Pop Libertinage und Repression

Es leben die Sechziger! Das wichtigste Jahr liegt derzeit immer genau 50 Jahre zurück. Der Pophistoriker Jon Savage hat sich 1966 vorgenommen - und ist zu klugen Erkenntnissen gekommen.

Von Klaus Walter

Ja, ja, Popmusik spiegelt den Lauf der Zeit. Und manchmal treibt sie die Zeit vor sich her, als Durchlauferhitzer, Katalysator, Brandbeschleuniger. Ist nichts Neues. Im Sekundentakt produziert Pop so viel Material, dass sich jederzeit Belege finden lassen für seine Gegenwartshaltigkeit und Sprengkraft: Beyoncé beim Super Bowl und im Video mit Black-Panther-Faust, Protest gegen weiße Polizeigewalt im Michael-Jackson-Gedächtnis-Kostüm. Wie jetzt! Okay, manchmal beamt uns Pop auch in die Vergangenheit. Wenn Adele in "Hello" mit einem Klapp-Handy aus der Steinzeit telefoniert, dann werden prompt Fantastilliarden solcher Dinger verkauft. Und was war eigentlich 1968? Wie spiegelt sich das Jahr der Revolte in der deutschen Hitparade? Ist da der Song "Macht kaputt, was euch kaputt macht" von Ton, Steine, Scherben zu finden? Nein, das kam später. "Sympathy For The Devil" von den Rolling Stones? Nein. Wolf Biermanns "Commandante Che Guevara"? Nein. Auf dem ersten Platz der deutschen Single-Jahrescharts 1968 stand Heintje. Ein zwölfjähriger Holländer mit einem Liebeslied. Für seine Mutter. Hinter "Mama" rangierte auf Platz zwei "Du sollst nicht weinen" und auf vier "Heidschi Bumbeidschi", alles von Heintje. Dazwischen auf drei: Tom Jones. Im Jahr der Aufbrüche geben die Massen ihr Geld aus für das, was der britische Pophistoriker Jon Savage "Mums & Dads Records" nennt.

Amerikas Heintje 1966 heißt Barry Sadler. Er hat den Stimmbruch schon hinter sich und eine Kriegsverletzung. Im Mai 1965 tappte Staff Sergeant Barry Sadler im vietnamesischen Dschungel in eine giftige Bambusfalle. Für das Mitglied der US Army Special Forces, ihrer Kopfbedeckung wegen "Green Berets" genannt, ist der Krieg damit vorbei. Im Lazarett fängt er an, Songs zu schreiben. Einer davon feiert im Marschrhythmus den Mut der Soldaten, die ehrlich und furchtlos in den Tod springen: "Fearless men who jump and die".

Vor ziemlich genau 50 Jahren, am 5. März 1966 erreichte "The Ballad Of The Green Berets" die Spitze der amerikanischen Charts. Die patriotisch-militaristische Hymne auf die Elite-Einheit - "America's best" - wird der Hit des Jahres 1966. Protestsongs hin oder her, die Mehrheit der Nation steht hinter dem Krieg in Vietnam, noch. Diese Geschichte erzählt Jon Savage in "1966: The Year the Decade Exploded". In zwölf Kapiteln - eins für jeden Monat - rekapituliert der Popchronist ("Teenage - Erfindung der Jugend") das Jahr.

Die Londoner Carnaby Street 1966, Symbol der sexuellen Liberalisierung.

(Foto: John Waterman/Getty Images)

Gegliedert das Buch in zwei Teile: "Acceleration" und "Explosion". Bis August wird beschleunigt, von September an folgen die Explosionen: Vietnam, sexuelle Revolution, Befreiung der Frauen, psychedelische Drogen, nukleare Bedrohung, Generationskonflikte, Rassenunruhen - all das spiegelt sich in der Popmusik des Jahres 1966 und deshalb ist 1966 das Jahr, in dem die Dekade. . . - nein, das Buch ist klüger als sein cleverer Claim.

Auf jeden Geniestreich der Beatles kommt ein schmalziger Country-Superhit

Die Parole vom explodierenden Jahrzehnt suggeriert eine lineare Entwicklung, ein gleichsam eschatologisches Geschichtsbild: Es geht voran. Es geht ja auch voran in den Sixties, aber immer wieder eben auch nicht. Über 600 Seiten singt Savage im Refrain das Loblied auf Fortschrittsparadigma und Eskalationslogik. In den Strophen kommen allerdings auch die Symbolfiguren von Konformismus und Backlash zur Sprache, singende Soldaten, Muttersöhnchen und all die anderen notorisch ausgeblendeten oder verdrängten Stars der "Mums & Dads Records", die in Sachen Breitenwirkung 1966 wie 1968 immer die tonangebende, so gar nicht schweigende Mehrheit repräsentieren. Auf jede bahnbrechende Innovation der Beatles kommt ein ältlicher Crooner mit einem schmalzigen Superhit. Auf die Geburt einer klassenübergreifenden, von Dada und Situationismus inspirierten, hedonistischen Linken aus der Hippiekultur im kalifornischen Spätsommer folgt im Herbst ein gewisser Ronald Reagan, der Hoffnungsträger des erzkonservativen Amerika, der später Präsident werden wird.

Immer wieder baut Savage seiner materialsatten Beschleunigungserzählung ein derart retardierendes Moment ein. So im August-Kapitel: "Do you come here often? Joe Meek, Gay Rights and a Summer of Violence."

"Do You Come Here Often?" ist die B-Seite einer gefloppten Single der Tornados, die mit dem futuristischen Satelliten-Instrumental "Telstar" 1962 einen Riesenhit hatten. Die Science-Fiction-Obsessionen des Tornados-Produzenten Joe Meek gingen über das normale, vom Weltraum-Wettlauf zwischen der UdSSR und den USA angeheizte Maß der Hysterie hinaus. Wie Sun Ra und andere Protagonisten des Afrofuturismus in Jazz und Funk begriff der weiße, schwule Brite Meek das Weltall als Sehnsuchtsort, der ein Leben ohne Heimlichtuerei, Erniedrigung und Diskriminierung versprach.

Cover des größten amerikanischen Hits 1966: "The Ballad Of The Green Berets" des Army-Veteranen Barry Sadler.

Diese Sehnsucht nach einer neuen Welt goss der hochbegabte Autodidakt in Drei-Minuten-Popsymphonien, für die der deutschen Sprache die Worte fehlen: otherworldly, outtaspace. "Do you come here often?" ist so ein verorgeltes Instrumental, bis kurz vor Schluss zwei Männer anfangen zu reden: Kommst du öfter hier her? Die Orgel wird runtergedimmt, Bar-Atmosphäre hochgedreht und mit aufgesetzten Stimmen führen die beiden einen Annäherungs- und Selbstvergewisserungsdialog auf im schwulen Insider-Code.

"Ein Meisterwerk und das erste authentische Stück Gay Life auf Platte", findet Jon Savage. Er muss es wissen als schwuler Mann, Jahrgang 1953. "1966 erleben wir die Expansion von Männermode. Es gibt einen größeren schwulen Einfluss, auch durch die Carnaby Street. Homosexualität in Großbritannien wird sichtbarer, erst ein Jahr später folgt die Legalisierung, im August 1967."

Im August 1967 stirbt Brian Epstein, der Manager der Beatles, an einer Überdosis Schlaftabletten. Joe Meek ist da schon ein halbes Jahr tot. Gepeinigt von Schlaflosigkeit und paranoiden Schüben erschießt er am 3. Februar, dem achten Todestag seines Idols Buddy Holly, zunächst seine Vermieterin, dann sich selbst. Epstein und Meek, der genialische Techno-Geek, waren Teil von Englands "Gay Music Mafia", so Jon Savage. Beide wuchsen auf im homophoben Klima aus gesellschaftlicher Ächtung und polizeilicher Verfolgung, das Selbstverleugnung erzwingt und Selbsthass forciert. Die Mitte der Sechziger einsetzende sexuelle Liberalisierung, die aufkeimende Schwulenbewegung, die zunehmende Sicht- und Lebbarkeit von Homosexualität, all das schildert Savage in "1966" - es ist der Fortschrittsrefrain. In den Strophen erzählt er vom gleichzeitigen Drama der schwulen Genies, die von diesem Fortschritt nicht mehr profitieren konnten. Ungleichzeitigkeit - so nannte Ernst Bloch die rotierende Dialektik gegenläufiger Bewegungen: Libertinage und Repression, Entgrenzung und Wiedereingrenzung, Fortschritt und Rückschlag.

Mit seiner Mikrogeschichte des Jahres 1966 demonstriert Jon Savage, dass wir es hier nicht mit einer Dialektik von Jahren zu tun haben, sondern von Sekunden. Musik sei den sozialen und politischen Institutionen immer einen Schritt voraus, so das möglicherweise zu optimistische, weil zu sehr den Sechzigern verhaftete Credo des Mittsechzigers Savage, der nicht aufhört, sich mit neuer Popmusik zu beschäftigen. Eigentlich könnte er gleich weiterschreiben, auch 1967 ist so einiges explodiert. Oder 76/77, in den zentralen Jahren des Punk. Wobei Savage dieses Buch ja schon geschrieben hat. "Englands Dreaming - Anarchie, Sex Pistols, Punkrock" erscheint dieser Tage in einer Neuauflage.