Pop-Kolumne Debütalbum von AnnenMayKantereit: Nehmt euch nicht so ernst, Jungs

Christopher Annen, Malte Huck, Severin Kantereit, Henning May sind nette Jungs.

(Foto: Fabien J. Raclet; Bearbeitung SZ.de)

"We learned more from a three minute record than we ever learned in school", sang Bruce Springsteen 1984. Und das stimmt auch heute noch. Pop kann uns die Welt erklären - in unserer neuen wöchentlichen Musik-Kolumne.

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Die Jugend wird einem gern als schönste Zeit des Lebens verkauft. Dass die Schuljahre damit nicht gemeint sein können, ist jedem klar. Aber auch danach hören die Enttäuschungen ja nicht auf. Wer in den Studentenstädten eine dauerphilosophierende coole Bohème erwartet, bekommt schlaksige Jungs mit etwas zu langen Haaren, die bei jeder Demo mitlaufen und danach ein paar Selbstgedrehte rauchen. Und die sich nie fragen, ob sie mit ihrer ungebrochenen Alternativität nicht einfach nur auf andere Art peinlich sein könnten als die verachteten Typen von der Wirtschaftsfakultät.

AnnenMayKantereit, Deutschlands Band der Stunde, hat jetzt ein Debütalbum veröffentlicht, das sich genauso anhört wie diese Enttäuschung. Man erträgt es nur, weil ihr 24-jähriger Sänger Henning May diese vielbeschworene Whiskystimme hat, dieses leidende Röhren, bei dem die Adern an seinem dünnen Hals anschwellen - weil ihm das, was er da aus sich herausbrechen lässt, offenbar so furchtbar wichtig ist. Auch wenn es nur Erstsemestererlebnisse sind. Trennungen zum Beispiel ("Ich halt dich nicht fest und ich lass dich nicht los"), oder Loslöseschmerzen von zu Hause, wie im Eröffnungstrack "Oft gefragt", die Fotos der Fernbeziehungsfreundin, die im Hochbett (!) liegen oder die deprimierende Kahlheit des neu bezogenen WG-Zimmers.

Jungsgefühle, formuliert mit dem Horizont eines sentimentalen Proseminaristen

Würden AnnenMayKantereit nur in verrauchten Studentenkneipen auftreten oder beim Campusfest im Sommer, dürfte man das natürlich überhaupt nicht bemäkeln. Wenn eine Band aber einen so irren Social-Media-Aufstieg hin zum Universal-Plattenvertrag und zu einer komplett ausverkauften Deutschlandtour hingelegt hat, muss man doch fragen, wie es dazu kommen konnte. Was an dieser Musik offenbar nicht nur 20-Jährige begeistert, die gerade überlegen, welchen Master sie machen wollen. Und die verunsichert sind, weil sie nicht wissen, wie groß die Prekarität sein wird, die sie danach erwartet.

Denn alle, die darüber hinaus sind, müssen sich denken: Ja, das waren irgendwie wichtige Zeiten, war auch ganz schön. Aber wie gut, dass es vorbei ist! Wie gut, dass jetzt nur noch sehr unreife gleichaltrige Männer, solche mit wenig Sinn für Originalität, sich dafür cool finden, dass sie "barfuß am Klavier" sitzen, während die Geliebte "nackt im Bett" liegt. Das denkt man als halbwegs erwachsen gewordener Mensch, wenn dieses Album läuft. Denn 12 Lieder lang sind diese Jungsgefühle, formuliert mit dem Horizont eines sentimentalen Proseminaristen, einfach sehr schwer zu ertragen. Dazu rumpelt die Musik in genau dem Rhythmus, bei dem beim Mithüpfen das Bier nicht aus der Flaschenöffnung schwappt.

Klar, ab und an gibt es Lichtblicke. Zum einen ist da der Eröffnungssong "Oft gefragt", eine rührend versöhnliche Hymne an den alleinerziehenden Vater. Zum anderen die kurze Punk-Episode des Albums, in der Henning May singt: "Und du bist 21, 22, 23 und kannst noch gar nicht wissen, was du willst./ Und du bist 24, 25, 26, und du tanzt nicht mehr wie früher." Ein bisschen Wut auf die Großen tut der Sache von AnnenMayKantereit gut. Da wird die Jugend verteidigt als etwas flüchtig Schönes. Davon hätte man sich mehr gewünscht und weniger von der ewigen, viel zu ernst genommenen Jungmännermelancholie.

Jenen weinerlichen Songs aber, in denen zum Beispiel das WG-Zimmer noch nicht eingeräumt ist ("noch kein Lattenrost"!) und das Schlafen schwer fällt, weil man die neuen Geräusche um einen herum noch nicht kennt, hilft Henning Mays Stimme nicht. Sie schadet ihnen eher, weil die eigentlich charmant beobachteten Studi-Probleme durch sein Bluesröhren eine Dramatik bekommen, die sie dann eben doch nicht verdienen. Vielleicht nicht einmal in den Augen von selbst gerade erst Aus- und woanders Eingezogenen.

Am Erfolg von AnnenMayKantereit zeigt sich die tiefe deutsche Liebe zum Ungekünstelten

Deutsch singende Jungs werden seit einer Weile sehr begeistert vom Publikum umarmt. Die Österreicher haben die exaltiert machomäßigen Wanda ("Bussi") und die noch viel exaltierteren Kunstfiguren von Bilderbuch ("Schick Schock"). Die Schweiz hat großzügig das Schlager-Alien Dagobert nach Berlin geschickt. Und was ist die deutsche Antwort auf diese neuen Popwunder? Superauthentische Straßenmusiker, denn so haben AnnenMayKantereit angefangen, mit Wollmützen und Parkas.

Am Erfolg von AnnenMayKantereit zeigt sich die tiefe deutsche Liebe zum Ungekünstelten, zum Auf-dem-Teppich-Bleiben, zur Zaz-haftigkeit. Zu Inhalten, die nun wirklich jeder aus dem eigenen Leben kennt und zur formalen Ambitionslosigkeit. Keine Angst, die beißen nicht. Die singen nicht über Politik und wollen nur studentische Gemütlichkeit unterm "Außer Atem"-Plakat. "Ich würd gern mit dir in 'ner Altbauwohnung wohn'n." singt Henning May, "mit 'nem kleinen Balkon."

Wie so ein kleiner Balkon bieten auch die Texte von AnnenMayKantereit maximal das: ein kurzes Heraustreten an eine Ahnung von herber Frischluft. Aber im Rücken wartet nichts als kitschige Deutschrockseligkeit. Wie Henning May in einem Lied der Verflossenen, von der er nur noch ahnt, was er einmal an ihr gefunden hat, genau so will man dieser Band nachrufen: "Bitte bleib nicht, wie du bist".

Vier Jungs, die man gern haben möchte

AnnenMayKantereit ist eine der erfolgreichsten Bands Deutschlands. Hoffentlich schadet ihnen ihre neueste Idee nicht: ein Debüt-Album. mehr ... SZ-Magazin