Pop Mutprobe

Ungewohntes Klangbild zwischen Prärie und Jazzclub - das Album "I Long to See You".

(Foto: Blue Note Records)

Grandios ungewohntes Klangbild: Charles Lloyd und Bill Frisell vereinen Country und Jazz.

Von andrian kreye

Der Saxofonist Charles Lloyd hat ja schon einige seltsame Dinge hinter sich (Rockstar-Status mit Avantgarde-Musik in den Sechzigern, lange Jahre Einsamkeit in Big Sur, jüngere Tourneen mit griechischen Volksmusikern). Jetzt versucht er sich gemeinsam mit den Marvels am Country.

Es gibt nur wenige Formen der Musik, die so wenig gemeinsam haben wie Modern Jazz und Country. Jazz lebt von Ekstase und Abstraktion, Country wird von Verzweiflung und buchstäblichen Erzählformen geprägt. Da stehen synkopierte Rhythmen gegen Zwiefache, komplexe Akkordwechsel gegen schlichte Lieder. Deswegen gilt es immer wieder als Mutprobe, wenn jemand versucht, die beiden zu vereinen.

Getraut haben sich das ohnehin nur wenige. Sonny Rollins, als er sich 1957 für sein Album "Way Out West" im Cowboykostüm in die Wüste stellte und Westernkamellen durch den Modern-Jazz-Erhitzer jagte. Wynton Marsalis ging vor ein paar Jahren mal mit Willie Nelson ins Studio. Für Rollins war das Ganze ein kurzes Intermezzo. Marsalis und Nelson verkauften zwar viele Platten, aber für beide gehörte das musikalisch zu den Tiefpunkten ihrer Karriere.

Der einzige Jazzmusiker, der sich konsequent mit Country auseinandergesetzt hat, ist der Gitarrist Bill Frisell, der auch der eigentliche Kopf der Marvels ist. Frisell entwickelte schon früh einen sehr eigenen Ton, indem er mit dem Lautstärkeknopf seiner Gitarre das Aufschlagen des Plektrums auf den Saiten ausblendete. Damit erzeugt er einen schwebenden, weichen Klang, der an die Pedal Steel Guitar erinnert, jenes Instrument, das dem Country dieses melancholische Präriegefühl gibt. Für Frisell war es nur konsequent, irgendwann einmal die Musik seiner Kindheit zu ergründen. Denn da unterscheidet sich Country ja deutlich von der notorisch verschlagerten europäischen Volksmusik. Bei aller Schlichtheit ist die Musik weniger Heimattümelei als kulturelles Erbe.

Wie man nun aus Amerika hört, treibt die Band (mit Lloyds Bassisten Reuben Rogers und Schlagzeuger Eric Harland sowie dem Pedal-Steel-Gitarrist Greg Leisz) bei Konzerten die beiden Leader zu neuen Höchstleistungen. Bei der Studioarbeit für das Album "I Long to See You" (Blue Note) war das Feuer zwar etwas gebremst, mit dem gerade Lloyd live so mitreißt. Trotzdem - da finden sie bei drei Balladen zwischen Lloyds lyrischem Ton und den beiden schwebenden Gitarren ein grandios ungewohntes Klangbild. Bob Dylans "Masters of War" gerät zum bedrohlichen Wetterleuchten. Selbst "Of Course, Of Course" und "Sombrero Sam", zwei gassenhauernde Stücke aus Lloyds Star-Sechzigern, gewinnen durch die Country-Anleihen.

Nur die Versuche, Single-taugliche Songs mit Willie Nelson und Norah Jones einzuspielen, sind Rohrkrepierer. Da wird sehr deutlich, dass Nelsons und Jones' viel zu bewährte Weinerlichkeiten mit der Experimentierlust der fünf Musiker nicht mithalten können. Denen gelingt zum Schluss sogar noch ein buddhistisches Gebet als kollektive Improvisation ganz ohne Esoterik-Kitsch.