am handwerklich schlicht sensationellen Zusammenspiel der Band. Ohne erkennbare Stecker und Klicks im Ohr bringen die acht Musiker und Musikerinnen die dicksten Grooves ins Rollen. Der Schlagzeuger Pat Mahoney wirft die Off-Beats lässig auf die Hi-Hat, die Keyboarderin und Sängerin Nancy Whang hämmert die Synthesizer-Basslines robotisch in die Tastatur, die eisig und erhaben dreinblickende Modular-Synthesizer-Fachfrau Gavin Russom, die vor Kurzem ihr Coming-out als Transgender hatte, sich aber weiterhin Gavin nennt, schickt ihre wabernden und kaskadierenden Akkorde durch die Steckkabel ihrer tonnenschweren historischen Geräte. Ja, hier steht eine gesamte New Yorker Tradition auf der Bühne, ein selbstbewusstes, auf Diversität, Kreativität und Unbeirrtheit nach 9/11 stolzes New York, das aber auch ein sehr weißes New York ist - was sich darin spiegelt, dass auch das Londoner Publikum nahezu ausschließlich weiß ist, obwohl London nun wirklich keine weiße Stadt ist. Woran es liegt, dass sich schwarze Briten und Britinnen von der Aneignung der schwarzen Disco-Tradition durch extrem gut informierte, alternde US-Hipster nicht angesprochen fühlen - darüber wäre ein andermal nachzudenken.

Hier ist vorerst festzuhalten, dass, als LCD Soundsystem sich nach zwei Stunden Verausgabung verabschieden, die zehntausend Zufriedenen keine Zugabe fordern und nicht darüber maulen, dass James Murphy zwei seiner größten Hits - "Daft Punk Is Playing At My House" und "New York, I Love You But You're Bringing Me Down" - nicht gesungen hat. Wenn das Fehlen von Hits bei einem Konzert gar nicht weiter auffällt, dann war es wirklich ein gutes Konzert.