Pop Jenseits von Afrika

Gelungene Verschmelzung oder doch nur Tanzen für die Völkerverständigung? Wie neue Pop-Alben aus Berlin und Addis-Abeba den Weltmusik-Klischees entkommen wollen.

Von Jan Kedves

Eigentlich stammen wir ja alle aus Afrika." Mit diesem Satz machte Meryl Streep sich zuletzt in Berlin unbeliebt, für ein paar Stunden zumindest. Sie war während der Pressekonferenz zur Berlinale-Eröffnung gefragt worden, ob sie als Jury-Präsidentin ein kulturelles Verständnis zur Beurteilung der Wettbewerbsfilme aus Afrika mitbringe. Streep, die 1985 in "Jenseits von Afrika" eine dänische Adelige mit Kaffeeplantage in Kenia gespielt hatte, zögerte erst, wollte dann aber doch irgendetwas Nettes, Verbindendes antworten. Heraus kam, nun ja, paläoanthropologisches Allgemeinwissen. Die weiße Schauspielerin, die sich zur gefühlten Afrikanerin erklärt und hofft, damit a) aus dem Schneider zu sein und b) der Wiege der Menschheit ein bisschen Respekt zu zollen - das kam nicht so gut an.

Man muss an diesen Streep-Satz denken, wenn man nun die gerade erschienenen neuen Alben der Berliner Produzenten Daniel Haaksman und Africaine 808 hört - beides Projekte, bei denen afrikanische Sounds und Stimmen in deutschen Musikstudios zu mal mehr, mal weniger poppiger Clubmusik verarbeitet werden. Beide Alben haben mit Weltmusik, wie man sie kennt, in der "ethnisch" klingende Samples über reichlich verkitsche Soundteppiche gestreut werden, kaum etwas zu tun - was schon mal gut ist. In beiden Fällen bemühen sich die Produzenten um Kontextualisierung. Die Inspirationen werden nicht, wie so oft, einfach als "afrikanisch" bezeichnet, sondern regional benannt - hier eine Fusion von House mit kapverdischer Funaná-Musik, dort ein Treffen von Techno und Semba-Rhythmen aus Angola. Und doch ist das Ergebnis nicht immer unproblematisch.

Soll das Publikum hier nur das gute Gefühl bekommen, etwas für die Völkerverständigung zu tun?

Etwa bei Africaine 808. Deren Album "Basar" (Golf Channel Recordings) heimst in englischsprachigen Medien gerade Lobeshymnen ein, von Mojo über Guardian bis Pitchfork, wo Philip Sherburne, die Instanz für elektronische Musik in den USA, von "frischen Sounds" und einer "Erweiterung der Sprache der zeitgenössischen Tanzmusik" schwärmt.

Import, Export: Das Cover von Daniel Haaksmans "African Fabrics" spielt mit typisch afrikanischen Waxprints, die eine holländische Erfindung sind.

(Foto: Man Recordings)

Wer "Basar" hört, wird dann aber wohl eher enttäuscht sein: Der Technoproduzent Dirk Leyers und der DJ und Graffiti-Künstler Hans Reuschl alias Nomad passen das afrikanische Soundmaterial, von dem sie sich eine Erfrischung ihrer Techno-Muster erhoffen, so akkurat und funktional ein, dass die Stücke sich von herkömmlichen, minimal-perkussiven Klöppeltracks, wie man sie an jedem Wochenende in fast jedem Techno-Club der Welt hören kann, kaum mehr unterscheiden. Das Publikum soll möglicherweise das Gefühl bekommen, beim Tanzen noch etwas für die Weltverständigung zu tun - doch die in die Beats geschnipselten Samples von afrikanischen Stammesgesängen und die medizinmannhaften "Africo-freaky, africo-freaky"-Chants grenzen an Exotismus.

Anders, viel besser: Daniel Haaksman. Der Berliner Produzent und DJ war in den vergangenen Jahren neben dem amerikanischen Produzenten-Star Diplo eine der großen Vermittlerfiguren zwischen Brasilien und westlicher Clubkultur, spezialisiert hatte er sich auf den Baile-Funk aus den Favelas von Rio. Seinem neuen Album "African Fabrics" (Man Recordings) schickt Haaksman gleich voraus, dass er sich vor allem für klischeehafte westliche Projektionen auf Afrika interessiere.

Daniel Haaksman, den Berliner Produzenten, interessieren vor allem die Vorurteile des Westens

Ein passendes Bild dafür findet Haaksman in Waxprints, jenen bunt bedruckten Baumwollstoffen, deren Muster gemeinhin für authentisch afrikanisch gehalten werden, obwohl sie erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts von holländischen Stofffabrikanten in die Kolonien gebracht wurden. Eine Abstraktion eines solchen Waxprint-Musters, entworfen vom deutschen Künstler Tobias Rehberger, findet sich auf dem Cover von "African Fabrics".

Africaines 808 neue Platte "Basar".

(Foto: Golf Channel)

Abstraktion und Aufgreifen von elektronischen Bassmusik-Stilen wie Kuduro oder Afro-Juke, die bereits im Austausch mit Portugal, den USA oder Brasilien entstanden sind: Das sind die musikalischen Strategien des Albums. Es reißt mit, obwohl - oder gerade weil - es mit sehr wenigen, genau ausgewählten Sounds produziert ist. Ausgezeichnet, und vor allem lustig: das Stück "Black Coffee", in dem die Rapperin Dama Do Bling aus Mosambik zu hart klatschenden Beats in Amtssprache Portugiesisch und auf Englisch schwarzen Kaffee preist: "schön stark, schön heiß" - nicht nur der Kaffee.

Es gibt noch eine weitere neue Veröffentlichung, die in die Reihe passt, diesmal aus Addis-Abeba: die neue EP "Zelalem" (RVNG International) des Produzenten Mikael Seifu. Der wird seit einer Weile als "äthiopischer Flying Lotus" gefeiert, was musikalisch durchaus richtig ist, denn Seifu bringt - ähnlich wie der Produzent aus L.A., der unter anderem mit dem Rapper Kendrick Lamar kooperiert - Jazz, elektronische Sounds und Funk in freier Form zusammen. Bei Seifu scheinen die Loops nur noch schräger gestellt zu sein - selbst Ohren, die sich sonst in Polyrhythmen gut zurechtfinden, kommen ins Taumeln beim Versuch, die Eins zu finden. Wenn Seifu eine Bassdrum setzt, lässt er diese im Offbeat ploppen, da, wo sonst die Hi-Hat zischt - etwa in der Single "How To Save A Life", die mit geschichteten Improvisationen auf der einsaitigen Masenko-Geige und der Krar-Leier ein herrlich irisierendes Flirren entstehen lässt.

Wie soll man diese Musik bloß nennen? Seifu, der in den USA am Ramapo College in New Jersey studiert hat - bei Ben Neill, einem Studenten der Minimal-Music-Legende La Monte Young -, erklärt: "Im Westen gibt es Kategorisierungen, hier (in Addis-Abeba) ist alles informell, improvisiert, widersprüchlich und unmöglich zu institutionalisieren." Mit diesem Statement dürfte Seifu sogar westliche Afrika-Romantiker, die sich den Kontinent als wildes, freies Durcheinander zurechtfantasieren, für seine Musik begeistern. Was nicht mal schlimm wäre, denn Seifu hat ein großes Publikum verdient. Er verschmilzt äthiopische, afroamerikanische, technoide und klassische Musikformen, bis nicht mehr klar ist, warum man diese überhaupt als Gegensätze wahrnehmen sollte.